Nach Russland gezittert

Ein 0:0 reicht der Schweiz, um sich im Rückspiel gegen Nordirland für die WM zu qualifizieren.

Hier klärte Ricardo Rodriguez auf der Linie.

Hier klärte Ricardo Rodriguez auf der Linie.

(Bild: Keystone)

Es waren 175 von 180 Minuten in dieser WM-Barrage gespielt, aber die Schweizer Nationalmannschaft wusste zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht, ob sie nun im nächsten Sommer nach Russland reisen würde oder nicht. Das Spiel gegen Nordirland war schon lange kein Spiel mehr, es war ein Drama, das mit einer Fussballpartie nur noch am Rande etwas zu tun hatte. Auf dem Rasen rangen die Spieler um so was wie Spielkontrolle, und auf den Tribünen, da herrschte eine gewisse Konsternation, weil man sich diesen Abend fröhlicher und spannungsärmer vorgestellt hatte.

Und wenn sonst schon keiner etwas gegen die Stimmungslage unternehmen wollte, musste Vladimir Petkovic sich halt auch noch darum kümmern. Er stand vor seiner Ersatzbank und wollte den St.-Jakob-Park zumindest zu ein paar Emotionen animieren. Er wirbelte mit seinen Armen durch die Luft, es sah fast ein bisschen lustig aus, aber das war es natürlich nicht, da musste man dem Nationaltrainer nur kurz in die Augen blicken. Als dann noch Haris Seferovic unter den lauten Pfiffen des Publikums ausgewechselt wurde, weil er zuvor eine gute Chance ausgelassen hatte, schienen Petkovic und seine Spieler ganz alleine zu sein. Und ein paar Minuten blieben den Nordiren ja noch …

Maximaler Einsatz

Wenige Momente später konnte die Mannschaft sich jedoch zusammen mit dem Publikum über die geglückte WM-Qualifikation freuen. Es herrschte wieder Einigkeit. Aber vielleicht waren die Szenen kurz vor Schluss ja genau der Grund, dass die Schweizer das 0:0 über die Zeit retteten. Immer wieder hat der Nationaltrainer in der Vergangenheit betont, dass seine Spieler immer dann zusammenrücken, wenn sich der Rest gegen sie verschworen hat. Eben so wie in der 86. Spielminute.

«Wir sollten in dieser Hinsicht von den Fans aus Nordirland lernen, die ihr Team die ganze Zeit angefeuert haben», sagte Petkovic nach dem Spiel. Er wollte den Szenen kurz vor Schluss aber sonst keinen grossen Platz in seiner Analyse einräumen und sich lieber auf das konzentrieren, was die Schweiz an diesem Abend geschafft hat; und das ist die vierte WM-Teilnahme in Folge. «Das freut mich, auch wenn es in den beiden Barrage-Spielen nicht einfach war.» Einfach, das war es wirklich nicht.

Das Barrage-Rückspiel war noch mal ein kleiner Rückblick auf die letzten zwei Jahre, auf die gesamte WM-Qualifikation. Dort hatte sich die Schweiz – abgesehen von Duellen gegen Europameister Portugal – gegen Gegner behauptet, die spielerisch limitierter waren. Sie hatte sich von Wind, Regen und unbespielbaren Plätzen nicht aus der Ruhe bringen lassen, neun von zehn Partien gewonnen, auch wenn sie dabei nicht immer geglänzt hat. Und gestern war es ein letztes Mal so.

Weil die Schweizer ihre Chancen zu Spielbeginn nicht nutzten, mussten sie auf einem tiefen, aufgeweichten Rasen und gegen einen kämpfenden Gegner bis zum Ende arbeiten. «Ich habe von Anfang an gesagt, dass es schwer wird, und man hat gesehen, dass wir bis zum Ende kämpfen mussten», sagte Petkovic. In der zweiten Halbzeit schien die Schweiz von der Aussicht auf ein denkbares Gegentor derart gelähmt, dass die Nordiren zu guten Chancen kamen. Plötzlich kamen die Gäste leicht in die Schweizer Platzhälfte, sie gewannen 70 Prozent ihrer Zweikämpfe und hatten Möglichkeiten, zumindest eine Verlängerung zu erzwingen.

Die beste, als das Spiel schon in der Nachspielzeit war: Goalie Yann Sommer verpasste eine Flanke von der rechten Seite, Jonny Evans brachte den Ball mit dem Kopf aufs Tor, wo Ricardo Rodriguez, der Torschütze aus dem Hinspiel, auf der Linie klärte. Diese Aktion zeigte, wie schnell es gehen kann. Wie umkämpft die beiden Spiele waren. Auch wenn die Schweiz insgesamt die bessere Mannschaft war. Über 180 Minuten gesehen war das Schweizer Team das bessere.

Minimales Ergebnis

«Wir haben versucht, bei ziemlich schwierigen Bedingungen das Spiel zu machen, aber wir waren nicht effizient genug», sagte Granit Xhaka nach dem Spiel, «aber am Ende ist es egal, wie wir es geschafft haben. Nun haben wir das WM-Ticket nach Russland – und jetzt werden wir feiern gehen.»

Es mag sein, dass sich spätestens beim ersten WM-Spiel in Russland kaum noch jemand an die Barrage erinnert, der Fussball vergisst schnell. Und trotzdem bleibt, ganz leicht, der Umstand haften, dass die Schweiz trotz ihrer vielen Chancen kein Tor aus dem Spiel heraus erzielt hat. Dass ein fälschlicher Handspenalty aus dem Hinspiel das Duell entschieden hat. Und dass sie trotz einer fast makellosen Qualifikation bis zuletzt zittern musste.

Trotzdem ging der Blick schon kurz nach dem Spiel wieder nach vorne. Die Schweiz hat bei der WM schliesslich die nächste Chance zu zeigen, dass diese Generation mit aussergewöhnlichem Talent gesegnet ist. Dafür müsste allerdings endlich der grosse Sieg gelingen, der in Brasilien gegen Argentinien und in Frankreich gegen Polen nicht gelang. «Ist jetzt die Zeit gekommen?», wurde Petkovic nach dem Spiel gefragt.

Die Antwort darauf wird er frühestens in knapp einem halben Jahr geben können. Aber die Barragespiele gegen Nordirland haben zumindest bewiesen, dass die Schweizer Nationalmannschaft auch in schwierigen Phasen zusammenrückt.

Basler Zeitung

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