Eufemiano Fuentes und die Geschichte vom sauberen Fussball

Hintergrund

Die Verhaftung des Arztes Eufemiano Fuentes hat den versandenden Dopingskandal in Spanien wieder in den Fokus gerückt und mit ihm die Frage, ob der Fussball im Land des Welt- und Europameisters tatsächlich so sauber ist.

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Alexander Kühn@alexkuehnzh

Als die angesehene französische Zeitung «Le Monde» vor vier Jahren von Verbindungen des mutmasslichen Dopingarztes Eufemiano Fuentes zu Real Madrid und dem FC Barcelona berichtete, brach in Spanien ein Sturm der Entrüstung los – allerdings nicht gegen Real und Barça, sondern gegen Stéphane Mandard, den Autor des Artikels. Die beiden Fussballklubs setzten alle Hebel in Bewegung, um heil aus der Affäre herauszukommen. Es dauerte nicht lange, und «Le Monde» musste sich in einer Gegendarstellung von den brisanten Enthüllungen distanzieren, später kam eine Busse über eine halbe Million Franken hinzu. «In Spanien sind Fussballer Götter, man hat einfach nicht das Recht, über den FC Barcelona und Real Madrid schlecht zu reden», sagte Mandard im September gegenüber dem WDR-Magazin «Sport Inside».

«Unter den 200 Fuentes-Kunden waren nur 50 bis 60 Radprofis»

Trotz der Gegendarstellung von «Le Monde» haftet den spanischen Fussball-Triumphen der Makel der niemals aufgeklärten Vorwürfe an. Schliesslich glauben auch Pat McQuaid, der Chef des Radsport-Weltverbands UCI, sowie der frühere Radprofi und geständige Dopingsünder Jesus Manzano nicht an die Geschichte vom sauberen Fussball. McQuaid erklärte vor zwei Jahren gegenüber der ARD, er habe 2006 bei einem Treffen mit dem spanischen Sportminister und der im Fall Fuentes ermittelnden Guardia Civil brisante Informationen bekommen. Unter den 200 Fuentes-Kunden seien nur 50 bis 60 Radprofis gewesen, der Rest verteile sich auf Fussball, Leichtathletik, Schwimmen und Tennis.

Manzano sagte in «Sport Inside», bei der Durchsuchung von Fuentes’ Wohnung in Madrid habe man Blutbilder von Fussballern gefunden. Der umstrittene Arzt soll während eines Treffens auch von Scherereien mit dem Fussballklub von Las Palmas berichtet haben. «Fuentes war der Arzt in Spanien, der die besten Dopingmittel besass. Das ist wie in der Formel 1. Dort arbeiten auch die besten Mechaniker», so Manzano, der sich nach seinem Abschied aus dem Radsport als Gärtner reicher Leute durchschlagen muss.

7700 Seiten Akten, aber Doping war kein Straftatbestand

«Sport Inside» fragte sich , wie es sein kann, dass trotz eines Aktenberges von 7700 Seiten nur Radsportler als Kunden von Fuentes bekannt sind. Eine Erklärung hierfür liegt in der spanischen Gesetzgebung. Diese kannte zu Beginn der Ermittlungen den Strafbestand des Dopings noch nicht. Wenn Fuentes Anfang des kommenden Jahres tatsächlich endlich der Prozess gemacht werden sollte, muss er sich nur wegen «Verstosses gegen die öffentliche Gesundheit» verantworten.

Justiz und Politik blocken ab

Der zuständige Oberstaatsanwalt Eduardo Esteban äusserte sich diesen Herbst im WDR erstmals zu Fuentes und der Operación Puerto, die unter anderem den früheren deutschen Tour-de-France-Sieger Jan Ullrich zu Fall brachte. Er glaube nicht, dass beim Prozess gegen Fuentes neue Namen ans Licht kommen werden. «Ich habe in diesem Verfahren keinen Anlass zu glauben, dass auch Nicht-Radsportler Fuentes' Netzwerk genutzt haben», so Soler. «Wahrscheinlich könnte man schon ermitteln, welche Sportler sonst noch bei Fuentes waren, aber da dies für das Strafmass nicht relevant ist, wurden diese Ermittlungen nicht durchgeführt. Deshalb werden mit grosser Wahrscheinlichkeit auch keine neuen Sportarten und Athleten auftauchen.» Dass Doping in Spanien inzwischen sehr wohl strafbar ist, tangiert die Ermittlungen im Rahmen der Operación Puerto nicht. Die Politik erklärt sich für nicht zuständig, der Fall sei Sache der Justiz, findet Albert Soler, der Generaldirektor des Sportministeriums.

96 Blutbeutel, die keiner untersuchen will

Eufemiano Fuentes selbst könnte als Einziger Licht ins Doping-Dunkel bringen. Drei Monate vor seiner Verhaftung am Donnerstag war er aber nicht bereit, mit den Reportern von «Sport Inside» zu reden. Über einen Bekannten liess er ausrichten, er habe Angst, da sein Telefon abgehört werde. Angst nannte Fuentes auch als Grund dafür, warum er nicht weiter auf die Vorwürfe gegen Real Madrid und den FC Barcelona eingehen könne. Von den 96 Blutbeuteln, die laut zahlreichen Quellen in Barcelona in einem Labor lagern, sind keine Antworten zu erhoffen. Sie sollen nicht untersucht werden, da die Ermittlungen der Operación Puerto abgeschlossen sind.

Nach dem Prozess werden die Beweise vernichtet

Den Madrider Revisionsrichter Arturo Beltran, der den Fall Fuentes zweimal neu aufrollen liess und die treibende Kraft hinter dem Prozess gegen den Arzt ist, irritiert dies sehr. «Die Tatsache, dass es so viele Blutbeutel sind, kann einen schon zum Schluss kommen lassen, dass Athleten aus verschiedenen Sportarten bei Fuentes waren», gibt er zu bedenken. Beweisen könne man dies aber kaum. Es sei zu erwarten, dass die Blutbeutel und sämtliche Akten nach dem Urteil gegen Fuentes und einer allfälligen Revision vernichtet würden.

baz.ch/Newsnet

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