Alles ausser gewöhnlich

Nach der Machtübernahme von Bernhard Burgener sind beim FCB die schweren Erschütterungen ausgeblieben.

Der einschneidende Umbruch, der Fussball-Basel ab dem 19. Februar so erschütterte: Er ist dem FCB bislang vollauf geglückt.

Der einschneidende Umbruch, der Fussball-Basel ab dem 19. Februar so erschütterte: Er ist dem FCB bislang vollauf geglückt.

(Bild: Keystone)

Marcel Rohr

Gab es im Frühling 2017 ein spannenderes Ligaspiel als dieses? FCB–Lausanne 4:3 (1:2). Ein seriöser Arzt hätte Fussballfans mit Bluthochdruck von einem Gang ins Stadion abgeraten. Bis 18 Minuten vor Schluss lagen die Basler 1:3 in Rückstand, ehe Seydou Doumbia, Manuel Akanji und Marc Janko mit ihren Toren innert zwölf Minuten alles auf den Kopf stellten. Diese 90 Minuten: Sie waren alles ausser gewöhnlich.

Und dennoch sprachen nur wenige an diesem 19. Februar vom 4:3 gegen Lausanne. Stunden zuvor hatten 20 Minuten und SonntagsBlick eine Meldung verbreitet, die Fussball-Basel in helle Aufruhr versetzte: Bernhard Burgener soll als neuer Hauptaktionär und Präsident den FC Basel übernehmen, Marco Streller wird Sportchef. Informationen, scharf wie Rasierklingen.

Sofort krampften sich die Herzen vieler FCB-Fans zusammen. Auf einen Schlag zeichnete sich das Ende der Ära Bernhard Heusler ab, diese Party, die schon knapp acht Jahre lang dauerte, die ihnen sieben Meistertitel in Serie und magische Europacup-Nächte am Laufmeter beschert hatte. Dazu unzählige Megatransfers, die aus dem FC Basel auch in finanzieller Sicht einen Riesen formten, der die nationale Konkurrenz in Grund und Boden spielte.

Diese so wunderbar eingespielte Crew um Präsident Bernhard Heusler und Sportdirektor Georg Heitz spürte, dass sie dem FC Basel nicht mehr neue Reize vermitteln konnte – viele Titel hin, goldene Buchhaltung her. In der Filmbranche in Hollywood spricht man in solchen Fällen gerne vom «Paradiessyndrom», welches mit Vorliebe hochbezahlte Schauspieler oder Regisseure befällt; diese sitzen dann tieftraurig in ihren Villen und bekämpfen ihre geistige Fahrt in die Sackgasse mit Alkohol oder Drogen. Bis sie der Psychiater wieder zurück in die Realität holt.

Der Anfang von Burgener

Das FCB-Präsidium brauchte keinen Psychiater, nur seinen klaren Verstand. Es nahm Kontakt mit Bernhard Burgener auf; jener erfolgreiche Unternehmer, der sich bereits Anfang der neunziger Jahre im FCB-Vorstand seine Sporen abverdient hatte. In der Unterhaltungsbranche hatte sich «BB» längst einen grossen Namen gemacht, mit 28 Jahren genoss er den Ruf eines Millionärs. Heute wird sein Vermögen auf rund 400 Millionen Franken geschätzt.

Über den Basler Anwalt und Mittelsmann Martin Wagner gab es die ersten Kontakte, und irgendwann fragte Wagner in der Stammbeiz im Baselbiet seinen Geschäftspartner Burgener: «Willst du den FCB übernehmen?» In dieser Minute ging beim mittlerweile 60-Jährigen ein Kindheitstraum in Erfüllung. Im April stellte Burgener an einer ausserordentlichen GV der FCB-Familie sein Konzept vor, Anfang Juni wurde er offiziell in sein Amt gewählt.

Damit war eine der spektakulärsten Club- und AG-Übernahmen im Schweizer Fussball besiegelt. Selbst mit einem halben Jahr Abstand ist der Stabwechsel von Bernhard zu Bernhard, von Heusler zu Burgener, dem real denkenden Supporter kaum erklärbar. Jeder Verein auf der Welt sehnt sich nach Strukturen, wie sie der FC Basel hatte. Jeder Verein auf der Welt sehnt sich nach dem sportlichen Erfolg, wie ihn der FC Basel feierte. Und jeder Verein auf der Welt sehnt sich nach Kennzahlen à la FC Basel – drei Jahre hintereinander wies er einen zweistelligen Millionengewinn aus. Zweistellig! Millionen! Gewinn!

Der Tages-Anzeiger beschrieb diese Situation mit einem kerngesunden Menschen, der ins Spital kommt und sich einer Herztransplantation unterzieht. Köstlich. Und treffend.

Das Ende von Fischer

Burgener machte sich mit seiner neuen Mannschaft an die Arbeit. Marco Streller, im Tagesgeschäft flankiert von Remo Gaugler, Roland Heri, Alex Frei und Massimo Ceccaroni, kündigte als erstes die Trennung von Urs Fischer an. Der Meistertrainer schien für Burgeners Konzept «Für immer Rot-Blau» ungeeignet; der Zürcher stand zwar für überragende Resultate in der Meisterschaft, doch unter dem 51-jährigen Fischer war zunehmend ein freudloses, mutloses Gekicke auszumachen, das höchstens noch den Vorstand überzeugte. Statt auf Fischer setzte Burgeners Crew auf ein Greenhorn der eigenen U21: Raphael Wicky hatte die Bosse bei seiner Präsentation begeistert. Der 40-jährige Walliser stach seine Mitkonkurrenten Patrick Rahmen und Thorsten Fink aus, der extra aus Wien angereist und dementsprechend enttäuscht war.

Das Risiko mit Wicky

Wicky also. Jener Mann, bei dem es die alte Führung kaum gewagt hätte, ihn vor die Profimannschaft zu stellen. Obwohl sie seine Qualitäten kannte und schätzte, war ihr das Risiko der Unerfahrenheit zu gross. Mit dem Gewinn des Doubles – Meisterschaft und Cup – hinterliess Fischer einen mächtigen DNA-Abdruck. Dennoch war es verblüffend, wie unbeeindruckt und zielorientiert Raphael Wicky im Juni seine ersten Trainerschritte bei den Profis hinter sich brachte. Das Miteinander war sofort spürbar; vom Ersatzspieler über den Materialchef bis hin zu Wickys Assistenten war ein neuer Geist geboren.

Und Burgener? Noch nie hat ein Präsident so konsequent Wort gehalten wie der Selfmade-Millionär aus Zeiningen. Das Tagesgeschäft überlässt er Streller, «weil er viel mehr von der Sache versteht als ich». Die meisten Kameras und Mikrofone lässt er aus. Alles ausser gewöhnlich. Das gilt gerade für den stets scheu wirkenden Burgener. Raphael Wicky dagegen demonstriert an vorderster Front, dass den Mutigen eben doch die Welt gehört. Mit mitreissendem Fussball. Mit vielen jungen Spielern, die er fordert und fördert.

Der einschneidende Umbruch, der Fussball-Basel ab dem 19. Februar so erschütterte: Er ist dem FCB bislang vollauf geglückt.

Basler Zeitung

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