Wenn der Gegner plötzlich Katar heisst

An der Copa América spielen seit 1993 Länder von anderen Kontinenten mit, diesmal neben Japan auch Katar. Der Fussball dient dem Wüstenstaat als aussenpolitisches Instrument.

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Ein wenig scheint der argentinische Trainer Eduardo Berizzo doch zu fremdeln bei dem Turnier, das den Namen Copa América trägt. Es ist das älteste, mithin traditionsreichste Kontinentalturnier des Weltfussballs; erstmals ausgetragen im Jahr 1916, seine 46. Ausgabe findet zurzeit in Brasilien statt. Berizzos Fremdeln liegt daran, dass sein aktuelles Team, die Nationalmannschaft Paraguays, im Estádio Maracanã von Rio de Janeiro gegen Katar antrat und nur ein 2:2 erzielte.

Katar? Ja, Katar, aktueller Asienmeister und Gast beim Südamerikaturnier. Die Copa América, urteilte Berizzo nach dem Spiel, sollte ausschliesslich von amerikanischen Teams beschickt werden: «Ich habe nie gesehen, dass eine südamerikanische Mannschaft zur Europameisterschaft eingeladen worden wäre.» Das gab es ja auch noch nie. Dass an der Copa América hingegen Teams teilnehmen, deren Länder gar nicht zum Südamerikaverband Conmebol gehören, hat sogar Tradition – seit 1993.

Damals durften zwei nordamerikanische Mannschaften mitspielen, Mexiko und die USA; um das Feld auf zwölf zu erhöhen und ein Turnierformat zu kreieren, das leichter handzuhaben ist. Die Mexikaner standen seitdem sogar zweimal im Finale, bislang blieb der Subkontinent davor bewahrt, die Trophäe in fremde Gefilde wandern zu sehen. Die Liste derer, die bei der Copa América dabei waren, ist länger geworden: Costa Rica, Honduras und Jamaika haben sich blicken lassen, ebenso die Japaner, die auch diesmal dabei sind, mit dem Kern des Teams, das bei den Olympischen Spielen in Tokio 2020 spielen soll. Nun also auch Katar. Sowohl Japan wie Katar erhalten ein Antrittsgeld in Höhe von jeweils 1,25 Millionen US-Dollar. Doch darum geht es für die Kataris wahrlich nicht.

Standortbestimmung fürs Nationalteam

«Die Copa América wird uns zeigen, wo wir stehen», sagt Félix Sánchez, der katalanische Trainer Katars, er freut sich auf die Duelle gegen Lionel Messis Argentinier und die Kolumbianer von James Rodríguez. Sánchez hat lange in der Nachwuchsabteilung des FC Barcelona gearbeitet, ging 2006 an die Aspire-Akademie, die in Doha eines der modernsten und grössten Trainingszentren der Welt in den Wüstensand gesetzt hat. Dort schulte der 47-Jährige nach Barça-Muster Nachwuchsspieler. Einige von ihnen haben es bis in die Nationalmannschaft geschafft – und bewiesen am Sonntag, dass sie zumindest mithalten können.

Nach nervösem Beginn lagen sie durch einen Elfmeter (Óscar Cardozo/2. Minute) sowie einen Treffer von Derlis González (55.) 0:2 zurück. Durch ein prächtiges Tor von Almoez Ali, der den Ball aus 20 Metern im Winkel versenkte, sowie einen Treffer von Boualem Khoukhi (77.) kam Katar zum verdienten Ausgleich. Wie schon bei der Asienmeisterschaft, bei der es die Auswahl Japan im Finale 3:1 besiegte, gefiel es mit Kombinations- und Ballbesitzfussball. «Niemand wird jetzt sagen, dass hier ein Riesenüberraschungsteam heranwächst», urteilte der renommierte brasilianische Kolumnist Paulo Vinicius Coelho. Wohl aber, dass «ein Team ohne Talent und Tradition versuchte, im Maracanã den eigenen Stil durchzusetzen». Da wurde Mannschaften schon Schlimmeres nachgesagt.

Millionen für den Glanz des Fussballs

Solches Lob dürfte den Autoritäten in Katar gefallen. Die Herrscher des Emirats pflegen den Fussball schon seit einiger Zeit als das aussenpolitische «Soft-Power»-Instrument schlechthin, nicht umsonst pumpten sie offenkundig einige Millionen in die Funktionärsszene des Weltverbandes Fifa, um die Ausrichtung der WM 2022 an Land zu ziehen. Zuletzt ist die Bedeutung des Spitzensports als Propagandamittel noch einmal gestiegen: Katar ist in der Region seit 2017 isoliert, Saudiarabien, Bahrain und Ägypten blockieren den Zwergstaat, werfen ihm unter anderem vor, islamistischen Terror zu finanzieren, was Katar vehement bestreitet. Und die Vorwürfe wegen Menschenrechtsverletzungen und der Ausbeutung von Arbeitern beim Bau der WM-Stadien für 2022 begleiten Katar gewissermassen, seitdem sie sich die WM-Ausrichtung gesichert haben.

Den Glanz des Fussballs, der dem entgegenstrahlen soll, lässt sich Katar einiges kosten – etwa durch direkte Engagements bei Paris Saint-Germain oder dem belgischen Proficlub KAS Eupen, wo talentierte katarische Fussballer europäische Erfahrungen sammeln sollen; durch Sponsoring-Partnerschaften von Qatar Airways bei traditionsreichen Vereinen wie Argentiniens Kultclub Boca Juniors, dem FC Bayern, bis vor wenigen Jahren dem FC Barcelona – oder in diesen Tagen bei der Frauenfussball-WM und eben mit Conmebol. Ende Oktober 2018 schloss die Fluggesellschaft einen bis 2022 laufenden Vertrag mit Südamerikas Verband ab; demnach sponsert sie die beiden Clubturniere des Kontinents, die Copa Libertadores und die Copa Sudamericana.

Geplatzter Traum vom Libertadores-Endspiel in Doha

Als im vergangenen Dezember das Libertadores-Finale wegen der Ausschreitungen beim Spiel zwischen River und Boca von der Conmebol ins Ausland verlegt wurde, träumte der Verband gar davon, das Endspiel in Doha zu beherbergen. Das war des Traditionsbruchs dann doch zu viel, das Finale fand in Madrid statt. Die Zahlen der Katar-Deals behält die Conmebol übrigens lieber für sich. Dass beide Finalisten der Asienmeisterschaft dabei seien, verleihe der Copa América «sportliches Prestige», sagte Conmebol-Präsident Alejandro Domínguez, als er gefragt wurde, welche Vorteile die Teilnahme Katars seinem Verband bringe.

Dennoch lockte die Partie gegen Paraguay nur 19'162 Zuschauer ins Estádio Maracanã, das beim letzten Spiel der WM 1950 gleich 200'000 Personen beherbergte. Die Zeitung «O Estado de São Paulo» fühlte sich an die Kulisse eines Durchschnittsspiels der Meisterschaft des Bundesstaats Rio de Janeiro erinnert. Das lag aber eher an den überteuerten Tickets, die auch dazu führten, dass das 4:0 Uruguays gegen Ecuador kaum jemand im Stadion verfolgte.

Im Mineirão von Belo Horizonte, der Stätte des 7:1-Erfolgs der deutschen Nationalmannschaft gegen Brasilien bei der WM 2014, waren nur 13'611 Menschen dabei, als der 18-malige Südamerikameister durch Treffer von Nicolás Lodeiro, Edinson Cavani, Luis Suárez und ein Eigentor von Verteidiger Mina die Ecuadorianer überrollte. Das Fussballentwicklungsland Katar konnte, immerhin, eine solch desaströse Niederlage vermeiden.

Süddeutsche Zeitung

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