Zum Hauptinhalt springen

Der Bayern-Eklat: eine heuchlerische Welt

Die Münchner sagen der Ultra-Szene den Kampf an, weil sie Dietmar Hopp beleidigt hat – das bringt aber nur etwas, wenn Rassismus und Sexismus eingeschlossen sind.

Schieben sich nach den niveaulosen Äusserungen einiger Anhänger den Ball zu: Spieler von Hoffenheim und Bayern. (Video: Sky Sport)

Und auf einmal schlägt seit Samstagnachmittag die Stunde der grossen Worte und Forderungen, des grossen Entsetzens und Verdammens. «Es ist das hässliche Gesicht des Fussballs», donnert Karl-Heinz Rummenigge, «wir sind am Tiefpunkt angelangt», fügt Fritz Keller bei.

Ein Transparent hat die beiden Präsidenten in Rage versetzt, Rummenigge von Bayern München und Keller vom Deutschen Fussballbund (DFB). Ein Transparent, auf dem der Hoffenheimer Mäzen Dietmar Hopp während des Spiels seiner Mannschaft von der gegnerischen Bayern-Kurve als «Hurensohn» verunglimpft wird – und das Rummenigge dazu veranlasst, den moralischen Kompass zu justieren. Jetzt sei der Moment gekommen, in dem die ganze Bundesliga und der DFB gegen die Chaoten vorgehen müssten, sagt er. Sagt der Chef eines Vereins, der seit Jahren jeden Winter nach Katar ins Trainingslager fährt und dabei Menschenrechtsfragen zu umdribbeln versucht.

«50 Hornochsen» zählt Gladbachs Sportdirektor Max Eberl. Aber das stimmt nicht.

Rummenigge sagt den Chaoten aus dem eigenen Haus den Kampf an, er will sie mit allen Mitteln identifizieren und aus den Stadien werfen. Der Vorsatz ist lobenswert, und irgendwann ist immer der Punkt erreicht, an dem genug ist. Es gibt keinen Grund, den bald 80-jährigen Dietmar Hopp zu beleidigen, wie das seit Jahren geschieht. Die Dortmunder Südtribüne hetzt gegen ihn, weil er in ihren Augen für das steht, was sie hasst: für den Auswuchs des Kommerzes im Fussball. Ganz so, als sei ihr Verein ein wohltätiges Unternehmen, das nicht auch von Grosssponsoren lebt. Oder acht Tage ist es erst her, dass die Kurve von Mönchengladbach den Kopf von Hopp im Fadenkreuz zeigt und so verkündet: zum Abschuss freigegeben.

Die Verantwortlichen reagieren nach solchen Vorfällen gerne mit dem Argument, es seien ja nur ein paar wenige, die sich daneben benehmen würden, «50 Hornochsen» zählt Gladbachs Sportdirektor Max Eberl. Aber das stimmt nicht. Tausende sind es am Samstag in Dortmund, die von der Südtribüne aus in einer Aktion der Verbrüderung mit den Bayern-Ultras Hopp beschimpfen. In Köln ziehen Chaoten am Abend nach, bei Union Berlin am Sonntag.

Karl-Heinz Rummenigge und Dietmar Hopp nach dem Spiel ihrer beider Clubs. (Bild: Keystone)
Karl-Heinz Rummenigge und Dietmar Hopp nach dem Spiel ihrer beider Clubs. (Bild: Keystone)

Wenn Rummenigge alles unternehmen will, um die Täter vom Samstag auszumachen, hat er eigentlich leichtes Spiel. Sie müssen intern bekannt sein, weil die Fan-Verantwortlichen eines Vereins immer wissen, wer in der Kurve das Sagen hat. Am Sonntag sitzt Heribert Bruchhagen in der Sport1-Sendung «Doppelpass» und redet über den Konflikt eines Vereins im Umgang mit den Ultras. Er war lange Chef etwa von Eintracht Frankfurt, jetzt sagt er: «Auch die Manager und Vorstände überlegen sich: Will ich den Krieg mit den Ultras?» Er wollte ihn nicht und suchte immer den Konsens. Das macht er sich heute zum Vorwurf. Auch er hätte mehr Mut haben müssen.

Das Problem, das der deutsche Fussball mit Beleidigungen und Rassismus hat, lässt sich immer auch auf die gesellschaftliche Ebene heben. Freiburgs Trainer Christian Streich klagt, das Land sei auf «einem ganz schlimmen Weg», schiebt einer «gewissen Partei» eine Verantwortung dafür zu, wobei er nur die rechtspopulistische AfD meinen kann, und sagt: «Wehret den Anfängen!» Das bringt ihm Applaus ein, das macht es aber nicht besser, dass die Verantwortlichen im Fussball zuschauen oder einknicken oder nicht entschlossen handeln. Aber was will man von ihnen schon erwarten, wenn der höchste Funktionär im Land, DFB-Präsident Keller, im Aktuellen Sportstudio des ZDF behaupten kann, dass der Rassismus in England oder den Niederlanden schon länger ein Problem sei als in Deutschland.

Ein Trainer beschimpfte 2015 die Leute auf der Bank von Hoffenheim als «Schweine»; das war der Freiburger AfD-Kritiker Streich.

Vielleicht liegt es ja daran, dass der Aufschrei nicht so gross war, als jüngst dunkelhäutige Spieler mit Affenlauten eingedeckt wurden. Leroy Kwadwo aus Würzburg passierte das in Münster oder Jordan Torunarigha von Hertha Berlin während des Cupspiels bei Schalke. Beide sind sie in Deutschland geboren, Kwadwo in Hamburg und Torunarigha in Chemnitz, wo die Fanszene von Nazi-Hooligans unterwandert ist. Torunarigha wurde gegen Schalke vom Platz gestellt, weil er eine Getränkekiste auf den Boden warf. Die Schalker Fanszene hatte sich letzten August gegen den eigenen Präsidenten gestellt und ihm die rote Karte gezeigt, Clemens Tönnies hatte sich rassistisch über Afrika ausgelassen.

Die Affenlaute gegen Torunarigha zeigen, wie gut die Schalker Kurve in eine heuchlerische Fussballwelt passt. Ein Trainer beschimpfte 2015 die Leute auf der Bank von Hoffenheim als «Schweine»; das war der Freiburger AfD-Kritiker Streich. Ein Manager nannte Hoffenheims ehemaligen Trainer Julian Nagelsmann einen «Pisser»; das war Max Eberl. Die Gladbacher Kurve verunglimpfte Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus vor zwei Jahren als «Hure»; Eberl erklärte die vielen Emotionen im Fussball simpel: «Wir sind einfach Menschen.» Die Hoffenheimer reden von «FotzenFreiburg». In Augsburg heisst es am Samstag: «Fick dich DFB». Das Niveau ist unterirdisch.

«Ab heute findet ein Umdenken statt», behauptet Rummenigge. Wenn es wirklich so sein sollte, hat der Samstag für den deutschen Fussball wenigstens etwas Gutes gehabt. Aber auch bloss dann, wenn der Aufschrei nicht nur bei einem Milliardär als Opfer gross ist, der mit seiner Firma Werbepartner des DFB ist, sondern auch bei einem kleinen Spieler dunkler Hautfarbe; wenn eben Rassismus und Sexismus mit aller Konsequenz bekämpft werden.

Die Hoffnung mag leben, dass sich etwas ändert. Am Samstag demonstrieren die Spieler von Hoffenheim und Bayern, indem sie während der letzten Viertelstunde den Betrieb einstellen und sich den Ball gegenseitig zuschieben. Das fällt leicht, Bayern liegt 6:0 vorne. Aber was passiert, wenn es die zweitletzte Runde ist, wenn es 1:1 steht und beide Teams dringend Punkte brauchen?

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch