Die rotblaue Ruhe hat bald ein Ende

Der FC Basel startet in die Rückrunde der Fussballmeisterschaft – mit Titelchancen, einer Trainerfrage und anderen Problemen.

Sitzt Marcel Koller auch im Sommer noch auf der Bank? Foto: Andy Müller (Freshfocus)

Sitzt Marcel Koller auch im Sommer noch auf der Bank? Foto: Andy Müller (Freshfocus)

Oliver Gut

Der FC Basel kann Schweizer Fussballmeister werden. Nun, da Rotblau mit nur zwei Punkten Rückstand auf den BSC Young Boys in die zweite Saisonhälfte startet, ist dieser Satz logisch. Doch es ist auch ein Satz, von dem man zu Beginn dieser Spielzeit nicht gedacht hätte, dass man ihn im Winter schreiben würde. Zu gross war zuvor der Abstand zu YB gewesen, zu viel zusätzliches rotblaues Geschirr war im Juni zerschlagen worden.

Dass der Satz seine Berechtigung hat, liegt an einem Trainer, der sich nicht einmal durch seine kurzzeitige Freistellung beirren liess und berechenbar-solid weiterarbeitete. Es liegt an einer Mannschaft, die sich zwischenzeitlich mit diesem Trainer so abgefunden hat, dass sie vor allem in grossen Partien eine Eigenmotivation mit positiver Wirkung entwickelte. Und es liegt auch an einer Clubführung, die um eines fast krampfhaft bemüht ist: das Bewahren der Ruhe in Club und Umfeld – primär durch Zurückhaltung.

So kann es nicht weitergehen

Bis hierhin ging diese Rechnung auf. Die Prognose sei jedoch gewagt, dass dies so nicht weitergehen kann, will man sportlich auf Kurs bleiben. Denn wer durch die jüngsten Resultate unter dem Eindruck steht, der FC Basel habe als Unternehmen wieder eine ähnliche Stabilität erlangt wie vor der Ära Bernhard Burgener, der täuscht sich. Denn der vom Präsidenten bei Amtsantritt angekündigte, immer wieder schmerzhafte Wandel ist keineswegs so weit vollzogen, dass abschätzbar wäre, ob er zum gewünschten Ergebnis führt.

Zwar ist sportlicher Erfolg im Fussball paradoxerweise sowohl Endprodukt wie auch Basis von Stabilität. Doch so sehr dieser für einen Club von zentraler Bedeutung ist, so stark wird er auch von verschiedensten Faktoren beeinflusst. Und beim FC Basel beinhalten einige wesentliche Faktoren Probleme, die einer Lösung harren.

Rosarotes Aussenbild

Mit der Ernennung von Percy van Lierop zum Nachwuchschef und der Versetzung Massimo Ceccaronis nach Indien ist eines dieser Probleme Anfang Januar angegangen worden. Gleichzeitig ist es Beleg dafür, wie sehr der Club zuletzt um ein rosarotes Aussenbild bemüht war: Dass der Holländer seit Sommer unter Vertrag war, wurde selbst da noch unter den Teppich gekehrt, als Van Lierop als Nachwuchschef verkündet wurde.

Ähnlich wird man bei der nächsten Personalie nicht vorgehen können, die es zu entscheiden gilt: Zum Rückrundenauftakt steht neben dem Sport abermals der Trainer im Fokus. Aktuell endet Marcel Kollers Vertrag im Sommer – wenn er nicht Meister wird. Die Clubführung hätte diesen Kontrakt in der Winterpause vorzeitig verlängern können, um für mehr Ruhe zu sorgen. Stattdessen scheint sie die Gunst des Spielplans zu nutzen, um die Resultate aus den drei anstehenden Spitzenspielen in Bern, gegen St. Gallen und beim FCZ wirken zu lassen.

Es gibt in der Clubführung keine einheitliche Meinung auf die Frage, ob Koller der Mann für die Zukunft ist.

Die Vorgehensweise ist vertretbar. Denn – wie im Sommer in anderer Konstellation – es gibt in der Führung um Burgener, Mitinhaber David Degen, CEO Roland Heri und Sportdirektor Ruedi Zbinden keine einheitliche Meinung auf die Frage, ob Koller der Mann für die Zukunft ist. Viel länger zuwarten sollte man aber nicht. Denn das hemmt Entscheidungsprozesse und könnte insbesondere die Kaderplanung sowie die sportliche Leistung negativ beeinflussen: Auch die Spieler wollen wissen, woran sie sind.

Jeder im Club weiss all das spätestens seit dem Theaterstück im vergangenen Juni. Trotzdem sind die Chancen intakt, dass es zu einer Reprise des sommerlichen Eiertanzes kommt. Denn es gibt weitere Faktoren, die Probleme bereiten und Einfluss haben.

So ein Faktor ist die Führungsstruktur. Inzwischen ist diese nach Marco Strellers und Alex Freis Ausscheiden aus dem AG-Verwaltungsrat sowie Ceccaronis Neudefinition von sportlichem Übergewicht entschlackt. Gleichzeitig kommt sie aber mager daher: Einzige neue Stimme ist Degen im Holding-Verwaltungsrat, während das strategische Gremium der Profifussballabteilung nach Ceccaronis Versetzung praktisch nur noch aus Burgener und Heri besteht.

Den AG-Verwaltungsrat im Sommer mit unabhängigem Know-how zu ergänzen, wäre wohltuend.

Den AG-Verwaltungsrat im Sommer mit unabhängigem Know-how zu ergänzen, wäre wohltuend. Umso mehr, als Degen die einzige Führungsperson im ganzen Unternehmen ist, deren berufliches Wohl nicht von Burgener abhängt. Alle anderen befinden sich in einer Konstellation, in der sie sich zweimal überlegen dürften, wie sie sich gegenüber dem Clubbesitzer und Arbeitgeber äussern, was offene Diskussionen nicht fördert.

Ein grosser Faktor ist auch das Geld. Seit Burgener übernommen hat, ist es nicht mehr gelungen, mehr einzunehmen als auszugeben. Bereits per Ende 2018 hatten die Reserven von ehemals 60 Millionen Franken um ein Drittel abgenommen. Und es deutet vieles darauf hin, dass dieser Trend trotz Sparplan nicht gestoppt wurde, die Diskrepanz zwischen Einnahmen und Ausgaben per Ende 2019 abermals mehrere Millionen beträgt.

Da ist etwa die Transferpolitik, die zwar noch keinen Notverkauf, aber zuletzt nur noch Leihzugänge beinhaltete. Da ist aber auch das renovationsbedürftige Stadion, zu dem es vor Jahresfrist radikale Umbauideen gab – und von denen man seither nichts mehr hört. Das kann an Uneinigkeit liegen. Oder auch daran, dass keiner bereit ist, das nötige Geld aufzubringen.

Und es führt rund um den FCB zur Frage: Wie lösen Burgener und Degen einen allfälligen Liquiditätsengpass? Dass sie fremdes Kapital suchen, hört man schon länger. Ungewöhnlich ist das nicht. Aber es wird sofort zum grossen Politikum, sollte dereinst Geld aus Kreisen fliessen, die nicht mit dem Club und der Region verbunden sind.

Kollers Millionensalär

Die Finanzen vor Augen, kommt auch bei der Trainerfrage ein interessanter Gedanke. Schon im Sommer gab es Stimmen, welche die Umkehr des Grundsatzentscheids auch mit den Zusatzkosten einer vorzeitigen Koller-Trennung erklärten. Nun ist die Ausgangslage allerdings umgekehrt: Kommt es mit Koller nicht zur Verlängerung, trennt man sich von einem Trainer mit einem festen Jahressalär von über einer Million Franken. Entsprechend dürfte man in diesen Tagen intensiv darüber beraten, ob eine günstigere Variante – noch dazu unter Berücksichtigung des Mannschaftsklimas – nicht zumindest gleich viel Erfolg in Sachen Sport und Spiel(er)entwicklung bringt.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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