Blatters Tag X – es ging Schlag auf Schlag

Treffen mit dem Fifa-Juristen, Familie informiert, Verbände ins Bild gesetzt: Wie der turbulente Dienstag für Sepp Blatter ablief.

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Mario Stäuble@mario_staeuble
Florian Raz@razinger

Noch diesen Montag kam Sepp Blatter mit der Absicht ins Büro, Fifa-Präsident zu bleiben. An jenem Morgen sollen ihm aber langjährige Weggefährten den Rücktritt nahegelegt haben. So erzählen es Vertraute Blatters, die in den letzten Tagen Zugang zu ihm hatten. Einen Einfluss hatten die Ermittlungen der US-Bundespolizei FBI: «Blatter wollte nicht, dass irgendwann ein Foto von ihm in Handschellen um die Welt geht», sagt ein Insider. Der 79-jährige Walliser ist zwar nach wie vor nicht formell Teil eines Strafverfahrens. Eine Analyse der US-Ermittlungen habe aber ergeben, dass man diese Möglichkeit für die Zukunft nicht mehr vollständig ausschliessen könne. Die Amerikaner wollten am Präsidenten ein Exempel statuieren, so die Meinung.

Ein zweiter Grund war der nachlassende Support im Fifa-Kongress. Offenbar traf es Blatter hart, dass letzte Woche ein Drittel der Funktionäre für den jordanischen Herausforderer Prinz Ali bin al-Hussein gestimmt hatten. Er realisierte, dass er nicht mehr die bedingungslose Unterstützung der Landesverbände genoss.

Den Montag liess Blatter noch verstreichen. Am Dienstag soll dann ein Treffen mit dem Chef des Rechtsdiensts stattgefunden haben, das ihn im Rücktrittsentschluss bestärkt habe.

Danach setzte er Familie und Vertraute ins Bild, bevor er die Fifa-Direktoren zu einer ausserordentlichen Sitzung zusammenrief. Am Nachmittag besprach er sich mit Domenico Scala, dem Chef der Audit- und Compliance-Kommission. Blatter wollte deutlich machen, dass er plane, in den letzten Monaten seiner Amtszeit tiefgreifende Umbauten der Fifa aufzugleisen. Der unabhängige Controller Scala würde dabei eine Schlüsselrolle als Reform-Adjutant spielen.

Von alldem drang nichts nach aussen. In aller Eile wurde eine Pressekonferenz vorbereitet, bei der auch Scala auftreten würde. Erst kurz vor seinem Auftritt setzte Blatter die Präsidenten der sechs Kontinentalverbände ins Bild, darunter Uefa-Chef Michel Platini. Um 18.45 Uhr sprach der Fifa-Präsident schliesslich während sechs Minuten zu den Medien, und dann war klar: Er tritt ab.

«Ich will nur das Beste für die Fifa»: Die Kernaussagen von Sepp Blatters Rücktrittsrede.

Nach dem Entscheid Blatters rückt die Frage der Nachfolge ins Zentrum. Für den Basler Strafrechtler Mark Pieth wäre ein Übergangspräsident die ideale Lösung, wie er zum TA sagte. Einer, der zwei Jahre lang Reformen vorantreibt und dann die Macht weitergibt.

In Bern liess sich der Ständerat gestern von den Fifa-Schlagzeilen nicht beeindrucken. Er entschied bei der Beratung des neuen Korruptionsstrafrechts, dass die Behörden Bestechung unter Privaten auch in Zukunft nicht zwingend verfolgen müssen.

Derweil gingen die Enthüllungen in Sachen Fifa in den USA weiter: Gestern Abend publizierte die Justiz das Geständnis des ehemaligen Funktionärs Chuck Blazer. Darin gibt der Amerikaner zu, auch vor der Vergabe der Weltmeisterschaften nach Frankreich und Südafrika Schmiergelder angenommen zu haben.

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