«Ich bin jetzt ein anderer Eren Derdiyok»

Besuch beim ehemaligen FCB-Stürmer, der sich in der Türkei ins Rampenlicht zurückschiessen will. Eine baldige Rückkehr zum FC Basel schliesst Derdiyok aus.

«Das ist halt Istanbul.» Eren Derdiyok hat Verständnis für verspätete Journalisten.

«Das ist halt Istanbul.» Eren Derdiyok hat Verständnis für verspätete Journalisten.

(Bild: Andreas W. Schmid)

Istanbul am vergangenen Donnerstag: Der Taxifahrer kramt eine Zigarette hervor und bringt sie zum Glimmen. Das bedeutet: Alarmstufe 1. Immer wenn ein Taxifahrer in Istanbul ungefragt zu rauchen beginnt, das habe ich in den wenigen Tagen in der türkischen Metropole gelernt, weiss er nicht mehr, wo er sich befindet oder wo er genau hinmuss. Oder er steckt im Stau, ohne Aussichten darauf, diesen innert absehbarer Frist wieder zu verlassen. Bei dem Fahrer da vorne ist beides der Fall, entnervt zieht er am Glimmstängel.

Das Handy läutet. Eren Derdiyok ruft an. Vor einer halben Stunde hätten wir uns treffen sollen, im Restaurant Big Chefs in Göktürk, einem Villenviertel in Istanbul. Angeblich nur 30 Minuten von meinem Hotel entfernt. «Ohne Stau schaffen Sie es sogar in 20 Minuten», sagte der Mann an der Rezeption noch. Sicherheitshalber sind wir anderthalb Stunden vorher abgefahren. Nun sitzen wir also seit zwei Stunden in diesem Taxi.

«Wo bist du?», fragt Derdiyok.«Irgendwo in Istanbul. Frag mal den Fahrer, wo ich bin, der versteht leider kein Englisch.»

Die beiden reden miteinander. Schliesslich gibt der Chauffeur das Handy zurück, den Augenkontakt vermeidet er.

«Du bist noch eine Stunde von mir entfernt! Der hat sich total verfahren.»«EINE STUNDE??? Und jetzt?»«Tut mir leid, das ist halt Istanbul. Aber ich kann nicht mehr warten. Ich muss meine Frau zum Zahnarzt bringen. Die Weisheitszähne. Können wir uns morgen treffen?»«Geht nicht, dann fliege ich zurück. Ich fahre jetzt trotzdem in das Restaurant, ich muss ja irgendwann mal aussteigen.»

Der Blick aus dem Fenster gibt nicht viel her: Beton, Hochhäuser und Tausende, ach Gott, Millionen von anderen Autos, die alle ausgerechnet jetzt in die gleiche Richtung wollen. Ich gehe in meinen Unterlagen nochmals die Eckdaten zu Derdiyok durch. 26 Jahre alt … in der Jugend bei den Old Boys Basel … von 2006 bis 2009 beim FCB … 90 Pflichtspiele, 25 Tore … danach in die Bundesliga zu Leverkusen … 138 Einsätze, 35 Tore. Keine schlechte Bilanz, denke ich. Danach wechselt er mit einem Vierjahresvertrag zu Hoffenheim … ein einziges Törchen und in die Trainingsgruppe 2 mit lauter aussortierten Spielern verbannt … schliesslich nochmals leihweise zurück zu Leverkusen. Und nun ist er seit vergangenem Jahr in der Türkei, bei Kasimpasa, einem von fünf Istanbuler Teams.

«Komme gleich :)»

«Big Chefs», sagt der Fahrer voller Stolz. Oh, Wunder. Ich mache es mir an einem Tisch gemütlich. Schreibe Derdiyok eine SMS: «Geschafft. Schönes Restaurant. Telefonieren wir später?»

Er antwortet umgehend: «Bis wann bist du da, mein Freund?»«Von mir aus bis Mitternacht! Ist ja nicht weit, bis zum Hotel.»«Komme gleich :)»

Ich bin Eren Derdiyok zuvor noch nie persönlich begegnet und finde es deshalb nicht selbstverständlich, dass er nach einer halben Stunde vergeb­licher Wartezeit zurückkehrt. Wie viele andere Fussballer würden das auch machen?

Dann steht er plötzlich an meinem Tisch. Er will nichts von einer Entschuldigung hören.

«Ich bin nicht so arrogant, dass ich diese Verspätung als Beleidigung empfinde. Du hast es ja nicht absichtlich gemacht.» Dann nochmals: «Das ist halt Istanbul.»

Die NZZ hat ihn einmal ein «Prachtsmuni» genannt. 1,90 Meter gross, 88 Kilogramm schwer. «Seine Physis ist grossartig», sagte Robin Dutt, einer seiner Ex-Trainer, über ihn. Er könnte locker als Model durchgehen und hat auch mal, als er noch in Deutschland kickte, ein Angebot von einem türkischen Jeansunternehmen erhalten. «Ich habe es abgelehnt», winkt er ab, «bedaure es aber jedes Mal, wenn ich die riesigen Werbeplakate dieser Firma entlang der Autobahn sehe.»

Es gibt Schlimmeres. Und schon sind wir mittendrin: «Mein grösster Fehler war sicher der Wechsel zu Hoffenheim.» Er holt aus und erzählt fast ohne Punkt und Komma, wie er seine Auslandsjahre erlebt hat: «Bei Leverkusen bin ich nicht gescheitert. Das erste Jahr war unerwartet gut.» Gleich bei seiner Bundesliga-Premiere traf er ein erstes Mal. Mit Stefan Kiessling zusammen bildete er das gefährlichste Sturmduo der Bundesliga. Auch das zweite Jahr verlief ansprechend, Derdiyok spielte fast immer. Dann kam ein neuer Trainer: Auf Jupp Heynckes, der zu den Bayern ging, folgte Robin Dutt. Und plötzlich wusste er nicht mehr, woran er war.

«In der Vorbereitung spielten wir gegen Genk, es stand 1:1, als ich eingewechselt wurde und mit einem Hattrick einen 4:1-Sieg herausschoss. Nachher kam Dutt zu mir und sagte: Du bist mein Mann. Im ersten Meisterschafts­spiel verlieren wir gegen Mainz 0:2. Ich habe schlecht gespielt, das ganze Team spielte schlecht. Danach war ich nur noch Ersatz, ohne Begründung. Vielleicht hätte ich das Gespräch suchen sollen. Plötzlich war ich wieder in der Mannschaft, schoss bis zur Winterpause noch fünf Tore. In der Rückrunde wieder dasselbe Spiel: Eine schlechte Partie und schon war ich draussen.»

Als Dutt gehen musste und Sami Hyypiä kam, wurde es nicht besser. Derdiyok wollte einen Neuanfang und entschied nach seinem Bauch­gefühl. Das sagte ihm: Hoffenheim. Trainer Markus Babbel bemühte sich sehr um ihn.

«Inler, bist du von Napoli weg?»

«Doch dann lief alles total schief. Niederlagen. Eine Trainerentlassung nach der anderen. Ich kam nicht auf Touren. Da verbannten sie mich in diese Trainingsgruppe 2, um mich loszuwerden.»

Derdiyok geht vor Gericht, blitzt aber ab. Dafür darf er wenig später leihweise zu Leverkusen zurück. Er wird aber nicht mehr glücklich und erkennt: «Es hat alles sehr gut angefangen, ich bin wie gesagt nicht gescheitert, doch der letzte Schritt nach ganz oben ist mir nicht geglückt. Also habe ich mir gesagt: Manchmal muss man einen Schritt zurück machen, damit es von dort aus wieder vorwärtsgeht.»

Er wechselt in die Türkei, wo er seine Wurzeln hat; seine Familie stammt aus dem Osten des Landes. Bei Kasimpasa erhält er einen Dreijahresvertrag. Er kehrt früher aus den Ferien zurück, um sich einzuleben in seiner neuen Umgebung. Und er absolviert ein Fitnessprogramm, damit er wieder richtig fit ist. Doch im Training ereilt ihn ein Schicksalsschlag: Kreuzband­riss. Derdiyok ist lange weg vom Fenster. OP statt Torjubel.

Er nippt an seinem Mineralwasser. Wie er so dasitzt und auch redet, man könnte ihn für Gökhan Inler halten. Er findet das selber lustig: «Das ist mir hier schon mehrmals passiert, dass die Leute sagen: Was, Inler, bist du von Napoli weggegangen?»

Mit seiner Frau lebt er in Göktürk, wo Kasimpasa sein modernes Trainingszentrum hat. «Es macht riesig Spass hier in Istanbul, die Lebensqualität ist sehr hoch … mal abgesehen vom Verkehr natürlich. Sicher hilft uns, dass meine Frau und ich Türkisch können und die Kultur verstehen.»

Noch kein einziges negatives Erlebnis mit den so heissblütigen Fussballfans hat er seit seiner Ankunft gehabt. «Kasimpasa steht nicht so im Fokus wie Galatasaray oder Fenerbahce. Manchmal fragt jemand nach einem Selfie mit mir drauf. Aber sonst lässt man uns in Ruhe.» Das Stadion von Kasimpasa liegt im Zentrum von Istanbul und fasst 14'000 Zuschauer. Bloss 1000 bis 2000 Interessierte besuchen derzeit die Spiele des Clubs, was nicht nur mit dessen Mittelfeldplatz zu tun hat, bei dem nach vorne nichts mehr geht und nach hinten keine Gefahr besteht. Sondern auch mit dem obligatorischen Fanpass, der die Sicherheit der Spiele gewährleisten soll, aber von den Anhängern boykottiert wird.

Nach neunmonatiger Verletzungspause hat Derdiyok ein paar Tage zuvor gegen Rizespor sein Comeback gegeben, als er in der 89. Minute eingewechselt wurde. «Ein Anfang. Jetzt möchte ich wieder Fuss fassen. Spielen. Vielleicht noch das eine oder andere Tor schiessen. Und dann soll es in der neuen Saison richtig losgehen. Dann möchte ich Gas geben.»

Bei Kasimpasa, nirgendwo anders, auch nicht beim FC Basel, mit dem er gerüchtehalber in Verbindung gebracht wurde, als Marco Steller seinen Rücktritt verkündete. «Das wäre der falsche Zeitpunkt. Ich bin so lange ausgefallen, da muss ich mich zuerst hier durchsetzen. Und deshalb will auch nicht zu viel reden, sondern Leistung zeigen. Dasselbe gilt für die Nationalmannschaft. Würde ich etwas anderes sagen, wäre das lächerlich.»

«Du hast zu früh unterschrieben»

Trotzdem ist es sein Wunsch, irgendwann wieder beim FC Basel zu spielen. Das macht alleine schon deshalb Sinn, weil Derdiyok später einmal in Basel leben will. Mit seinen Eltern wohnte er eine Zeitlang in der Hammerstrasse, wo es ihm gut gefiel, zuvor wuchs er auf der anderen Seite des Rheins im Grossbasel auf.

«Ich erinnere mich gerne an meine Schulzeit, aber nicht wegen der Schule. Sondern weil wir so viel Fussball gespielt haben. Ich war ein richtiger Strassenfussballer. Beim Gotthelf-Schulhaus hatte es zwei Tore aus Eisen, die Schule begann um acht, wir aber waren schon um sieben da. Manchmal haben wir zu zweit gegen den Rest des Schulhauses gespielt, ich dribbelte, rannte, es drehte sich alles nur um Fussball.»

Christian Gross wurde auf ihn aufmerksam, als Derdiyok beim 6:1-Cupsieg des FCB gegen OB den einzigen Treffer für den Unterklassigen schoss. Es folgte ein rasanter Aufstieg, der ihn bis in die Nationalmannschaft brachte. Mit dem Höhepunkt, als er beim sensationellen 5:3 gegen Deutschland gleich drei Treffer erzielte. «Ich bekam daraufhin einige interessante Angebote. Mein Bruder Enver, der mich berät, sagte spasseshalber: Du hast ein paar Tage zu früh bei Hoffenheim unterschrieben …»

«Du hast mich in der SMS als Freund bezeichnet, dabei kannten wir uns gar nicht.»«So gehe ich eben mit den anderen Menschen um. Wenn ich jemanden nicht kenne, sehe ich ihn zuerst einmal als Freund. Ich kann meine Meinung immer noch ändern.»

Derdiyok klingt bei dem, was er sagt, bescheiden, bisweilen sogar demütig. Sein Image war bis jetzt ein anderes. «Sag ihm, dass er sich mal anstrengen soll», gab mir jemand vor dem Treffen mit auf den Weg. Ein anderer wünscht sich von ihm, dass er mit dem Abwinken oder dem Verwerfen der Hände auf dem Platz aufhöre.

«Ich verstehe, was damit gemeint ist. Jeder Spieler hat seine Körpersprache, sie darf aber nicht negativ sein. Es ging zwar nicht gegen die Mitspieler oder die Mannschaft, sah aber so aus. Ich habe deshalb, als ich zu Leverkusen zurückkehrte, mit einem Sportpsychologen daran gearbeitet. Das hat mir die Augen geöffnet. Ich bin jetzt ein anderer Eren Derdiyok. Wenn ich nun hadere, dann nur noch im Kopf. Lieber renne ich dem Ball hinterher.»

Eren Derdiyok hat sich zusätzlich zum halbstündigen Warten nochmals anderthalb Stunden Zeit genommen. Wir verabschieden uns.

«Viel Glück bei der Rückfahrt.»Die verläuft tatsächlich glücklicher. «Zurück gings schneller», schreibe ich ihm, «nur noch zwei Stunden im Taxi. Nochmals herzlichen Dank.»«Kein Ding, liebe Grüsse, Familie Derdiyok.»

Drei Tage später kommt er beim 5:3-Heimsieg gegen Bursaspor wieder­um kurz vor dem Ende zum Einsatz. Das reicht noch, um per Freistoss aus 25 Metern den fünften Treffer zu erzielen. Seine Torpremiere in der Türkei.

Er schreibt – vorläufig – ein letztes Mal: «War eine Erlösung nach so langer Zeit. Jeder Fussballer kann mit mir mitfühlen. Ein erster Schritt aufwärts… :)»

Basler Zeitung

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