Wenn Petkovic einfach schmunzelt

Vor dem Startspiel in Tiflis lässt sich der Nationaltrainer nicht einmal durch einen georgischen Rüffel aus der Ruhe bringen.

Die Medienkonferenz der Schweizer Nationalmannschaft vor dem Duell mit Georgien. Video: Eva Tedesco
Ueli Kägi@ukaegi
Thomas Schifferle@tagesanzeiger

Vladimir Petkovic schmunzelt. Dabei findet es der Mann vor ihm gar nicht zum Lachen.

Es ist Freitagabend in Tiflis, Medienkonferenz vor dem Spiel. Auf dem Podium sitzen der Schweizer Nationaltrainer, sein Captain Stephan Lichtsteiner und sein Goalie Yann Sommer. Und dann krallt sich ein georgischer Journalist das Mikrofon, auf dem Kopf trägt er eine Kapitänsmütze.

Er hat offenbar eine wichtige Frage zu stellen. Auf jeden Fall redet und redet und redet er. Und irgendwann muss Petkovic schmunzeln. Das ist, bevor der Nationaltrainer vom Übersetzer erfährt, worum es geht. Nämlich um Folgendes.

Am Montag hat Petkovic die Nationalmannschaftswoche in der Schweiz mit einer Einschätzung zum georgischen Fussball begonnen. Er sagte damals sinngemäss, die Georgier spielten eine Mischung aus brasilianischem und russischem Fussball. Der georgische Journalist ist damit gar nicht einverstanden. Und das sagt er Petkovic jetzt auch.

Der russische Fussball habe immer schon von der Kraft gelebt, bei den Georgiern hingegen sei es stets um die Improvisation gegangen, um das Lustvolle. Petkovic nimmt die Worte entgegen. Antwortet freundlich. Und schmunzelt weiter vor sich hin.

Die Ausgangslage: Scheitern verboten

Der 55-jährige Petkovic weiss aus seinen letzten beiden Qualifikationen, wie wichtig ein guter Start ist. Im Herbst 2014 gab es zum Einstieg zwei Niederlagen gegen England und in Slowenien und einige Unruhe, gerade um seine Person. Es brauchte eine grosse Kraftanstrengung, um sich für die EM in Frankreich zu qualifizieren. Zwei Jahre später gab es zum Anfang das 2:0 gegen Europameister Portugal und danach gleich noch das 3:2 in Ungarn, der Schwung trug die Schweiz an die WM 2018. «Positivität bringt Positivität», sagt Petkovic.


Video: Der komplizierte Qualifikations-Modus einfach erklärt

Wie sich auch kleine Nationen für die EM qualifizieren können. Video: Marcel Rohner.


50 Länderspiele hat er bisher bestritten, 29 gewonnen, nur 12 verloren. Zweimal, 2016 und 2018, stand er mit seiner Mannschaft in einem Achtelfinal. Das sind Fakten. Ein Fakt ist nun aber auch, dass die Teilnahme an der nächsten EM Pflicht ist. Das hat mit der Rolle der Schweiz als Nummer 8 der Welt zu tun, den Gruppengegnern und dem Modus.

Gegen die Nummern 10 (Dänemark), 22 (Irland), 91 (Georgien) und 211 (Gibraltar) mag es wohl zwei, drei unangenehme Aufgaben geben. Aber wer den Anspruch der Schweiz hat, der muss einen der ersten beiden Ränge erreichen, um sich direkt einen Platz an der Endrunde zu sichern. «Wir wollen dominant sein», ist Petkovics Grundsatz, wenn es um die Ausrichtung seiner Mannschaft geht. Das muss auch für diese Gruppe gelten.

Sollte es trotzdem schiefgehen, bleibt der Schweiz noch immer die Möglichkeit, über die Playoffs der Nations League an die EM zu kommen. Diesen ­Luxus hat sie sich dank des 5:2-Triumphes gegen Belgien erarbeitet.

Die Ausfälle: Petkovics Erinnerung

Wie sich die Zeiten geändert haben! Bis zum Start in die Nations League war Haris Seferovic im Land eher unbeliebt als beliebt. Dann schoss er beim 6:0 gegen Island ein Tor und wurde dafür vom St. Galler Publikum gefeiert. Und dann hatte er vor allem gegen Belgien seinen grossen Tag mit drei Treffern. Jetzt ist er nicht da, und auf einmal hinterlässt er eine Lücke. Seferovic zwickt es seit gut zwei Wochen in der Leiste, nachdem er für Benfica Lissabon in acht Spielen elf Tore erzielt hat.

«Wir reden über die, die da sind», ist das Credo von Coach Petkovic, «wir haben viele wichtige Spieler. Immer wieder ist einer von ihnen ausgefallen. Und trotzdem ist es gut gegangen. Keiner fehlt so sehr, dass wir dafür eine Entschuldigung suchen.» Er stützt sich etwa auf die letzte WM-Qualifikation, inklusive Barrage, als Shaqiri, Xhaka oder gerade Behrami immer wieder fehlten und sich die Siege trotzdem aneinanderreihten.

Darum verliert Petkovic zumindest öffentlich auch keinen weiteren Gedanken über die Erkältung von Admir Mehmedi und selbst nicht über den Ausfall von Xherdan Shaqiri. Auch Shaqiri, der Spieler von Liverpool, hat Probleme mit der Leiste, sie ist entzündet, und das offensichtlich schon länger. Das könnte denn auch eine Erklärung dafür sein, weshalb er seit Anfang Februar in neun Spielen seines Vereins nur noch zweimal kurz zum Einsatz kam.

Die Aufstellung: Das Fragezeichen

Das sind die Zahlenspiele zum System: 3-4-3 oder 4-2-3-1? Was wählt Petkovic für heute Nachmittag?

Wählt er eine Dreierabwehr, gibt er allen zentralen Verteidigern eine Chance, die derzeit in Form sind: Fabian Schär, Manuel Akanji und Nico Elvedi. Die beiden Aussenläufer sind in diesem System Stephan Lichtsteiner und Ricardo Rodriguez. Das Zentrum des Mittelfeldes bilden Granit Xhaka als Chef und Denis Zakaria als Assistent. Das 3-4-3 hat den Vorteil, dass sich die Defizite in der Offensive nach den zahlreichen Ausfällen zahlenmässig kaschieren lassen. Steven Zuber und Breel Embolo sind gesetzt, doch wer stürmt zentral: Mario Gavranovic oder Albian Ajeti?

Ein 4-2-3-1 könnte bedeuten, dass Petkovic rein auf dem Papier mehr auf die Offensive setzt. In diesem Fall verliert Elvedi seinen Platz in der Abwehr und kommt ein eher offensiver Spieler mehr zum Einsatz.

Wahrscheinlich entscheidet sich Petkovic für diese Variante. Und tut das in leicht abgeänderter Form. Demnach kommt Remo Freuler, von dem er so viel hält, in die Mannschaft und besetzt den Raum vor Xhaka/Zakaria und hinter Embolo/Zuber. Was offenbleibt, ist die Frage nach der Besetzung des Sturmzentrums. Setzt der Trainer auf Gavranovic, der Erfahrung hat, aber aus einer Verletzung kommt? Oder auf Ajeti, der weniger erfahren ist, aber kräftig ist, um gegen Georgiens kräftige Verteidiger zu bestehen?

Der Spielbeginn: Wieso um 15 Uhr?

Die Schweiz mag heute Samstag im Nationalstadion um 15 Uhr MEZ spielen, in Tiflis aber ist das 18 Uhr. Die Qualifikationsspiele werden von der Uefa seit einigen Jahren zentral vermarktet. Der europäische Fussballverband richtet Spielplan und Anspielzeiten auf die Bedürfnisse der TV-Anstalten aus, wichtige Partien starten eher zur Primetime – Georgien gegen die Schweiz gehört nicht dazu. Doch auch Gruppenspiele gegen weniger attraktive Gegner bringen gutes Geld.

Der Schweizerische Fussballverband erhält von der Uefa jährlich rund 2,5 Millionen Franken Prämie aus dem Vermarktungstopf. Und dank der frühen Spielzeit können die Schweizer gleich nach dem Match zurückfliegen.

Die Fortsetzung: Punkte als Basis

Die Mannschaft landet in der Nacht auf Sonntag kurz nach Mitternacht in Basel. Sie hat so vor dem Heimspiel gegen Dänemark zwei reisefreie Tage. Drei Punkte will sie auch dabeihaben, wenn sie zurückkehrt. Gegen vermeintlich kleinere Gegner ist die Schweiz seit Jahren nicht mehr gestolpert. Wieso? «Weil wir immer konzentriert gewesen sind, selbstbewusst, aber nie arrogant», sagt Petkovic, «und das soll auch dieses Mal so sein.»

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