Marcel Kollers Aufstellungssorgen

Nach dem 1:2 im Hinspiel muss für den FC Basel gegen Linz alles passen, um die Champions-League-Playoffs zu erreichen. Doch wer soll die nötigen Tore schiessen?

Austraben vor dem Ernstkampf: Die Spieler des FC Basel im Abschlusstraining im Linzer Stadion Gugl. Foto: Andy Mueller (Freshfocus)

Austraben vor dem Ernstkampf: Die Spieler des FC Basel im Abschlusstraining im Linzer Stadion Gugl. Foto: Andy Mueller (Freshfocus)

Marcel Koller hat nichts gesagt. Wahrscheinlich wollte er seine Spieler nicht zusätzlich beunruhigen. Dabei wäre es in der Vorbereitung auf das heutige Spiel beim Linzer Athletik-Sport-Klub ja durchaus eine nützliche Information gewesen, dass die Basler auf dem Weg in die Champions League ausgerechnet in Kollers «Albtraum-Stadion» antreten. So schreiben sie es in Österreich.

2012 hatte Koller auf der Gugl (was für ein schöner Name für einen Albtraum!) bei der Eröffnung des sanierten Stadions 0:3 mit Österreich gegen die Elfenbeinküste verloren. Der Legende nach soll er sich vor dem Anpfiff über die offene Kopfseite des Stadions erkundigt haben: «Warum ist da offen? Wollen die nach Mekka schauen?» Nach der Niederlage sprach Koller dann über die mangelnde Atmosphäre.

Gestern machte der Trainer allerdings nicht den Eindruck, als habe er vor der Reise schlecht geschlafen. Die Architektur des Stadions schien ihm sogar ziemlich egal zu sein. «Mein Gefühl hier ist positiv, auch wenn das Ergebnis vor sieben Jahren nicht ganz optimal war», sagte er.

Wenn überhaupt, dann hätte der 58-Jährige ohnehin viel mehr Respekt vor der Ausgangslage als vor dem Spielort haben müssen: Der FC Basel will in Linz ein 1:2 aus dem Hinspiel wettmachen. Mit einem Team, das diese Saison noch nie ohne Gegentreffer geblieben ist. Gegen einen Gegner, der nach drei Spielen in der Liga noch immer keinen Gegentreffer kassiert hat.

Xhakas Verletzung

Für Koller ist seine vierte Europacup-Reise mit dem FC Basel ein Wiedersehen mit der eigenen Vergangenheit. Gleichzeitig ist sie aber auch die Erinnerung an seinen Alltag in Basel.

In Österreich hatte Koller im Vorfeld der Europameisterschaft 2016 konstant gegen die Euphorie im Land ankämpfen müssen. Das war auch der Grund, dass er sich bei der Qualifikation für die Endrunde in Frankreich ein Béret auf den Kopf setzte und herzhaft in ein Baguette biss. Es sollte ruhig jeder sehen: Jetzt ist es geschafft, jetzt dürft ihr euphorisch sein!

In Basel war das mit der Euphorie bisher eher selten der Fall. Vielmehr ist Koller seit fast einem Jahr damit beschäftigt, gegen die Unzufriedenheit einiger Spieler, die Unruhen rund um seine Freistellung und die Forderung nach attraktivem Spiel anzuarbeiten. Und jetzt könnte ihm ausgerechnet ein Erfolg in Österreich wieder etwas Ruhe verschaffen.

Die Hoffnung auf Millionen

Ein Erfolg mit zwei Toren Unterschied würde die Hoffnung des FCB auf eine Teilnahme an der Champions League aufrechterhalten. Auch wenn er erst noch die Playoff-Runde gegen Dynamo Kiew oder den Club Brügge überstehen müsste. Aber allein die Qualifikation für diese zwei Spiele ist der Uefa 5 Millionen Euro wert. Und ein Erfolg in Linz könnte auch wieder etwas von der Hoffnung zurückbringen, die nach dem 2:1-Sieg im Rückspiel gegen den PSV Eindhoven rund um den Club zu spüren war.

Seitdem haben die Basler ja kaum noch restlos überzeugt. Im Hinspiel gegen Linz spielten sie erschreckend emotionslos. Und jetzt fehlt ihnen im Zentrum ausgerechnet der an der Hüfte verletzte Taulant Xhaka, so was wie der Hauptverantwortliche in Sachen Emotionalität beim FC Basel.

Und im Sturm treten die Basler ohne Albian Ajeti und Ricky van Wolfswinkel an. Der Druck lastet auf Kemal Ademi oder Afimico Pululu, einem 23-Jährigen oder einem 20-Jährigen, die zuletzt beide bei Neuchâtel Xamax gespielt haben. Keine guten Vorzeichen vor einem derartig entscheidenden Spiel.

Basels kleines Endspiel

Der Druck, der auf dem Team lastet, ist zwar nicht so gross wie vor zwei Wochen. Selbst im Fall einer Niederlage würde der FCB weich fallen, in die Gruppenphase der Europa League nämlich. Und trotzdem geht es im 250. Spiel der Basler Europacup-Geschichte um viel. Es geht um den weiteren Verlauf der Saison und nicht zuletzt um die Antwort auf die Frage, was man von diesem Team eigentlich erwarten darf.

War der Sieg gegen Eindhoven das wahre Gesellenstück dieses Teams und haben die Basler entsprechend auch in der Liga und in der Europa League das Zeug, um in den nächsten Wochen für Furore zu sorgen? Oder waren vielleicht doch eher die Auftritte gegen den FC Thun oder den FC St. Gallen der wahre Massstab, wenn es um das Potenzial des aktuellen FC Basel geht?

In Linz sind die Basler zum zweiten Mal in dieser Saison in einer kleinen Endspielsituation. Der erste Anlauf gegen Eindhoven war ein eindrücklicher Beweis, was alles möglich ist. Unter Koller hatte man das Team noch nie so emotional, geladen und fokussiert erlebt. Seine Hoffnung und die des gesamten Vereins ruht darauf, dass die Basler den Schalter heute wieder umlegen und sich das nächste kleine Saisonziel sichern.

Nicht, dass das Linzer Stadion auf der Gugl Marcel Koller morgen tatsächlich noch in seinen Träumen verfolgt.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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