Wie viel Umbruch verträgt der FC Basel?

Der FCB ist bei seiner Personalplanung mit vielen Herausforderungen und Unwägbarkeiten konfrontiert. 13 Spieler haben entweder auslaufende Verträge oder sind heiss umworben.

Trimmen unter Palmen. Dreizehn FCB-Spieler absolvieren auf der Hotelanlage in Estepona schweisstreibende Gymnastik.

Trimmen unter Palmen. Dreizehn FCB-Spieler absolvieren auf der Hotelanlage in Estepona schweisstreibende Gymnastik.

(Bild: Hans-Jürgen Siegert)

Es ist eine lange Liste, quasi das halbe Kader des FC Basel, über die es sich derzeit trefflich diskutieren und spekulieren lässt. Spieler, deren Verträge im Sommer auslaufen oder bei denen es nur eine Frage der Zeit zu sein scheint, ehe es sie in grössere Ligen an noch üppiger gefüllte Truhen ziehen wird. Noch ist ein grosser Ausverkauf vor allem ein Thema der Medien und Stammtische, aber wie nie in den zurückliegenden Jahren gab es so viele Anzeichen für einen möglichen umfangreicheren Umbruch im personellen Bereich. Zuletzt war das 2007 so, als im Januar erst Zdravko Kuzmanovic ging und sechs Monate später mit Mladen Petric, Ivan Rakitic und Boris Smiljanic eine ganze Achse wegbrach. Es war dies aber auch der Sommer, als Benjamin Huggel und Marco Streller zurückkehrten, Namen, mit denen sich eine nächste, erfolgreiche Ära verbindet. Was veranschaulicht, dass auch vor dem aktuellen Hintergrund nicht alle Tage Abend sein muss.

Nach den Zeichen, die sich deuten lassen, werden mindestens vier Spieler kommende Saison mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht mehr dabei sein. Der prominenteste ist Franco Costanzo, der Captain und die Nummer 1 im Tor. Sein Vertrag läuft nach fünf Jahren in Basel aus, und es gäbe viele gute Gründe, mit dem Argentinier zu verlängern. Doch damit würde der FCB der grössten Torhüterbegabung, die er in den letzten Jahren herangezogen hat, die Tür zuschlagen. Yann Sommer, der sich in dieser Saison mit sporadischen Einsätzen zufriedengibt, wird die neue Nummer 1 im Basler Tor werden. Das ist schade für Costanzo, aber man kann es nicht als Schwächung des Teams bezeichnen. Dazu kommen der bald 31-jährige Reto Zanni, dessen Vertrag ebenfalls ausläuft, Beg Ferati, der sich dem SC Freiburg anschliessen wird, sowie Cagdas Atan, der den FCB aller Voraussicht nach noch in der aktuellen Transferperiode verlassen wird. Zu viel an Eigenwilligkeiten ist zusammengekommen, als dass der FCB den Türken hätte halten wollen.

Unal als Linksverteidiger

Zu diesen vier Namen kommen weitere drei von Spielern, die im zweiten Glied stehen, und deren Verträge auslaufen: Federico Almerares, Daniel Unal und Matthias Baron. Für die beiden Letzteren gilt, dass das Frühjahr eine weitere Bewährungsprobe darstellt. Den zentralen Mittelfeldspieler Unal probiert der Trainer gerade als Linksverteidiger aus, er traut ihm aufgrund dessen technischen Vermögens zu, den Backup für Safari zu geben, ohne dass er das nach zwei Einsätzen schon abschliessend bewerten will.

Der Fall Almerares wird auch davon abhängen, ob der im Mai 26 Jahre alt werdende Argentinier sich weiter in der Rolle als Stürmer Nummer 3 oder sogar 4 hinter Alex Frei und Marco Streller fügen will. Oder vielleicht auch davon, ob die argentinische Fraktion weiter ausgedünnt wird.

Meriten erworben

Womit man bei fünf klingenderen Namen wäre und bei David Abraham. Der dritte Gaucho im FCB-Kader ist nicht erst seit gestern in den Notizbüchern der Scouts. 25 Jahre wird der Innenverteidiger im Sommer, er hat auf gehobenem Niveau standgehalten und es würde nicht wundern, erläge er einer verlockenden Offerte. Herumgereicht wird sein Name bereits zur Genüge. Bei Aussenverteidiger Behrang Safari ist der Abschied nach drei Jahren Basel vorgezeichnet. Sein Vertrag läuft aus, er hat sich – auch als schwedischer Nationalspieler – genügend Meriten erworben, um einen guten Vertrag in einer grösseren Liga auszuhandeln. Und obendrein ein sattes Handgeld als ablösefreier Spieler.

Dazu kommen drei Perlen im FCB-Kader, die allesamt laufende, zum Teil noch sehr langfristige Verträge besitzen, und bei deren Verlust der Club immerhin eine fette Entschädigung in Form von Ablösegeldern zu erwarten hat: Samuel Inkoom, Xherdan Shaqiri und Valentin Stocker. Ihr Verlust wäre für den FCB sportlich schmerzhaft, unter dem Strich aber auch das Ergebnis dessen, dass der Club dort verkehrt, wo es ihn stetig hinzieht: im europäischen Schaufenster. Es ist ein wiederkehrendes Phänomen von Vereinen im Rang eines FC Basel: Der Erfolg frisst seine Kinder.

Gesamte Verteidigung könnte wegbrechen

Inkoom, für den sich aktuell der ukrainische Club Dnipro Dnipropetrowsk interessiert, hat sich neu einer Berateragentur in London angeschlossen. Der 21-jährige Ghanaer verweist bei Fragen nach seiner Zukunft ausserdem auf den FCB – dort sitzt mit Sport-Koordinator Georg Heitz eine Vertrauensperson von Inkoom, die bei seinem Wechsel in die Schweiz massgebenden Einfluss hatte. Dass der WM-Teilnehmer Inkoom früher oder später weiterziehen würde, war schon bei der Vertragsunterzeichnung vor gut zwei Jahren vorgezeichnet. Kommt alles zusammen, verliert der FCB seine gesamte Viererabwehrkette mit Inkoom, Abraham, Ferati und Safari.

Bei Xherdan Shaqiri stellt sich die Frage, wie viel Zeit sich der 19-Jährige gibt, um sich weiter zu entwickeln oder wie mächtig die Verlockung sein muss, um sein aussergewöhnliches Talent bereits in jungen Jahren zu vergolden. Bei Valentin Stocker, ebenso ein FCB-Eigengewächs und im April auch erst 22-jährig, sieht es etwas anders aus: Er hat nun schon über längere Zeit seinen Wert für den FC Basel und auch für die Nationalmannschaft bestätigt. Es wäre nachvollziehbar, wenn er im Sommer die nächste Stufe der Karriereleiter nehmen würde.

Der Evergreen aus Australien

Schliesslich ist da noch Scott Chipperfield, der seine zehnte Saison mit dem FCB absolviert. 35 ist der Australier am Jahresende geworden und wie oft ist in den letzten Jahren schon spekuliert worden, wann die Uhr für ihn in Basel ablaufen wird. Wie es aussieht, könnte sie sich weiterdrehen. «Ich würde ungern auf ihn verzichten, da sind wir uns in der Transferkommission einig», sagt Fink, «ich konnte mich immer auf ihn verlassen, und wir gehen davon aus, dass Scott verlängert.» Der Routinier selbst kann sich das auch vorstellen und sieht die Situation ganz pragmatisch: «Wenn vielleicht sechs oder sieben Spieler der Stammelf den Verein verlassen sollten, könnte es gut sein, dass ich mit meiner Erfahrung noch gebraucht werde.»

Was Chipperfield ausmalt, ist der schlechteste Fall. An einem möglichen Exitus der Stocker, Shaqiri, Inkoom & Co. liesse sich herauslesen, der Untergang von Rotblau stünde unmittelbar bevor. Oder man betrachtet es wie der Cheftrainer: als Herausforderung. Einen gewaltigen Umbruch auf einen Schlag fürchtet Thorsten Fink nicht, und erzählt ganz unaufgeregt, dass ihn die Offerte von rund zwei Millionen Franken für einen jungen Spieler wie Sandro Wieser, der noch kein einziges Wettbewerbsspiel mit den Profis gemacht hat, überrascht hat: «Das Angebot von Hoffenheim ist schon eine Adresse.» Und aus dem Nähkästchen fügte Fink an: «Für Shaqiri hatten wir noch keines in dieser Grössenordnung.»

Spieler in der Hinterhand

Von Panik will der Trainer erst recht nichts wissen: «Und wenn doch Spieler verkauft werden sollten, dann muss ich halt eine neue Mannschaft aufbauen.» So, wie er es bereits nach Ankunft 2009 in Basel getan hat – und im Sommer 2010 das Double holte. Die Voraussetzungen für eine fruchtbare Arbeit erachtet Fink beim FC Basel ohnehin als ideal: Nach Shaqiri ist Granit Xhaka auf dem Weg zu noch mehr Einsatzzeit im Fanionteam, und in Wieser drängt das nächste Talent nach. Drei Spieler in drei Jahren, die aus dem eigenen Nachwuchs ein Thema für die Stammelf sind oder werden könnten – das sind für den Trainer fast luxuriöse Bedingungen: «Wir haben gute Spieler in der Hinterhand, das ist beruhigend. Das zeigt, dass gut gesichtet und ausgebildet wurde. Damit kann man als Trainer der ersten Mannschaft arbeiten.»

Vieles deutet darauf hin, dass es beim FC Basel einen Umbruch gibt. Die Frage ist, wie viel davon vom Club gewollt oder fremdbestimmt sein wird. Mit dem Begriff «Ausverkauf» kann Vizepräsident Bernhard Heusler jedoch nichts anfangen, «weil es bedeuten würde, dass der Club Spieler zu Geld machen will.» Das Gegenteil sei im Moment der Fall: «Wir wehren eher ab.» Dem personellen Umbruch dagegen sieht auch Heusler entgegen: «Aber er kommt für die Clubleitung nicht aus dem Blauen. Gewisse Mutationen wird es geben, in gewissem Masse muss das in einer Mannschaft auch sein. Und dieser Herausforderung stellen wir uns.»

Basler Zeitung

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