Oberlin-Express nach Belgien umgeleitet

FC Basel

Stürmer Dimitri Oberlin, der noch beim FCB unter Vertrag ist, muss erneut den Klub wechseln. Eine schwierige Geschichte schreibt ihr nächstes Kapitel.

Dimitri Oberlins Gastspiel in Italien ist bereits wieder vorbei.

Dimitri Oberlins Gastspiel in Italien ist bereits wieder vorbei.

(Bild: Keystone)

Oliver Gut

Eines darf man Dimitri Oberlin noch immer attestieren: Der junge Mann ist schnell unterwegs. Allerdings versteckt sich in diesem Satz bereits Kritik. Denn Dimitri Oberlin ist nicht nur ein Fussballer, der schnell sprinten kann. Sondern er ist auch ein Fussballer, der schnell den Club wechselt. Vor zwei Jahren, da wurde er vom FC Basel leihweise von Red Bull Salzburg übernommen. Vor einem Jahr wurde er dann definitiv verpflichtet und mit einem gut dotierten Vierjahres-Vertrag ausgestattet. Vor einem halben Jahr wechselte er leihweise zum FC Empoli in die italienische Serie A. Und nun, da schliesst er sich leihweise dem SV Zulte Waregem an, um dort die ganze Saison 2019/20 zu verbringen.

Es ist dies nicht die Geschichte eines rastlosen Senkrechtstarters. Sondern es ist die Geschichte eines Spielers auf der Suche nach seinem zweiten, besseren Ich. Jenem Ich, das dem Gegner davonsprintet und wichtige Tore schiesst – jenem Ich, das er in Basel erst gefunden und dann auch wieder verloren hat.

Begehrlichkeiten geweckt

Wie dieses bessere Ich aussieht, weiss die halbe Fussballwelt seit dem 27. September 2017. Der FC Basel schlägt in der Champions League Benfica Lissabon 5:0. Dimitri Oberlin erzielt dabei zwei Tore und bereitet eines vor. Vor allem aber sprintet Dimitri Oberlin in der 20. Minute los: Nach einem gegnerischen Eckball, den er selbst im Fünfmeterraum klärt, hetzt er wie ein Verrückter übers ganze Feld, um schliesslich am anderen Ende wieder ans Leder zu gelangen und das 2:0 zu erzielen.

Es ist eine Aktion, die man nicht mehr vergisst - und es ist eine Aktion, die Fantasien anregt und Begehrlichkeiten weckt. Erst recht, wenn der FCB die Achtelfinals der Königsklasse erreicht und Oberlin dazu mit seinem Speed und seiner aus Planlosigkeit entstehenden Unberechenbarkeit insgesamt vier Tore beisteuert.

Vieles, dass Oberlin nicht so gut kann

Die Verantwortlichen des FC Basel nehmen zur Kenntnis, wie hoch Oberlin gehandelt wird. Sie lösen Ende April bei Salzburg eine Kaufoption ein und überweisen rund fünf Millionen Euro nach Österreich. Das, obwohl man längst erkannt hat, dass es neben dem Sprinten und Verwirren ganz vieles gibt, dass Oberlin nicht so gut kann. Die Annahme und die Verarbeitung des Balles zum Beispiel. Oder das Bedienen der Mitspieler. Und das mit der Geduld, das ist auch keine ausgesprochene Stärke von ihm. Wissend, dass Oberlin sich nicht entfalten kann, wenn er wenig Platz hat, hofft man auf Raphael Wickys Umschaltfussball und auf weitere rauschende Nächte in Europa, gegen Gegner, die sich nicht einigeln. Die Hoffnung zerschlägt sich bereits im Sommer. Raphael Wicky ist nach zwei Pflichtspielen der neuen Saison Geschichte und sein Nachfolger heisst Marcel Koller: Kein Trainer, der intensiven Pressing- und Umschaltfussball spielen lässt. Und auch kein Trainer, der im Zweifelsfall der Jugend Vorfahrt gewährt.

Das Ergebnis ist ernüchternd. Oberlin absolviert in einem halben Jahr unter Koller genau ein Spiel von Beginn an. Insgesamt kommt er auf 294 Minuten. Und auf ein Tor, beim 7:2 im Cup gegen das unterklassige Echallens. Ein Wechsel drängt sich auf, aber bleibt ohne Effekt: Bei Empoli folgen fünf Einsätze ohne Torerfolg.

Chance auf eine Entfaltung gesucht

Nun macht der Oberlin-Express in Belgien Station. Begleitet von der Hoffnung aller, dass er dort endlich wieder Fahrt aufnehme. Wie gut die Chancen stehen, dass das geschieht, ist schwierig abzuschätzen: Als Tabellen-Elfter der Jupilar League, der höchsten belgischen Spielklasse, dürfte Waregem das eine oder andere Spiel bestreiten, in dem es auf rasche Gegenstösse nach Balleroberung aus ist. Es wäre dies jene taktische Grundausrichtung, die Oberlin braucht, um bei seinen Defiziten überhaupt die Chance auf eine Entfaltung seiner Stärken zu haben.

Ist die Liaison eine erfolgreiche, könnte Waregem von einer Kaufoption zur definitiven Übernahme der Oberlin-Transferrechte Gebrauch machen. Die Verantwortlichen des FC Basel könnten damit leben, auch wenn sie dabei nicht mehr jene fünf Millionen einnehmen werden, die sie vor einem Jahr ausgegeben haben. Denn ein halbes Jahr hat gereicht, um in der rotblauen Führungsetage zum Schluss zu kommen, dass es ein Fehler war, Oberlin im Sommer 2018 an sich zu binden.Seither geht es nur noch darum, dass dieser Fehler am Ende nicht gar so kostspielig gewesen sein wird.

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