Der Aufräumer

Smart, ehrgeizig und keiner aus der «Football Family»: Wer ist Domenico Scala, der von Sepp Blatter mit dem Superjob betraut wurde?

Wie lassen sich die Reformen erzwingen? Domenico Scala, Chef der Compliance-Kommission, im Mai 2013 beim Fifa-Kongress auf Mauritius. Foto: Jamie McDonald (Fifa, Getty Images)

Wie lassen sich die Reformen erzwingen? Domenico Scala, Chef der Compliance-Kommission, im Mai 2013 beim Fifa-Kongress auf Mauritius. Foto: Jamie McDonald (Fifa, Getty Images)

Es war sein bisher wichtigster Fifa-Auftritt. Eben hatte Sepp Blatter bekannt gegeben, dass er als Präsident abtrete. Nun gehörte die Bühne einem gross gewachsenen 50-jährigen Ex-Handballer, dessen Basler Herkunft herauszuhören war, obwohl er Englisch sprach: Domenico Scala. Der italienisch-schweizerische Doppelbürger hatte den Auftrag, der Weltöffentlichkeit in acht Minuten zu erklären, wie der schwer angeschlagene Weltfussballverband umgebaut werden sollte.

Scala leitet seit 2012 die Audit- und Compliance-Kommission der Fifa – eine Art unabhängige Finanzkontrolle. Blatter wies ihm bei seinem Rücktritt die Schlüsselrolle des Chefreformers zu und deckte ihn mit reichlich Lob ein: «Herr Scala geniesst das Vertrauen von vielen Vertretern innerhalb und ausserhalb der Fifa. Er hat die Fähigkeiten, um diese Reformen in Angriff zu nehmen.»

Was der Präsident auch hätte betonen können: Scala ist ein Unabhängiger, keiner aus der «Football Family». Wenn er früher Fussball spielte, dann nur in der Freizeit mit Freunden. Im «Home of Fifa» unterläuft er die dortige Duz-Kultur, spricht seine Gesprächspartner mit «Sie» an. Kommt dazu, dass er über einen Hintergrund als Manager verfügt.

Sein Aufstieg verlief rasant, was mit seinen hohen Ambitionen zu tun hat. Scala wollte nach oben, ganz nach oben. Er machte keinen Hehl daraus, den Chefposten eines börsenkotierten Unternehmens übernehmen zu wollen. Scala ist im Baselbiet als Sohn italienischer Einwanderer aufgewachsen, die Region taucht in seinem Lebenslauf immer wieder auf. Sei es heute, etwa in seiner Funktion als Verwaltungsrat bei der Biotechfirma Basilea oder bei den Konjunkturforschern BAK Basel, sei es früher, als er seine Karriere startete. Nach einem Wirtschaftsstudium an der Uni Basel begann er als Revisor bei Nestlé, danach machte er einen kurzen Halt beim Logistikkonzern Panalpina in Italien.

Länger hielt er es bei Roche aus, wo er während acht Jahren erst als Controller, später als oberster Vermögensverwalter arbeitete. Von Roche wechselte er zum Agrochemie-Konzern Syngenta. Bereits als 38-Jähriger wurde er Finanzchef des Unternehmens.

Harte Zeiten bei Nobel Biocare

Als Controller scheint Scala der richtige Mann für die Fifa zu sein. Bereits bezeichnen Medien ihn als «Interimschef» des Weltfussballverbands. Er selber sagt dem TA, er sei ein Aufseher ohne Entscheidkompetenz und er wolle in der Rolle des Revisors bleiben: «Ich werde keine operative Funktion übernehmen.»

Sein Leistungsausweis als Wirtschaftsführer ist umstritten. Das hat vor allem mit seiner Zeit bei Nobel Biocare zu tun. 17 Jahre nach seinem Karriere­start hatte er sein Ziel erreicht: Er wurde Konzernchef. Scala übernahm beim Zahnimplantatehersteller das Zepter von Heliane Canepa, der Ehefrau von FCZ-Präsident Ancillo Canepa. Doch aus dem vermeintlichen Höhepunkt der Karriere wurde ein Albtraum. Kurz nach seinem Antritt brach die Finanzkrise aus. Die Dentalbranche durchlebte eine noch nie da gewesene Krise. Die Patienten, welche die Zahnimplantate aus der eigenen Tasche bezahlen müssen, schoben die Eingriffe auf. Umsatz und Marge purzelten. Neben den äusseren Faktoren, die Scala nicht beeinflussen konnte, kamen eigene Fehler hinzu. Er hatte das Ausmass der Krise unterschätzt. Mit seinen Prognosen hinkte er der Wirklichkeit hinterher. Die Folge waren mehrere Gewinnwarnungen, die seiner Glaubwürdigkeit schadeten.

Allerdings hatte Heliane Canepa die Firma in einem schlechten Zustand hinterlassen. Sie habe Nobel Biocare rein intuitiv geführt, betriebswirtschaftliche Grundlagen missachtet, kritisierte Scala. Er rechtfertigte sich indes derart lange mit diesem Argument, bis es nur noch wie eine Ausrede klang. Aus Sicht der Investoren ist seine Bilanz verheerend, unter seiner Führung verlor die Aktie 70 Prozent ihres Werts. Schliesslich wurde der Druck des Verwaltungsrats und der Aktionäre zu gross. Scala trat nach dreieinhalb Jahren zurück.

Vier Jahre nach seinem Abgang sieht die Welt wieder anders aus. Scala hat heute mehrere Mandate als Berater, und als Chef der Fifa-Finanzkontrolle hat er inzwischen eine Machtposition erlangt. Wenn ihm ein Thema wichtig erscheint, setzt er sich als Beobachter in die Treffen der jeweiligen Kommission, ohne vorher um Erlaubnis zu fragen. Gleichzeitig ist er seit Antritt im Mai 2012 einer der Antreiber von Reformen innerhalb der Fifa. Der Basler Korruptionsspezialist Mark Pieth hatte ihn beim Fussballverband als Kandidat vorgeschlagen.

In Scalas Augen ist die Fifa nicht verloren, im Gegenteil, der Verband habe sich stark bewegt: «Ich hielt es nicht für möglich, dass wir mit den Reformen so weit kommen», sagte er zum «SonntagsBlick». Es gebe inzwischen eine unabhängige Ethikkommission, der Kongress bestimme den WM-Gastgeber, und die Mitglieder des Exekutivkomitees erhielten keine Boni mehr. Gerne vergleicht Scala die Reformen mit einem Glas, das zu drei Vierteln gefüllt ist.

«Schillernde Persönlichkeiten»

In der Fifa gilt sein Stil als «businesslike», nüchtern, distanziert. Das kommt an. «Er ist der richtige Mann mit den richtigen Forderungen zum richtigen Zeitpunkt», sagt eine interne Quelle. Blatters Abgang habe den Druck auf die Reformgegner erhöht. Es werde immer schwieriger, sich gegen Umbauten zu stemmen. Scala geniesse auch bei den Konservativen Respekt: Er habe es geschafft, neue Regeln zu installieren, ohne die unterlegenen Gegner vor den Kopf zu stossen.

Nur: Das Dreiviertelglas ganz voll zu kriegen, war bislang unmöglich. Die Gegenwehr kam von überall her, mal aus dem Kongress, mal aus dem Exekutiv­komitee, mal bockten die Europäer, mal die Afrikaner. Manager Scala musste merken, dass in der demokratischen Fifa andere Regeln gelten als in einem Pharmakonzern. Als Chef konnte er alleine entscheiden. Nun musste er Dutzende Funktionäre überzeugen, die er selbst als «schillernde Persönlichkeiten» beschreibt. Wie lassen sich unter diesen Bedingungen Reformen erzwingen? Er werde seine Forderungen ständig wiederholen, «am Ball bleiben», sagt er dem TA. Und: Der Druck von Medien und Behörden auf die Fifa möge zwar unangenehm sein, könne aber auch Veränderungen bewirken.

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