«Was im Stadion abging, war wahnsinnig»

Trainer René Weiler ist mit Nürnberg seit 17 Spielen ungeschlagen – trotzdem ist der Aufstieg in die Bundesliga für ihn kein Muss.

Ein Herz und eine Seele sind René Weiler und sein Spieler Niclas Füllkrug nach dem Sieg gegen Leipzig.

Ein Herz und eine Seele sind René Weiler und sein Spieler Niclas Füllkrug nach dem Sieg gegen Leipzig.

(Bild: Getty Images)

Peter M. Birrer@tagesanzeiger

Die Dramaturgie kommt in diesem Drehbuch nicht zu kurz. Der 1. FC Nürnberg führt an diesem Sonntag gegen den Leader aus Leipzig 2:1. Er lässt gegen den Schluss beste Chancen aus, für die Erlösung zu sorgen – aber im dritten Anlauf fällt das 3:1 doch noch. Die über 40'000 Zuschauer hält es nach 94 Minuten nicht mehr auf ihren Sitzen, und Emotionen zeigt auch der Mann an der Seitenlinie: René Weiler (42), der Trainer.

Der Winterthurer übernahm die Nürnberger im November 2014 im Abstiegskampf und formte sie zu einem Spitzenteam der 2. Bundesliga. Nach einer Serie von 17 Spielen ohne Niederlage belegen die Franken Barrage-Platz 3 – acht Punkte vor dem Vierten und nur drei hinter dem Ersten.

Was macht Nürnberg so stark?
Wir sind eine Mannschaft, die unheimlich zusammenhält und einen starken Teamgeist pflegt. Wir zählen vielleicht nicht zu den drei Stärksten der Liga, und wir haben auch nicht die wirtschaftliche Stärke wie etwa RB Leipzig. Aber wir machen enorm viel mit unserem Ehrgeiz, mit unserer Mentalität wett. Es ist nicht angenehm, gegen uns zu spielen. Das hat man am Sonntag gegen Leipzig wieder gesehen, als wir auf den Rückstand eine wuchtige Antwort fanden und einmal mehr mit viel Einsatzwillen späte Tore erzielten.

Die Freude über das 2:1 war so riesig, dass ein Ersatzspieler Sie über den Haufen rannte.
Es war eine bezeichnende Szene: Jeder, wirklich jeder freut sich mit, wenn wir Erfolg haben. Ein Spieler sprang mich so energiebeladen an, dass ich zu Boden ging. Aber ich sehe es ihm nach (schmunzelt).

Worin liegt der Hauptunterschied zwischen dem 1. FC Nürnberg von heute und demjenigen im Herbst 2014?
Es ist Vertrauen geschaffen worden, die Leute können sich wieder mit dem Club identifizieren, und sie zeigen das auch. Was am Sonntag im Stadion abging, das war wahnsinnig. Die Zuschauer honorieren es, was die Mannschaft an Arbeit abliefert. Diese gewaltige Leidenschaft ist sensationell.

Sie erwarten jetzt sicher den letzten Schritt: den Aufstieg.
Ich glaube, sie erwarten, dass wir Dritter bleiben und uns damit für die Barrage qualifizieren.

Genügt Ihnen das?
Natürlich treibt mich der Ehrgeiz an, so erfolgreich zu sein wie nur möglich. Aber ich bin nicht verbissen und sage: Wir müssen unbedingt aufsteigen. So funktioniere ich nicht. Ich mache, was ich kann. Und wenn das Optimum am Ende nicht für das höchstmögliche Ziel reicht, dann muss sich auch niemand Vorwürfe machen. Gegenwärtig sieht es so aus, dass wir nicht alles verkehrt machen.

Was machen Sie als Trainer besonders gut?
Massgebend ist die richtige Personalauswahl. Die Spieler und Mitarbeiter, die eng mit der Mannschaft arbeiten, müssen ihre Rolle verstehen und sich realistisch einschätzen können. Wenn einer das Gefühl hat, er sei der geborene Regisseur, aber nicht das Auge für den öffnenden Pass hat, dann habe ich ein Problem. Es ist von zentraler Bedeutung, wie ein Team zusammengesetzt ist und wie ich mit ihm umgehe. Was zählt, ist das Leistungsprinzip, nicht der Name. Wenn ich etwas entscheide, überlege ich nicht zuerst, was sein könnte, wenn ich das durchziehe. Abhängigkeiten und Seilschaften interessieren mich nicht.

Ihr Vertrag in Nürnberg läuft noch bis 2017. Was ist mit dem Gerücht, dass Leipzig Sie verpflichten möchte?
Ich muss das nicht kommentieren. Ich habe keinen Stress und keinen Grund, an meiner Situation etwas zu verändern, weil ich mich wohlfühle. Ich bewege mich in einem Geschäft, in dem man gut beraten ist, nicht zu langfristig zu planen. Mein Antrieb ist der Fortschritt. Ich möchte die Mannschaft besser machen, jeden einzelnen Spieler. Und dafür brauche ich nicht das Licht der Öffentlichkeit.

baz.ch/Newsnet

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