Zum Hauptinhalt springen

Ein Gruss aus der Fünfliberbüchse

30 von 125 Jahren im Hochofen der Emotionen: Der FCB ist Lebensgefühl und Kulturgut einer Stadt und ihrer Region.

Wenige Wochen vor dem Aufstieg. Im April 1994 kommen 42'126 Fans ins Joggeli, um das Spiel zwischen dem FC Basel und dem FC Zürich zu sehen.
Wenige Wochen vor dem Aufstieg. Im April 1994 kommen 42'126 Fans ins Joggeli, um das Spiel zwischen dem FC Basel und dem FC Zürich zu sehen.
Keystone

1. November 1988. Der ausgebildete Speditionsfachmann und frisch entlassene Bankangestellte steht unter der Redaktionstür des doppelstab und sucht sein Pult. Chefredaktor Martin Herter, Gott hab ihn selig, raunzt nach ein paar Minuten: «Die schlechten Journalisten hocken im Büro, die guten gehen raus – also, was machst du hier?»

So verkrümelt sich Volontär Rohr gleich an seinem ersten Arbeitstag auf den Landhof und starrt den Spielern des FC Basel Löcher in die Stulpen. Die Helden von damals heissen Uwe Dittus, Enrique Mata und Patrick Rahmen, doch es sind gefallene Helden, weil sie vier Monate zuvor in die NLB abgestiegen sind. Der Trainer ist Urs Siegenthaler. Ihn touchiere ich ein erstes Mal ein paar Wochen später auf dem Claraplatz.

Der FC Basel hat über zwei Millionen Franken Schulden, Spieler und Trainer betteln mit einer Sparbüchse in der Hand abwechselnd die Passanten an: «Hesch fünf Schtutz für d Vereinskasse?» Mein erster Aufmacher im doppelstab wird eine knackige Schlagzeile. Meine Gegner auf der Redaktion heissen Genitiv, Dativ und Interpunktion, die Gegner des FC Basel kommen aus Baden, Emmenbrücke, Glarus und Etoile Carouge. Vor den Auswärtsspielen betet Gusti Nussbaumer, schon damals die gute Seele des Vereins, dass der Benzintank des Teambusses voll ist; Siegenthaler musste die Karre einmal persönlich über die Wettsteinbrücke schieben, weil der Club kein Geld mehr für den Sprit hatte. Warmes Wasser in der Garderobe ist ein Luxus.

Sali Sigi, Grüss Gott Ernst-August

In seinem ersten NLB-Jahr verpasst der FC Basel den sofortigen Wiederaufstieg kläglich. Der Konkurs kann im letzten Moment verhindert werden, weil Bevölkerung und Gewerbe eine Million Franken zusammengebracht haben. Ein Gruss aus der Fünfliberbüchse. Vorzuweisen hat der FCB einzig die glorreiche Vergangenheit mit der Legende Helmut Benthaus.

Ende 1989 ist auch Urs Siegenthaler schon wieder Geschichte, Volontär Rohr moderiert im Gratiswochenblatt seinen ersten Trainerwechsel. Sali Sigi, Grüss Gott Ernst-August Künnecke. Ein paar Monate nach seiner Amtsübernahme steht der Deutsche vor meiner Schreibmaschine in der Redaktion und knurrt: «Alles nur Bockmist im Blatt! Ich will eine Aussprache mit Ihnen.»

Was ich damals wusste: Fussball ist verdammt schnelllebig. Was ich damals nicht wusste: In den nächsten 29 Jahren würde ich noch 20 weitere Trainerwechsel beim FC Basel journalistisch begleiten. Doch es ist halt wie beim Zungenkuss auf dem Pausenplatz: Das erste Mal vergisst man nie. Sechs Jahre dümpelt der FC Basel in der Nationalliga B. 1993 feiert er sein 100-Jahr-Jubiläum im kleinen Rahmen mit einem Festzelt auf dem Barfi. Über dem alten Joggeli breitet sich fast schon sportlicher Verwesungsgeruch aus, als es 1994 endlich mit dem Aufstieg klappt. «Nie meh Nati B!» Trainer Claude «Didi» Andrey hat das Wunder möglich gemacht.

Und jetzt, jetzt kehrt beim rotblauen Riesen die Kraft zurück. Seine Identitätskrise hat er hinter sich. Präsident Peter Epting, ein Sparpapst erster Güte, übergibt 1996 an René C. Jäggi. Eine Stadt erwacht. Und ein neuer Boss verbreitet Visionen: neues Stadion. Meistertitel. Champions League.

Für jeden Journalisten, der Fussball liebt, ist der FC Basel ein Volltreffer.

Nicht nur beim FCB gibt es Transfers. Ich tausche die Schreibmaschine des doppelstab mit einer Computertastatur beim Blick. Nun müssen es die grossen Buchstaben sein. An der Dufourstrasse in Zürich raunzt der Chef jeden Morgen: «Hau eine Story zum FCB raus. Der bewegt die Massen, Pfeife, kapier das endlich!»

Als Erstes lege ich mich mit Trainer Andrey an. Er spielt sehr defensiv, also wird er zum «Beton-Didi». Doch der Genfer hat einen grossen Vorteil: Anders als Urs Siegenthaler muss er nicht mit dem Kässeli auf dem Claraplatz Fünfliber sammeln. Dem FCB geht es finanziell deutlich besser. 1999 gelingt René C. Jäggi ein Coup: Er holt Gigi Oeri ins Boot. Eine Dame aus dem «Daig», der dem Club jahrelang nur die kalte Schulter gezeigt hat – das ist ein Meilenstein in der Geschichte des Vereins. «Ja, privates Geld wird fliessen», sagt sie im ersten Interview mit mir.

Wieder eine Schlagzeile, die an einen Zungenkuss auf dem Pausenhof erinnert. Jäggi und Oeri sind pures Kraftfutter für einen Club und eine Stadt, die in der übrigen Schweiz so händeringend nach Aufmerksamkeit lechzen. In der Politik spielt Basel seit Jahren nur in der 2. Liga. Aber im Fussball vereint der St.-Jakob-Park gefühlt gleich alle sieben Bundesräte.

2002 zelebriert der FCB dann seinen ersten Titel der Neuzeit – für die Boulevard-Gurgel aus Zürich beginnen damit die Festspiele. Meine Gegner auf der Redaktion sind das Ski-, das Tennis- und das Rad-Ressort, die alle mit dem Krisen-FCZ leiden. Die Gegner des FC Basel kommen jetzt aus Liverpool, Valencia und Manchester. Baden, Emmenbrücke, Glarus und Etoile Carouge sind weit weg. Was ich damals wusste: Der FC Basel ist ein einzigartiges Stück Schweizer Kulturgeschichte. Was ich damals nicht wusste: In den nächsten 16 Jahren würde ich noch 18 weitere Titelgewinne sowie insgesamt 46 Champions-League-Spiele der Rotblauen journalistisch begleiten.

Ein Stück Kulturgeschichte

2005 mein nächster und vorerst letzter Transfer: Vom Blick zur BaZ. Was ich gelernt habe? Fussball ist schnelllebig und der FC Basel ein einzigartiges Stück Schweizer Kulturgeschichte, und jetzt, ja jetzt, wird dieser Hochofen der Emotionen 125 Jahre alt. Aus dem fast bankrotten Club mit dem Wellblech-Vordach ist ein Palast mit goldenen Säulen geworden. Früher hatte er zwei Millionen Franken Schulden, heute investiert er zwei Millionen allein in den Trainerstaff.

Doch es ist nicht das Geld, das fasziniert, und es sind auch nicht einzig die Erfolge, die so viele Menschen seit 125 Jahren berühren. Der FCB ist Lebensgefühl, und Gefühle lösen immer etwas aus, weil man sie nicht kaufen kann. Deshalb sind sie so wertvoll. Der FCB mag ein schwieriges, kompliziertes 2018 haben. Er mag Fehler gemacht und seine treuen Fans verärgert haben. Doch gerade in trüben Stunden fasziniert er die Massen, weil er die Menschen verbindet. In Sieg und Niederlage. Was ich nach 30 Jahren und 14 Tagen sagen kann: Für jeden Journalisten, der den Fussball liebt, ist der FCB ein Volltreffer.

Hier gelangen Sie zur Beilage: 125 Joor FCB – eine Sonderbeilage der BaZ.pdf

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch