Die Fussball-Droge aus DDR-Produktion

Hintergrund

Dynamo Dresden ist für den Osten Deutschlands weit mehr als ein Fussballklub. Als der achtfache DDR-Meister in dieser Woche den Aufstieg in die 2. Bundeliga schaffte, sahen fast eine Million Fans zu.

Begeisterung in Schwarz und Gelb: Die Dynamo-Fans feiern ihre Mannschaft.

Begeisterung in Schwarz und Gelb: Die Dynamo-Fans feiern ihre Mannschaft.

(Bild: Keystone)

Alexander Kühn@alexkuehnzh

Der Schweizer Sportinformation war Dynamo Dresdens Aufstieg in die 2. Bundesliga am späten Dienstagabend nur eine kurze Notiz wert. Für den Osten Deutschlands ist der Coup der Sachsen dagegen die Sportnachricht des Jahres, und sie wäre es auch dann noch, wenn Schalke 04 die Champions League gewonnen hätte und Michael Schumacher zum achten Mal Formel-1-Weltmeister würde. Die Verehrung für Dynamo besitzt im ehemaligen DDR-Gebiet fast schon religiöse Züge, die langen Jahre in der Dritt- und Viertklassigkeit haben sie nur noch gesteigert.

Dynamo-Fan ist man nicht, weil man wie ein Anhänger von Bayern München oder dem FC Barcelona jedes Jahr einen Titel erwarten kann. Dynamo-Fan ist man, weil der Klub wie vielleicht kein zweiter für das steht, was den Fussball neben schönen Toren und Kombinationen wirklich ausmacht – Tragödien, banges Hoffen und Verzweiflung, manchmal aber eben auch überbordende Freude über einen Erfolg, der Aussenstehenden marginal erscheinen mag. Vielleicht ist man auch ein wenig aus Trotz Anhänger dieses besonderen Vereins, der seinen DDR-Namen Dynamo stets behielt, während sich die einstigen Oberliga-Rivalen aus Leipzig oder Halle nach der Wende eilig von den stigmatisierten Namen Lokomotive und Chemie trennten.

Tausende warteten nachts um drei am Flughafen auf die Mannschaft

Während Dynamo auswärts gegen den Zweitliga-Sechzehnten VfL Osnabrück um die Rückkehr ins Bundesliga-Unterhaus kämpfte, sassen im heimischen Glücksgas-Stadion über 10'000 Fans beim Public Viewing. Als die Mannschaft nachts gegen drei Uhr mit einer von Sponsoren gecharterten Lufthansa-Maschine auf dem Flughafen Dresden-Klotzsche eintrafen, bereiteten ihr mehrere Tausendschaften einen begeisterten Empfang. Weil überall nächtliche Gratulanten standen, brauchte der Doppelstockbus, den Dynamo bestellt hatte, geschlagene zwei Stunden, um vom Flughafen in die Innenstadt zu gelangen.

«Das Alkoholverbot ist aufgehoben, die Planungen für die 2. Bundesliga beginnen wir erst, wenn wir wieder klar im Kopf sind», sagte Dresdens Trainer Ralf Loose, der den Klub im April in scheinbar aussichtsloser Lage übernommen und in die Relegationsspiele gegen Osnabrück geführt hatte. Dort lag Dynamo sowohl im Hinspiel (1:1) als auch im Rückspiel (3:1 n.V.) zurück, schaffte aber mit einer eigentümlichen Mischung aus Kampf, Glück und Können die Wende. Die grosse Figur war dabei der von Greuther Fürth ausgeliehene Dani Schahin, der einst als Sechsjähriger mit seinem libanesischen Vater und seiner ukrainischen Mutter nach Deutschland gekommen war. Schahin lief im Rückspiel trotz einer schmerzhaften Knieblessur auf und erzielte in der vierten Minute der Verlängerung das eminent wichtige 2:1 für Dresden.

Küsse für die TV-Crew, Bierdusche für Eduard Geyer

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen übertrug die beiden Relegationsspiele live. Das Rückspiel in Osnabrück verfolgten im Schnitt rund 900'000 Zuschauer. Stürmische Dynamo-Fans küssten und umarmten nach der Entscheidung auf des Gegners Platz nicht nur die Spieler und Trainer Loose, sondern auch die TV-Crew des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR). MDR-Fussballexperte Eduard Geyer, letzter Nationalcoach der DDR und mit Dynamo 1989 in den Uefa-Cup-Halbfinals, liess sich ohne zu murren einer Bierdusche unterziehen. Torhüter Benjamin Kirsten grüsste seinen Vater Ulf und bemerkte süffisant, der Europameister von 1996 habe sicher schon sechs, sieben Radeberger-Bier intus nach einem solchen Match. Tags darauf fand auf dem Dresdner Altmark vor 25'000 Fans die grosse Aufstiegsfeier statt. Auch diese Bilder lieferte der MDR live in die Haushalte zwischen Thüringen und Ostsachsen.

Das Problem mit den Hooligans

Wenn im Westen Deutschlands die Sprache auf Dynamo Dresden kommt, sind die Reaktionen weit weniger euphorisch. Die Kritiker attestieren dem Klub, der zu seinen Drittliga-Partien gegen Ende der Saison 30'000 Fans ins Stadion lockte, zwar eine grosse Tradition, verweisen aber gebetsmühlenartig auf die Ausschreitungen von Hooligans, die Dynamo in den vergangenen Jahren einen hohen sechsstelligen Euro-Betrag an Strafen gekostet haben. So räumte die norddeutsche Presse nach der Relegation gegen Osnabrück, den Dummheiten einer Minderheit mehr Platz ein als dem Dresdner Sieg auf dem Rasen. Die «Welt online» und die «Bild»-Zeitung riefen schon kurz nach dem Match den Ausnahmezustand für die kommende Zweitliga-Saison aus. Für Ulf Kirsten ist diese Haltung ein Ärgernis. «In der Bundesliga kracht es Woche für Woche. Nur wenn in Dresden einer einen Knaller fallen lässt, sind sofort 15 Fernsehteams vor Ort. Das steht in keinem Verhältnis», so der langjährige deutsche Nationalstürmer.

baz.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt