Infantinos grosse Chance

Gianni Infantino muss seine Lehren aus der Voruntersuchung der Ethikkommission ziehen, um ein glaubwürdiger Fifa-Präsident zu werden.

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Thomas Schifferle@tagesanzeiger

Gianni Infantino hat es nie verheimlichen können, seit er als Fussballfunktionär eine führende Rolle spielt: Er liebt die grosse Bühne, auf der er mit seiner Jovialität und Sprachfertigkeit glänzen kann. Der Entscheid der Ethikkommission der Fifa, kein Verfahren gegen ihn einzuleiten, darf ihn nur schon deshalb freuen. Er kann seinen Aufenthalt an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro von jetzt an unbeschwert geniessen.

Infantino und die Fifa profitieren

Es ist ein erfreulicher Freitag für ihn, ja, und das ist es nicht weniger für die Fifa. Eine Untersuchung gegen Infantino hätte ihrem Ruf und ihrer Institution weiteren Schaden zugefügt. Aber ein richtig guter Tag wird es erst dann sein, wenn Infantino wirklich bereit ist, die Lehren aus der Voruntersuchung der Ethikkommission zu ziehen.

Angetreten ist er nach seiner Wahl vom 26. Februar, um der Fifa nach der Blatter-Ära ein neues Gesicht zu geben und ihr neue Glaubwürdigkeit zu verschaffen. Er redete von neuer Bescheidenheit und erzählte von Flügen in der Economy-Class während seiner Wahlkampfreisen.

Die letzten Tage nicht lächelnd wegwischen

Fünf Monate hatte er geberaucht, um sich vom Aussenseiter zum Präsidenten hochzuarbeiten. Fünf Monate hat er auch nur gebraucht, um die Fifa-Ethiker ob seines Gebahrens die Nase rümpfen zu lassen. Infantinos Tempo ist beachtlich. Seine fehlende Sensibilität ist es ebenso. Wäre er anders gepolt, hätte er sich anders verhalten, hätte er es gar nie so weit kommen lassen, dass er Fragen zu neuen Matratzen, neuem Personal oder einem gesponserten Flug provoziert. Dann hätte er begriffen, was von einem Fifa-Präsidenten inzwischen verlangt wird, dass empfindlich darauf reagiert wird, wenn sein Verhalten nach persönlicher Vorteilnahme riecht.

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Infantino täte nun gut daran, die jüngsten Tage nicht lächelnd wegzuwischen, sondern sie als das zu nehmen, was sie sind: die nachdrückliche Erinnerung, dass er den versprochenen Kulturwandel auch wirklich vollzieht. Darum täte er gut daran, nicht weiter den Anschein zu machen, als seien ihm die offerierten rund 2 Millionen Franken als Jahressalär zu wenig.

Bevor Infantino zum Präsidenten gewählt worden war, sagte seine Schwester Daniela über ihn: «Er hebt nicht plötzlich ab und fliegt zu einem anderen Planeten, wenn er Fifa-Präsident wird.» Ein Flug zum Papst reicht schon, um Stürme und Diskussionen auszulösen.

baz.ch/Newsnet

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