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Superstar, Seriensieger, Vater – dann starb seine Frau

Fussballer Rio Ferdinand erklärt in einer Dok, wie er nach dem Schock seines Lebens den Weg zurück ins Leben fand.

Er musste lernen, wie man alltägliche Dinge erledigt: Rio Ferdinand.
Er musste lernen, wie man alltägliche Dinge erledigt: Rio Ferdinand.
Getty Images

Er war: Champions-League-Sieger, Clubweltmeister, sechsmal englischer Meister, er war Captain von Manchester United und der Nationalmannschaft. Er war: Rio Ferdinand, der Fussballer, der angetrunken und zu schnell Auto fuhr, der einmal acht Monate gesperrt war, weil er einen Dopingtest vergessen hatte. Er soll Verhältnisse mit anderen Frauen gehabt haben. Er war ein Star und lebte auch so.

Dann starb seine Frau an Brustkrebs. Und er musste auf einmal das normale Leben kennen lernen. Davon handelt die Dokumentation, die am Dienstagabend auf BBC lief: «Rio Ferdinand: Being Mum and Dad». Zu Beginn des Films sagt er: «Eine wunderbare Frau, grossartige Kinder, dann: Bang!, und alles hat sich geändert.»

???? Documentary follows @rioferdy5 as he tries to come to terms with losing his wife. 'Rio Ferdinand: #BeingMumAndDad', tonight 9pm @BBCOne. pic.twitter.com/1TGGuX5Sjm— BBC (@BBC) March 28, 2017

Ferdinand war 21, und Rebecca war 17, als sie sich Ende der 1990er-Jahre kennen lernten. Sie wurden zusammen älter, hatten ihre Höhen und Tiefen, sie bekamen ihr erstes Kind, dann das zweite, heirateten in der Karibik, weil sein Vater aus St. Lucia stammt, ein Mädchen folgte noch. Zu der Zeit war er längst der teuerste Verteidiger der Welt, der 2002 für 72 Millionen Franken von Leeds zu Manchester United gewechselt hatte. Er spielte Fussball, sie schaute nach der Familie, er liebte sie, sie interessierte sich nicht für seinen Sport, was ihm gefiel, weil er daheim abschalten konnte. «Sie war meine Seelenverwandte», sagt Ferdinand.

2013 wurde bei ihr Brustkrebs diagnostiziert. Die Krankheit schien geheilt, bis sie 2015 aggressiv zurückkehrte und sich im Körper ausbreitete. Innert zehn Wochen starb sie, 34-jährig, «das ist ungewöhnlich, dass es so schnell geht», erklärt Professor Stephen Johnston. Ferdinand redet mit dem Arzt, der sie behandelte, er hört ihm zu und bricht in Tränen aus. Rebeccas Arzt ist sein Vertrauter geworden.

Der hilflose kräftige Mann

Trauer ist das tiefere Thema dieser Dokumentation: Wie damit umgehen? Wie den Kindern helfen beim Verlust ihrer Mutter? Wie mit ihnen trauern? Wie ihre Fragen beantworten? Was sagen, wenn sie im Restaurant sitzen und wissen wollen: «Wieso haben die anderen noch ihre Mutter?» Das ärgert ihn, es macht ihn hilflos, diesen kräftigen Mann, der es als Fussballer gewohnt war, wenn ihm alles abgenommen wurde und er ausserhalb des Platzes keinen Finger rühren musste.

Im Spital sah eines der Kinder Grusskarten anderer Patienten. Es wollte wissen, was das ist. Er sagte: «Karten von Patienten und Familien, die den Ärzten und Schwestern für ihre Hilfe dankten.» – «Okay», bekam Ferdinand zur Antwort, «aber meiner Mutter haben sie nicht geholfen.»

In den ersten Tagen nach Rebeccas Tod sah er sie immer und dachte bei allem, was er machte, es sei falsch. Er hatte die Waschmaschine und den Trockner zuvor nie gesehen, er hatte sich nie ums Essen gekümmert, nie um die Kleider, Schuhe oder Schultaschen der Kleinen, die jetzt 10, 8 und 5 sind. Auf einmal musste er lernen, sich darum zu kümmern: «Leg deine Schienbeinschoner bereit! Bitte! Und geh die Zähne putzen! Danke!» Der Ton ist aggressiv bei dieser Szene. Irgendwann sagt er: «Wenn die Kinder nicht sprechen, ist es manchmal schwierig. Du fragst dich: Was denken sie? Sind sie besorgt? Sind sie glücklich? Sind sie traurig?» Er wusste nicht, wie er mit ihnen umgehen sollte, wie mit ihnen reden, und als er fragte, wie sie sich fühlen, verschlossen sie sich und liefen weg.

Seine Mutter kommt zu Wort. Sie sagt: «Ich sehe ihn im Stuhl sitzen und aus dem Fenster schauen, er hat seine Tagträume, und dann frage ich mich: Was denkt er? Was geht in ihm vor? Er hat Angst davor, sich zu entspannen. Weil dann die Emotionen rauskommen.»

«Möchte Rebecca, dass du leidest?»

Ferdinand erkennt, dass er Hilfe braucht. Er trifft sich mit einer Selbsthilfegruppe von Witwern, er fliegt nach Belfast zum nordirischen Golfer Darren Clarke, der 2006 kurz vor dem Ryder Cup seine Frau verlor. Clarke fragt: «Denkst du, Rebecca schaut von oben zu und möchte, dass du leidest? Das möchte sie nicht.» Ferdinand: «Meine grösste Sorge ist es, etwas zu machen, was meine Kinder destabilisieren könnte.» Clarke: «Es gibt ein Leben danach. Du bist noch ein junger Mann. Du bist immer noch hier. Das Beste, was du für deine Kinder tun kannst, ist, zu lachen.» Solche Gespräche sind es, die Ferdinand helfen. Er erkennt: «Wenn ich glücklich bin, sind es die Kinder auch.»

Als er noch der Fussballer war und sich «in der Machokultur der Garderobe» bewegte, wie er das selbst sagt, hielt er es für eine Schwäche, wenn jemand um Hilfe bat. Solche Leute wollte er nicht in der Kabine haben, weil sie das schwache Glied einer Mannschaft sind. Er dachte sich: «Raus mit ihnen!» Er hasste ihre Schwäche.

Er bestritt 700 Club- und 81 Länderspiele, er war immer bei den Starken, er wollte immer das Beste erreichen. Jetzt ist er auf BBC zu sehen, wie er weint und sagt: «Ich denke, ich habe nie richtig getrauert.» Er hat nie an Selbstmord gedacht, aber er versteht Menschen, die das in einer vergleichbaren Situation tun. Er denkt von ihnen nicht mehr, sie seien ignorant, und stellt sich nicht mehr die Frage: Wie bloss konnten sie ihre Kinder allein lassen? Die Fussballkabine ist weit weg.

Der Film ist wie eine Therapie für ihn. Sagt er. Aber er stellt fest, dass auch seine Kleinen Hilfe brauchen, eine Therapie. In Grossbritannien wächst jedes fünfte Kind mit nur einem Elternteil auf. Er wendet sich an eine Einrichtung, die sich mit dem Trauern von Kindern befasst, der Child Bereavement UK. Sie hilft ihm, den Weg zu finden, dass sich Lorenz, Tate und Tia ihm mehr mitteilen, dass sie mit ihm nicht nur über Erinnerungen reden, sondern auch über Gefühle.

Er bittet sie darum, das aufzuschreiben, was sie an ihre Mutter erinnert. Eines schreibt: «Ich liebte es, wenn sie mit mir einen lustigen Film anschaute.» Sie bewahren die Zettel in einer grossen durchsichtigen Flasche auf. Ferdinand spürt, wie sehr es ihnen hilft, wenn sie glücklich über ihre Mutter reden und nicht mehr traurig sind. Seine Mutter sagt: «Er ist ein fantastischer Vater.»

Die Dokumentation hat mit einem joggenden Ferdinand begonnen, sie hört nach einer Stunde mit einem joggenden Ferdinand auf. Er sagt: «Ich war besorgt, bevor die Therapie begann. Aber ich habe grossartige Leute getroffen. Wir müssen den Geist öffnen und an die kleinen, wunderbaren Momente denken, die wir hatten. Ich fühle mich nun besser ausgerüstet, um mit der Situation umzugehen. Sie schaut sicher von oben zu und sagt: Gut gemacht.»

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