China-Transfers werden immer absurder

Zähe Verhandlungen, kuriose Finanzkonstrukte, die Ehefrau unter Sabotageverdacht, ein Gerichtstermin: Anthony Modeste wechselt höchst unterhaltsam von Köln nach China.

Sieht die Kölner Fans jetzt auch mit Fernglas nicht mehr: China-Reisender Anthony Modeste.

Sieht die Kölner Fans jetzt auch mit Fernglas nicht mehr: China-Reisender Anthony Modeste.

(Bild: Keystone)

Das Arbeitsgericht Köln hatte den Kammertermin aus Saal IX in Saal I verlegt, man rechnete mit erhöhtem Publikumsandrang, für die Presse waren 20 Plätze reserviert worden. Aber der Termin am Donnerstagvormittag fand nicht statt, Anthony Modeste hatte den Antrag auf Wiedereingliederung in den Trainingsbetrieb des 1. FC Köln zurückgezogen. Sicher wird mancher Kölner Fussballfan das bedauert haben, denn die Verlagerung in den Gerichtssaal hätte der komischen Peking-Oper um Modestes China-Transfer eine dramatische Note hinzugefügt und ausserdem zum allgemeinen Verständnis des komplexen Vorgangs beitragen können.

30 Millionen Euro für Köln

Doch gestern um 19.40 Uhr meldete der Verein, dass der Termin storniert worden sei, weil der 29 Jahre alte Franzose den FC nun doch verlassen und seine Stürmerkarriere in der chinesischen Super League bei Tianjin Quanjian fortsetzen werde: «Alle relevanten Parteien haben sich geeinigt.» Ende der bemerkenswert kurzen Mitteilung. Dieser Transfer, der für Kölner Verhältnisse einen Rekord markiert, hätte eigentlich ein bisschen mehr Prosa verdient gehabt.

Wechselseitige Danksagungen zum Beispiel: Modeste hat in den zwei Jahren seiner Zugehörigkeit für den FC 40 Liga-Tore geschossen und bringt dem Klub nun auf der Basis eines Leihvertrages mit bindender Kaufoption eine stattliche Summe ein, wenn auch nicht die kolportierten 35,7 Millionen Euro. Aber ein Betrag, der in Richtung 30 Millionen geht, dürfte übrig bleiben – abzüglich der auf zehn Prozent taxierten Transferbeteiligung für Modestes vorigen Klub TSG Hoffenheim. Die umstrittenen Honorare für Modestes Berater übernimmt die Gegenseite.

Noch lohnender sieht die Sache für den Hauptdarsteller aus: Modeste bekommt im Laufe seiner Vertragszeit, deren Dauer noch nicht bekannt gegeben wurde, elf Millionen Euro. Pro Jahr. Steuerfrei. Der «Anschluss an die Weltspitze» ist in Chinas Fussball zum Staatsziel erhoben worden, zugunsten der ausländischen Entwicklungshelfer verzichtet die Regierung auf ein paar Steuermillionen. Den Chinesen ist bewusst, dass sie zugkräftige Spieler wie Modeste oder seine künftigen Teamkollegen Axel Witsel (belgischer Nationalspieler) und Alexandre Pato (Brasilien) nicht in die Chinese Super League locken können, indem sie an den Idealismus der Stars appellieren.

Ein «Lost-in-Translation»-Fall

Als der Fall zuletzt in Köln hin und her verhandelt wurde, hauptsächlich vertreten von Kölns Geschäftsführer Alexander Wehrle und Tianjins leidlich Englisch sprechendem Vizepräsidenten, häuften sich die Irritationen in der lokalen Presse. Plötzlich hiess es, Modeste wolle gar nicht mehr nach China, seine Ehefrau Maeva schon gar nicht. Es kam gar der Verdacht auf, dass sie das Zustandekommen des Transfers sabotierten, um sich stattdessen Olympique Marseille oder englischen Interessenten zuzuwenden.

Doch Kenner versichern, dass Modeste immer das Wunschziel China hatte. Das Engagement im Fernen Osten soll ihm die Altersvorsorge für die Zeit nach der Karriere sichern. Diese wird er wohl eher an der Cote d’Azur verbringen als im Kölner Villenviertel Hahnwald, wo die Familie zurzeit zu Hause ist. Modestes Heimat liegt in Südfrankreich, er ist in Cannes zur Welt gekommen.

Ein Trick, um Geld zu sparen

Auch die Chinesen hatten Ende der vorigen Woche erklärt, das Geschäft abblasen zu wollen. Angeblich hatten sie die Lust verloren, zu kompliziert sei der Handel, sie hätten eine Alternative zu Modeste an der Hand. Bis dahin war die Einigung unter anderem daran gescheitert, dass Köln nicht bereit war, einem Transferkonstrukt zuzustimmen, das die neueste Vorschrift des chinesischen Fussballverbandes zu umgehen suchte. Dabei geht es um eine Nachwuchsabgabe, die defizitär wirtschaftende Klubs in einen Fonds des Verbandes einzuzahlen haben, angeblich in Höhe der verausgabten Transfersumme, was aus einem 30-Millionen- theoretisch einen 60-Millionen-Transfer machen würde.

Ob diese «Sondersteuer» aber tatsächlich bindend ist? Oder bloss als Druckmittel in die Verhandlungen eingeführt wurde? Geht es um Vorteile im Geschäftsleben, gelten Chinesen als trick- und erfindungsreich. Der Schwabe Wehrle, der ebenfalls als clever gilt, kann das jetzt bestätigen.

Spezieller juristischer Beistand

Anfang der Woche wurden die Gespräche wieder aufgenommen. Beim FC war man nun entschlossen, auf einer handelsüblichen Transferabmachung zu bestehen, man wusste: Freitag, 18 Uhr Ortszeit, schliesst das Transferfenster in China. Für das grosse Finale hatten die Kölner inzwischen den Arbeitsrechtler Stefan Seitz hinzugezogen, der sich mit Fussballverträgen auskennt, weil er unter anderem die Berateragentur Sports Total vertritt.

Als Modeste den FC vor dem Arbeitsgericht verklagte, hatte der Verein die juristischen Gegenmassnahmen schon getroffen. Die Klage stellte im Übrigen keine Eskalation im Verhältnis zwischen Spieler und Club dar, sondern bloss ein weiteres taktisches Mittel im grossen Spiel. Man ging jetzt nicht im Streit auseinander, letztlich haben alle Seiten bekommen, was sie wollten.

baz.ch/Newsnet

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