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Chapecoense: Die Tragödie entzweit die Betroffenen

Chapecoense hat das Jahr seit dem Flugzeugabsturz sportlich hervorragend gemeistert. Manche Hinterbliebene aber fühlen sich vom Verein im Stich gelassen.

Die drei Spieler, die den Flugzeugabsturz überlebten, stehen seither im Zentrum der Aufmerksamkeit: Jakson Follmann, Neto und Alan Ruschel (v. l. n. r.).
Die drei Spieler, die den Flugzeugabsturz überlebten, stehen seither im Zentrum der Aufmerksamkeit: Jakson Follmann, Neto und Alan Ruschel (v. l. n. r.).
Getty Images

Chapecoense: Dieser Name wird immer mit dem Flugzeugunglück in Verbindung stehen, bei dem heute vor einem Jahr 71 Menschen ums Leben kamen. Die Maschine hätte das brasilianische Fussballteam ans Hinspiel des Finals der Copa Sudamericana bringen sollen. Weil es zu wenig Benzin getankt hatte, stürzte das Flugzeug in der Nähe der kolumbianischen Stadt Medellín ab. 19 Tote waren Spieler des Erstligisten, die weiteren Opfer waren Funktionäre, Clubangestellte, Journalisten und Crewmitglieder. Sechs Passagiere überlebten. Im Jahr seit der Tragödie hat es der Verein geschafft, eine komplett neue Mannschaft aufzubauen. Diese hat sich vorzeitig den Ligaerhalt sichern können.

Einen starken Kontrast zum sportlichen Erfolg bildet die Situation der Angehörigen der Verstorbenen: Ihr Leben ist geprägt von Gerichtsverfahren, Geldsorgen und einer schwierigen Beziehung zum Verein. Sie beklagen die fehlende Unterstützung und Fürsorge und tun sich schwer damit, dass die Priorität Chapecoenses beim sportlichen Weiterbestehen lag und nicht bei den Hinterbliebenen.

Ein Spieler schaffte das Comeback

Drei Spieler, zwei Crewmitglieder und ein Journalist überlebten den Absturz. Viel Aufmerksamkeit erzeugte das bisher einzige Comeback eines Überlebenden: Verteidiger Alan Ruschel wurde bei einem Benefizspiel gegen Barcelona eingewechselt und kämpft um seinen Stammplatz in der Mannschaft. Bis zu drei Interviews über den Absturz gibt er wöchentlich. Sein Teamkollege Jakson Follmann bat ihn kurz vor dem Absturz, den Sitz zu wechseln, und neben ihn zu sitzen. Die Person, die Ruschels ursprünglichen Sitzplatz einnahm, starb.

Auf dem Weg zum Comeback ist auch Neto. Er erlitt Kopfverletzungen und musste seine Rückkehr auf den Fussballplatz immer wieder verschieben. Auch ihm gilt sehr viel Aufmerksamkeit. «Früher war ich nur ein Fussballspieler. Heute stehe ich für ein Wunder», sagt der Innenverteidiger.

Für Ersatztorhüter Jakson Follmann wird eine Rückkehr auf den Fussballplatz nie mehr möglich sein: Ihm musste nach dem Absturz sein rechter Unterschenkel amputiert werden. Heute nimmt er Aufgaben als Clubbotschafter wahr, lernt, mit einer Prothese zu gehen und bildet sich weiter, um einmal Chapes Sportchef werden zu können. Kürzlich heiratete er – Ruschel und Neto waren seine Trauzeugen. Seit dem Unglück ist er über 40-mal geflogen.

An Fliegen ist für eine der beiden überlebenden Flugbegleiterinnen, Ximena Suárez, nicht mehr zu denken. Ohne Schlaftabletten würde sie nicht über die Runden kommen, erzählt sie der spanischen Zeitung «El País». «Ich bin nur dank Gottes Willen da.»

Der sechste Überlebende ist der Journalist Rafael Henzel, seit Kindestagen Fan von Chape. Er hat ein Buch geschrieben, um seine Erlebnisse zu verarbeiten. Sonst hat er sich nie in der Öffentlichkeit über den Absturz geäussert.

Nicht alle können sich am sportlichen Erfolg freuen

Die positiven Nachrichten rund um Ruschel, Neto und Follmann spiegeln sich auf dem Rasen wider. Das neue Chapecoense hat unter diesen Umständen beachtlichen Erfolg. Zusammengestellt aus diversen Leih- und Ersatzspielern anderer Vereine, hat der Club das Ziel dieser Saison erreicht: Klassenerhalt. «Für uns ist das wie der Gewinn der Champions League», ordnet Sportchef Rui Costa die Leistungen unter diesen Umständen ein.

Doch nicht alle sind glücklich mit der Entwicklung seit dem verhängnisvollen Tag im November 2016. Unter die freudige Stimmung rund um den Klassenerhalt mischen sich die zutiefst enttäuschten und traurigen Stimmen der Witwen. Sie fühlen sich vom Verein vergessen – und kämpfen mit rechtlichen Mitteln für die Anerkennung ihres Leids. Ein Bericht der kolumbianischen Regierung zu den Ursachen des Absturzes soll heute veröffentlicht werden. Die Versicherung bot jeder Familie eines Toten 200'000 US-Dollar Kompensation. Diese lehnten die Summe aber ab, sie verlangen das Doppelte.

Der brasilianische Verband hat jeder Spielerfrau eine Lebensversicherung ausbezahlt. Doch das löst die finanziellen Probleme der Familien der Clubangestellten nicht. Momentan laufen Verfahren der Angehörigen gegen Chapecoense selbst, die Fluggesellschaft und die Versicherung.

Der Umgang des Clubs mit den Trauerfamilien entzweit die Angehörigen. Manchen wurde vom Club eine Stelle angeboten. So ist Sirli Freitas, die Witwe des verstorbenen Pressechefs, heute die Fotografin des Vereins. Den Job des Masseurs übernahm der Bruder des Verstorbenen. Andere dagegen fühlen sich völlig vergessen: «Ich hätte erwartet, dass einmal jemand anruft und nachfragt: Wie gehts dir und den Mädchen? Braucht ihr etwas?» Aber das habe es nie gegeben, beklagt sich die Frau des damaligen Teamarztes. Der Club habe die Familien zu wenig unterstützt.

Der Präsident – sein Vorgänger starb ebenfalls beim Absturz – entgegnet: «Wir taten, was wir konnten. Manche Dinge im Leben versteht man erst, wenn einige Zeit vergangen ist.»

«Das war unsere Tragödie – nicht die des Vereins»

Die Witwe des Physiotherapeuten sagt: «Der Club bekam alle nötigen Mittel, sich neu zu erfinden. Die Verstorbenen und ihre Leben wurden einfach zur Seite geschoben. Aber diese Tragödie ist nicht Chapecoenses Tragödie – sondern unsere, die der Familien.»

Wie geht es im zweiten Jahr weiter mit Chapecoense? Eines ist klar: Die 71. Minute, gewählt nach der Anzahl der Opfer, wird auch in den kommenden Saisons eine spezielle bleiben: Dann vergessen die Zuschauer für einige Sekunden, dass das Spiel läuft, erheben sich und widmen ihre Gedanken den Verstorbenen. Alle zusammen singen sie: «Vamos Chape!»

Auf dem Fussballplatz stellt sich ein neues Problem: Die meisten Spieler wurden nur ausgeliehen oder mit kurzen Verträgen ausgestattet. Wie geht es weiter?

Wird der Spagat zwischen sportlicher Zukunft und trauriger Vergangenheit besser gelingen? Neto, der als überlebender Spieler mittendrin steht, glaubt nicht daran: «Bei Chapecoense siehst du heute nichts, das an die Verstorbenen erinnert. Es ist, als ob es sie gar nie gegeben hätte.»

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