«Ein zweiter Schlag kann fatal sein»

Mit einer Gehirnerschütterung sollte man auf keinen Fall weiterspielen – dies könnte tödliche Folgen haben, sagt der Sportarzt Gery Büsser.

Der frühere GC-Goalie Roman Bürki erlitt im Februar in St. Gallen nach einem Tritt gegen den Kopf eine Gehirnerschütterung. Foto: Andreas Meier (Freshfocus)

Der frühere GC-Goalie Roman Bürki erlitt im Februar in St. Gallen nach einem Tritt gegen den Kopf eine Gehirnerschütterung. Foto: Andreas Meier (Freshfocus)

Was ist eine Gehirnerschütterung neurologisch gesehen?
Eine Gehirnerschütterung ist eine ­Verletzung auf zellulärer Ebene: Der Stoffwechsel der Hirnzellen wird gestört, ­wodurch die Kommunikation zwischen ihnen eingeschränkt wird. Dies führt zu den typischen Symptomen: geistige Verlangsamung, Konzentrations- und Erinnerungsverluste und Kopfschmerzen.

Wodurch wird das ausgelöst?
Die Verletzungen entstehen durch ein impulsartiges Schütteln des Kopfes. Es braucht dazu eine Beschleunigungskraft, indem man zum Beispiel den Kopf irgendwo anschlägt. Das Hirn prallt durch den abrupten Stopp gegen die Schädeldecke. Dabei kann es zu Zerrungen an den Hirnzellverbindungen kommen, sodass die elektrische Kommunikation zwischen den Zellen verlangsamt wird oder ganz ausfällt. Da die Hirnleistung von der Vernetzung der Hirnzellen abhängig ist, kommt es zu einer dramatischen Minderleistung.

Erholt man sich davon wieder?
Ja. Die Prognose der Gehirnerschütterung ist grundsätzlich gut bis sehr gut. Nach zwölf Wochen sind 90 Prozent von ihnen verheilt. Leider kann man aber im einzelnen Fall nie eine genaue Prognose geben, da sich die Verläufe stark unterscheiden können.

Im WM-Final spielte der Deutsche Christoph Kramer nach einem heftigen Schlag gegen den Kopf weiter. War diese Entscheidung ­richtig?
Es ist immer falsch, mit einer Gehirn­erschütterung weiterzuspielen. Entscheidend sind die Beurteilung der Bio­mechanik des Unfallgeschehens und der erste klinische Eindruck des Betroffenen. Am TV war die Situation nach der Slow Motion klar; vor Ort kann man aber den entscheidenden Moment leicht verpassen. Und wenn der Spieler seine vollständige Integrität beteuert, erschwert dies den vielleicht folgenschweren Entscheid einer Disqualifikation. Später wurde Kramer dann ja korrekterweise vom Platz genommen.

Was droht beim Weiterspielen?
Ein zweiter Schlag auf eine frische ­Gehirnerschütterung kann fatal sein. Das Hirn kann die Fähigkeit verlieren, den Blutdruck in den Gefässen zu regulieren. Es kommt zu einer Mehrdurchblutung, die zu einer Hirnschwellung führen kann – mit möglicher Todesfolge.

Ist das die einzige Gefahr?
Nein. Die Heilung kann deutlich ver­zögert werden, wenn nach erlittener ­Gehirnerschütterung weitergespielt wird. Kompensationsmechanismen und Fehlprogrammierungen können sich einschleichen, welche die Symptome verstärken und auch zu psychischen ­Folgeproblemen führen können.

Werden solche Verletzungen im Gehirn gespeichert?
Man weiss, dass mit jeder Gehirn­erschütterung das Gehirn weniger ­Beschleunigungsenergie braucht, damit eine neue ausgelöst wird. Man muss aufpassen, nicht immer wieder eine weitere Gehirnerschütterung zu erleiden, denn das kann nicht gut sein.

Wie viele dieser Schläge verträgt der Kopf?
Das ist schwer zu sagen. Die Wissenschaft steckt hier noch in den Kinderschuhen. Oft ist es auch schwierig, eine Gehirnerschütterungs-Symptomatik von Gleichgewichtsproblemen oder Hals­wirbelsäulenbeschwerden abzugrenzen. Manchmal muss ein Sportler bereits nach einer Gehirnerschütterung aufhören. Beim ZSC gibt es aber auch Spieler, die hatten bereits elf Vorfälle und zeigen keinerlei Beschwerden. Bei früh verstorbenen American-Football-Spielern konnten jedoch alzheimerähnliche Hirn­gewebeveränderungen festgestellt werden, die möglicherweise auf wiederholte Gehirnerschütterungen zurückzuführen sind. Ob, bei wem und wie häufig dies auftritt, ist aber noch völlig offen.

Alzheimer durch Schläge? Das klingt beängstigend.
Man darf nicht voreilig die Alarm­glocken läuten, dafür weiss man viel zu wenig über diese Prozesse. Es gibt keinen Grund zu sagen, Fussball oder Eis­hockey seien sehr gefährliche Sport­arten.

Eishockey und Fussball sind schneller geworden. Gibt es des­wegen mehr Gehirnerschütterungen?
Nein, das glaube ich nicht. Man beginnt aber, genauer hinzuschauen, die Sportler für das Problem zu sensibilisieren und früher einzuschreiten.

Ist ein Helm oder ein gepolstertes Stirnband ein wirksamer Schutz?
Pragmatisch gesagt: Das nützt alles nichts. Die Beschleunigung, die zur Verletzung führt, ist unabhängig davon, was man auf dem Kopf trägt. Wenn man aber gefasst ist, also eine Spannung in der ­Nackenmuskulatur hat, kann man die Energie so weit minimieren, dass keine Gehirnerschütterung ausgelöst wird. Ein Helm kann wohl den fokussierten Energieeinschlag auf den Schädel verteilen und dadurch das Risiko für einen Schädelbruch verringern. Aber wenn man gepolsterte Stirnbänder als Gehirn­erschütterungs-Prävention verkauft, wiegt man die Athleten in einer falschen Sicherheit. Das ist dann gefährlich.

Machen Kopfbälle eigentlich ­tatsächlich dumm?
Es gibt unterschiedliche Studien dazu. Die einen sagen Nein – die anderen sagen doch, man sei kognitiv verlangsamt nach einem Kopfball. Da ist sich die Wissenschaft noch nicht einig, die Studienlage ist dürftig. Aber Fussball spielen wir doch alle, die einen mehr, die anderen weniger. Dass wir deswegen alle ver­blöden, glaube ich nicht.

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