«Auch ich würde Blatter wählen»

Als Herausforderer ist Jérôme Champagne gescheitert. Nun sagt das frühere Fifa-Direktionsmitglied, warum es bei der Präsidentenwahl am Freitag keine Alternative zu Machthaber Sepp Blatter gibt.

Mit wohligem Gefühl in die Wahl vom Freitag: Sepp Blatter. Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

Mit wohligem Gefühl in die Wahl vom Freitag: Sepp Blatter. Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

Weshalb gewinnt Sepp Blatter die Wahl?
Michael van Praag, Luis Figo und Prinz Ali dachten: Geben wir den Armen der Welt ein wenig mehr Geld, 1 Million im Jahr statt 250'000 Dollar, und ein paar Plätze mehr an der WM, und dann stimmen sie für uns. Sie wollten Weihnachten im Mai spielen.

Und darum gewinnt Blatter bereits?
Vor allem behaupteten sie: Eine Person ist verantwortlich für alles, was bei der Fifa nicht gut läuft. Das ist Anti-Blatterismus. Das ist Demagogie, das blendet die Tatsache aus, dass es eine kollektive Verantwortung gibt. Am Freitag werden wir sehen, dass das nicht funktioniert.

Aber es ist doch so, dass ein Chef am Ende immer verantwortlich ist.
In einer Demokratie sollte der Präsident seine Regierung bestimmen können, wie zum Beispiel Frau Merkel in Deutschland, um das Programm umzusetzen, für das man gewählt ist. Die Regierung der Fifa, das Exekutivkomitee, ist dem Präsidenten hingegen aufgezwungen. Mit Mitgliedern, die von den Konföderationen gewählt werden, die selbst nicht Mitglied der Fifa sind. Darum sieht sich eine Person, die eine weltweite Legitimation hat, den 24 Leuten gegenüber, die nur die ­Legitimation ihrer Konföderationen ­haben. Das sorgt für einen Konflikt.

In der Schweiz, in Deutschland oder England ist das Image von Blatter und der Fifa schlecht. Sie sehen das offensichtlich viel eher so, wie die Afrikaner oder Asiaten das tun.
Die einen haben die Meinung, die Fifa sei verdorben. Die anderen vertreten eine viel differenziertere Meinung.

Sie verteidigen Blatter?
Ich sage auch, dass er ein paar Sachen ändern muss. Aber wenn ich könnte, würde auch ich ihn wählen.

Woher dieses Verständnis für den Präsidenten?
Die Karte des Weltfussballs hat sich stark verändert. Nehmen wir die Kapverden. Sie existierten nicht im Fussball, sie hatten nichts, kein Geld, um die Flugbillette der Spieler zu zahlen, kein Geld für ein Ausbildungszentrum. Nun haben sie sich zweimal in Folge für den Afrika-Cup qualifiziert. Warum? Weil die Fifa investiert hat. Panama war das Land von Baseball, Boxen, Basketball. Zuletzt fehlten ein Tor und eine Minute, um sich für die WM in Brasilien zu qualifizieren. Warum? Wegen der Arbeit der Fifa. Im Fussball ist es nie anders gewesen als in der Wirtschaft. Es ist immer der Kampf der Stärksten, die ihre Macht nicht teilen wollen. Wie war es 1904? Die Engländer sagten, wir brauchen die Fifa nicht. Die Fifa wurde gegründet. Was war 1974?

Der Brasilianer João Havelange gewann die Wahl gegen den ­Engländer Stanley Rous.
Ja, es war der Sieg einer Welt, die sich verändert hat, einer Welt mit der Unabhängigkeit Afrikas, mit dem Auftauchen einer brasilianischen Mannschaft, die aus Schwarzen, Mestizen und Weissen bestand. Was war 1998? Blatter stand gegen Lennart Johansson, der wollte, dass die Uefa alles entscheidet. Die Verbände haben Blatter gewählt.

Sie wollen sagen, dass es am Freitag erneut um den Kampf von Europa gegen den Rest der Welt geht?
Es geht um die Ungleichheit, um die Ausrichtung auf Europa. Die 20 reichsten Vereine haben heute zusammen einen Umsatz von 6,2 Milliarden Euro. 6,2 Milliarden! Vor 25 Jahren fiel der Eiserne Vorhang, Europa wurde vereint. Aber denken Sie, heute wäre es noch möglich, dass der Sieger der Champions League Roter Stern Belgrad heisst oder Steaua Bukarest? Oder selbst Ajax Amsterdam? Oder schauen Sie die nationalen Meisterschaften an. Paris St-Germain, Juventus: drei Titel in Folge; der FC Basel: sechs Titel in Folge; Dinamo Zagreb: zehn Titel in Folge; Olympiakos Piräus: 17 von 19.

Und grundsätzlich heisst das, dass . . .
. . . sich die Reichsten und Stärksten durchsetzen wollen. Sie wollen das Prinzip der Fifa «Ein Land, eine Stimme» infrage stellen, das für die weltweite Demokratie fundamental ist. Sie wollen die Verteilung der Gelder infrage stellen, sie wollen ein Veto durchsetzen, wenn es um die Interessen der Vereine geht. Es ist wie überall auf der Welt: Die Privilegiertesten wollen keine Regulation.

Das ist eines Ihrer Lieblingsthemen.
Die Frage ist doch auch: Wollen wir, dass der Fussball wie der Basketball wird, die Premier League wie die NBA?

Auch mit offenen Ligen sind es immer die Gleichen, die gewinnen.
Aber mir geht es um eine Debatte. Denken Präsidenten in Afrika oder in Ost­europa über dieses Thema nach? Natürlich tun sie das. Sie wissen, dass Herr Blatter ein Europäer ist, allerdings ein Europäer mit einem Gewissen für die Welt. Deshalb gewinnt er. Die Fifa lebt mit der Macht von Europa und der Tatsache, dass sich die Welt verändert. Sie lebt gut mit den Kapitalisten aus Ost­europa, aus Arabien, aus China. Ich bin Europäer, und ich bin stolz darauf. Aber ich bin keiner, der denkt: Was gut für Chelsea ist, ist automatisch gut für den weltweiten Fussball oder nur schon einen kleinen Club in England.

Mit Ihren Ideen sind Sie Blatter sehr nahe. Zu nahe?
Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass ich meine Visionen habe.

Wieso scheiterte Ihre Kandidatur? Warum brachten Sie nicht mehr als drei Verbände hinter sich?
Viele, die mit meinen Ideen sympathisierten, sagten: «Hör zu Jérôme, Herr Blatter wird weitermachen.» Andere wollten mich nicht als Kandidaten haben. Ich bin deshalb nicht verbittert.

Prinz Ali aus Jordanien geniesst nicht einmal die Unterstützung seiner asiatischen Konföderation. Weil er ein Kandidat der Uefa ist?
Das sicher auch. In Asien sagt man: Er repräsentiert uns nicht, wir wählen ­Blatter. Weiter kommentieren will ich das nicht.

Blatter ist nicht zu stürzen. Weil man weiss, was man mit ihm hat?
Das ist offensichtlich. Ich war an seiner Seite, als er gegen den Egoismus Europas kämpfte, um die WM 2010 an Afrika vergeben zu können. Denken Sie, die Afrikaner hätten das vergessen? Denken Sie, Palästina würde vergessen, was er für das Land gemacht hat? Denken Sie, Südamerika vergesse, was er mit seinen Kenntnissen der Sprache bewirkt hat? Man darf nicht denken, die Leute wären nicht treu.

Die Kritiker werfen Blatter vor, er verteile das Geld via Entwicklungsprogramme nur, um Stimmen zu machen.
Das ist sehr vereinfachend. Die Realität wird ignoriert. An meinem Wohnort am Stadtrand von Zürich gibt es Fussballplätze von einer Qualität, die viele Länder nicht haben, nicht einmal in ihrem Nationalstadion. Leute, die alles haben oder fast alles, erteilen moralischen Nachhilfeunterricht. Natürlich, es kann Probleme mit der finanziellen Hilfe geben, die Kritik ist nötig, die Kontrolle auch. Aber diese Leute, die alles haben, sagen: Die Armen sind käuflich. Das ist sehr arrogant.

Ein anderer Vorwurf ist die Korruption, die der Fifa nachhaltig geschadet hat. Ist die Fifa als Institution korrupt?
Zuerst einmal, die Fifa wird für alles beschuldigt. Wenn der «Daily Telegraph» schreibt, dass die Familie von Mohamed bin Hammam der Familie von Jack Warner zwei Millionen Dollar gibt, heisst es überall, selbst im «Tages-Anzeiger»: «Korruption bei der Fifa!» Das waren zwei Personen, die in der Fifa-Exekutive sassen, weil sie Präsidenten ihrer Konföderationen waren. Aber was hatte diese Zahlung mit der Fifa zu tun? Ist die Fifa für alles verantwortlich, was irgendwo passiert, in den 209 Ländern, in den Clubs? Ist sie verantwortlich, wenn zwei ihrer Mitglieder privat miteinander ein Geschäft machen?

Blatter hätte zum Beispiel die Möglichkeit, sich von solchen Exekutivmitgliedern klar zu distanzieren.
Ich sage nochmals: Solange das Modell nicht geändert wird, solange der Präsident seine Regierung nicht zur Mehrheit selbst bestimmen kann, werden wir solche Probleme haben. Und so lange wird der Präsident manchmal mit dem Teufel essen müssen.

Vor vier Jahren versprach Blatter, 2015 zurückzutreten. Er hat sein Wort nicht gehalten.
Erstens, nichts verbietet es ihm rechtlich, nicht nochmals zu kandidieren. Und zweitens, die Umstände können sich verändern.

Er ist inzwischen 79. Wieso kann er nicht aufhören?
Die Zukunft der Fifa ist in Gefahr. Der Fussball ist globalisiert worden, die Reichsten wollen nicht regiert werden. Darum braucht es eine starke Führung. Und ich habe keinen Zweifel: Herr Blatter steht dafür ein.

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