Abenteurer Geiger hat keine Zeit zum Scheitern

Servette strebt den Aufstieg an - mit Trainer Alain Geiger, der sich bei den Genfern selber beworben hat und in der Schweiz noch einiges nachholen will.

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Peter M. Birrer@tagesanzeiger

Ein bisschen Nostalgie gehört zum Programm, darum: Blinker stellen, links abbiegen, hinein in dieses Quartier. Der Chauffeur kennt sich aus in der Gegend. Und in der Geschichte von Servette. Alain Geiger sitzt am Steuer und erzählt von früher, von Zeiten, in denen an dieser Strasse ein Stadion stand. Es war die Heimat des Genfer Clubs.

Aber die Charmilles gibt es nicht mehr, ein Wohnblock hat sie verdrängt. Ein Betonpfeiler, der früher als Leuchtmast diente, ist das einzige sichtbare Relikt. Aber die Erinnerungen sind nicht verschwunden. Und sonst kann Geiger nachhelfen.

Mit 21 zog er von Sion nach Genf, wurde 1984 Cupsieger und 1985 Meister, er prägte eine Ära mit, in der Servette noch eine Macht im nationalen Geschäft war und keine existenziellen Sorgen kannte. 1986 verliess er die Stadt nach fünf Jahren, verlor den Verein aber nie aus den Augen. Und jetzt ist Geiger zurück, zurück in einem Club, der mit 17 Meistertiteln immer noch der dritterfolgreichste des Landes ist. Als der Walliser im Sommer 2018 die Mannschaft übernahm, endete für ihn eine zweijährige Phase der Arbeitslosigkeit. Dank einer Bewerbung.

Fünf Stunden beim Tee

Geiger ist 58, für die Schweiz bestritt er 112 Länderspiele, erlebte eine WM und eine EM, er war auch Captain. Als er 1997 seine Karriere bei GC beendete, stieg er ohne Pause um und wurde Trainer. Aber ihm fehlte etwas, das ihn als Spieler noch ausgezeichnet hatte: Geduld. Er eilte von einem Ort an den nächsten, «überstürzt», sagt er selber, er glaubte, sich sprintend seinem Ziel zu nähern, entfernte sich davon aber. 2006 wagte er sich an eine Aufgabe in Marokko, ab 2010 folgten Stationen in Algerien, Ägypten und Saudiarabien.

Er lernte eine Begeisterungsfähigkeit kennen, die er so aus seiner Heimat nicht kannte. Oder er sass mit einem Präsidenten fünf Stunden beim Tee. «Ihr Schweizer habt die Uhren, wir Afrikaner haben die Zeit» - wie oft ist ihm dieser Satz vorgetragen worden. Geiger lernte zu improvisieren, das gehörte zu seinem Leben als Abenteurer. Irgendwo in der weiten Welt trainierte er. Und geriet in der Schweiz in Vergessenheit.

Ein Schulterzucken für die Zweifler

Als 2016 die Lust auf ein neues Engagement in der Fremde nachliess, wartete er daheim in seinem Walliser Wohnort Bramois auf ein Angebot. Aber er wartete vergeblich. Es gab immer wieder offene Stellen, aber wer dachte schon an Geiger? «Lustig war es nicht in dieser Zeit», sagt er. Also wusste er: Ich muss die Initiative übernehmen.

Er bot seinen Dienst zuerst Christian Constantin an. Sein geschultes Auge und seine Erfahrung würden als Argumente sicher überzeugen. Aber Sions Präsident offerierte ihm nur eine Stelle im Nachwuchs. Dann dachte Geiger an Servette, im März 2018 wars, als Coach Meho Kodro entlassen wurde. Er schickte sein Bewerbungsdossier nach Genf.

Viele fragten: Warum ausgerechnet er? Ist er der Aufgabe gewachsen? Geiger kümmerte das nicht.

Aber es verstrichen Wochen, in denen er vom Verein nichts hörte. Im Mai meldete er sich telefonisch - und wurde für seine Beharrlichkeit belohnt: Er bekam einen Zweijahresvertrag. Nach seiner Wahl nahm er zwar eine gewisse Verwunderung in der Öffentlichkeit wahr: Geiger, warum ausgerechnet er? Warum einer, der so lange weg war aus dem nationalen Geschäft? Ist er der Aufgabe gewachsen? Aber ihn kümmerte das damals so wenig wie heute. Sein Kommentar: ein Schulterzucken.

Die Vorbilder YB und Basel

In der Vorrunde häuften sich die kritischen Stimmen, als Servette eine Weile auf Platz 5 klebte. Die Kritiker riefen: Keine Überraschung, wir haben oft genug gewarnt. In der Zeitung wurde Präsident Didier Fischer mit dem Vorwurf konfrontiert, er habe diesen Trainer nur mangels Alternativen eingestellt. Fischer, ein lokaler Unternehmer, liess alles an sich abprallen. Geiger funktioniere pragmatisch, er sei glaubwürdig und direkt. Und auf einmal lief die Maschinerie: Servette wich auf die Überholspur aus und überwinterte als Leader mit sechs Punkten Vorsprung auf Winterthur.

In Genf ist mancher Versuch unternommen worden, Servette wieder einen glänzenden Anstrich zu geben. Geiger sagt nun: «Unser Ziel ist es, den Verein wieder dorthin zu bringen, wo er hingehört.» Er meint: die Rückkehr in die Super League. Und er meint auch: in einem zweiten Schritt an die Spitze der Super League. Nach wilden Jahren und Episoden mit Hochstaplern scheint eine solide sportliche wie wirtschaftliche Grundlage geschaffen worden zu sein. Das hat auch damit zu tun, dass Servette die Fondation Hans Wilsdorf im Rücken weiss - die Stiftung verwaltet das Erbe des gleichnamigen Rolex-Gründers. Die erste Mannschaft, sagt Fischer, koste rund 5,6 Millionen Franken.

«Wenn wir glauben, so gut wie aufgestiegen zu sein, könnte das kompliziert werden.»Alain Geiger

YB und Basel sind für Geiger Beispiele, wie sich eine Erfolgsgeschichte aufbauen lässt. Und als Trainer lässt er sich inspirieren von Grössen wie Jürgen Klopp oder Pep Guardiola, «sie erfinden den Fussball immer wieder neu». Ihn beeindruckt an den beiden besonders, dass sie sich nicht einfach auf ihre überragenden Könner verlassen, sondern das Spiel entwickeln, tüfteln, etwas wagen.

Sonderlob für Roy Hodgson

Geiger hat das Quartier, in dem die Charmilles stand, hinter sich gelassen, er fährt gemächlich Richtung Stadtzentrum. Er hat eben von Klopp und Guardiola geschwärmt, will aber auch Lucien Favre erwähnen, Marcel Koller, Christian Gross, die im Ausland Schweizer Botschafter gewesen seien. Und dann ist da noch Roy Hodgson, der die Schweiz an die WM 1994 führte. «Er hat nicht darauf geschaut, wer aus welchem Landesteil kam», sagt Geiger, «er bot einfach die Besten auf und hatte eine klare Spielidee. Grüppchenbildung gab es bei ihm nicht.»

Den Ausflug ins Archiv schliesst Geiger ab, schwenkt um in die Gegenwart und sagt: «Wenn wir glauben, so gut wie aufgestiegen zu sein, könnte das kompliziert werden.» Aber Scheitern, das ist keine Option, er hat keine Zeit dafür, weil er ehrgeizige Pläne mit Servette und darüber hinaus in seiner Karriere hat.

Am Bahnhof sagt Geiger noch: «Schöne Grüsse nach Zürich.» Bevor er süffisant nachschiebt: «Und schreiben Sie was Gutes über uns.»

baz.ch/Newsnet

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