Unruhen begleiten die Goldene Generation

Algeriens Finaleinzug beim Afrika-Cup feiern manche Einwanderer in Frankreich so heftig, dass es zu Zwischenfällen kommt.

Party in Paris: Algerier feiern den Finaleinzug ihres Nationalteams am Afrika-Cup. (Bild: Zakaria Abdelkafi)

Party in Paris: Algerier feiern den Finaleinzug ihres Nationalteams am Afrika-Cup. (Bild: Zakaria Abdelkafi)

Riyad Mahrez schien nicht zu wissen, wo er vor lauter Freude hinlaufen sollte. Er rannte an allen Mitspielern vorbei, schlug sich mit der flachen Hand auf die Brust, schrie, dann liess er sich einfangen. Wie man so ein Freistosstor halt feiert, das man zum 2:1 für sein Land in der fünften Minute der Nachspielzeit im Halbfinal des Afrika-Cups geschossen hat. Doch es dauerte nicht lange, da hatte der Captain der algerischen Nationalmannschaft seine Fassung wiedergewonnen. Denn noch in der Nacht widmete er sein Tor den Worten eines französischen Politikers, der Algerien das Ausscheiden gewünscht hatte.

Es sind besondere Umstände, die das Team Algeriens, als einer der Favoriten angetreten, in das Finale am Freitag gegen Senegal begleitet haben. «Wahnsinn», so beschreibt Karim Matmour die Stimmung im Land. Der frühere algerische Nationalspieler und Bundesligaprofi bei Borussia Mönchengladbach und Eintracht Frankfurt kommentiert in diesen Tagen als TV-Experte in seiner Heimat das Turnier in Ägypten. Bis um ein Uhr nachts sei er am Sonntag im Studio gewesen, sagt er am Morgen nach Algeriens Sieg gegen Nigeria am Telefon, geschlafen habe er um vier Uhr. «Überall, an jeder Ecke, ist Party.»

Mahrez verhöhnt französischen Politiker

Die Feierlichkeiten anlässlich der algerischen Erfolge haben in Frankreich allerdings für grosse Unruhe gesorgt. Dort, besonders in Paris und Marseille, zählen Einwohner mit Migrationshintergrund aus dem ehemaligen französischen Landesteil zu einer der grössten Minderheiten. Bereits nach dem Viertelfinalsieg gegen die Elfenbeinküste hatte es Ausschreitungen gegeben. Die Nachrichtenagentur AFP berichtete von geplünderten Motorradgeschäften nahe den Champs-Élysées. Landesweit wurden laut Innenministerium 43 Menschen festgenommen. Eine Frau kam laut Medienberichten ums Leben und zwei Kinder wurden verletzt, weil ein algerischer Fan in Montpellier die Kontrolle über sein Auto verlor und sie überfuhr. Am Sonntag, dem französischen Nationalfeiertag, gab es erneut Ausschreitungen und diesmal 282 Festnahmen.

Es war also nicht unbedingt überraschend, dass die rechtspopulistische Rassemblement National, bei der Europawahl in Frankreich mit knappem Vorsprung Sieger vor der Regierungspartei von Emmanuel Macron, das Thema aufgriff. Der Regionalpolitiker Julien Odoul twitterte am Samstag, man solle nicht von Innenminister Christophe Castaner erwarten, dass er «Gewalt und Plünderungen» und das «algerische Fahnenmeer» verhindere. «Vertrauen Sie den elf nigerianischen Spielern!», schrieb er. Dazu postete er ein Bild der nigerianischen Mannschaft.

Am Sonntagabend nach dem Spiel antwortete dann Mahrez, er teilte den Tweet des Politikers, versah ihn mit drei Tränen lachenden Emojis und schrieb: «Der Freistoss war für Sie.» Ausserdem twitterte er eine algerische und eine französische Fahne und schrieb: «Wir stehen zusammen.»

Ex-Nationalspieler Matmour sagt, der Erfolg sei «kein Zufall»

Mahrez, 28, ist in Sarcelles geboren, einem Vorort von Paris. Bis 2014 spielte er in Frankreich. Für die algerische Nationalmannschaft lief er erstmals 2014 auf, berühmt wurde er 2016, als er sensationell mit Leicester City die englische Meisterschaft gewann und zum besten Spieler der Liga gewählt wurde. Vor der vergangenen Saison wechselte der rechte Flügelspieler, der Begegnungen mit seiner herausragenden Technik alleine entscheiden kann, für angeblich 60 Millionen Pfund zu Manchester City, wo er elf Tore und acht Vorlagen zu Meisterschaft, FA Cup und Ligapokalsieg beitrug. Er ist inzwischen ein Weltklassefussballer – und für die Nationalelf wohl so wichtig wie nie.

Gemeinsam mit Senegals Angreifer Sadio Mané vom FC Liverpool ist Mahrez der prominenteste Spieler beim Afrika-Cup. Er traf beim 2:0 zum Auftakt gegen Kenia und beim 3:0 im Achtelfinale gegen Guinea. Am Sonntag, gegen die vom deutschen Trainer Gernot Rohr gecoachten Nigerianer, sah es lange nach einer Verlängerung aus, Algerien war durch ein Eigentor in Führung gegangen, Nigeria hatte durch einen Handpenalty ausgeglichen. Dass Mahrez zum Freistoss in der Nachspielzeit antrat und traf, mit einem Schuss in die Torwartecke, zeigte seine besondere Rolle. Mit seinen Worten nach dem Spiel verdeutlichte er diese noch mal.

Algeriens letzter Triumph liegt 29 Jahre zurück

Der Tweet und die Ausschreitungen in Frankreich seien ein grosses Gesprächsthema in Algerien, sagt Matmour. Selbst will er dazu nur sagen, dass sich alle Algerier weltweit freuen und ihr Team feiern könnten, aber dabei respektvoll gegenüber dem Land sein müssten, in dem sie wohnen. Wenn er über die Mannschaft spricht, dann lobt er auch die Klasse von Mahrez. Ein Schlüsselspieler sei allerdings ebenso Adlène Guedioura, obwohl über den 33 Jahre alten defensiven Mittelfeldspieler von Nottingham Forest kaum jemand rede: «Er schliesst alle Lücken, er ist ein Stabilisator.» Und Matmour lobt Trainer Djamel Belmadi: «Er hat es geschafft, die Spieler zu motivieren, für die Mannschaft zu spielen, nicht für sich selbst.» Der Erfolg, sagt er, «ist kein Zufall».

Algerien, zum ersten und bislang einzigen Mal 1990 Afrika-Cup-Sieger, hatte schon oft talentierte Mannschaften. Matmour selbst stand 2010 im Halbfinale und verlor. Doch diesmal, sagt er, «ist es etwas Besonderes». Die aktuelle Generation sei eine goldene. «Es wäre schade, da nicht alles rauszuholen.»

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