«Es fällt schwer, sich darüber nicht lustig zu machen»

Normalerweise reagiere Sepp Blatter auf Druck mit Gegendruck, sagt der ehemalige Fifa-Mediendirektor Guido Tognoni. Dass er jetzt zurücktrete, habe wohl auch mit der US-Justiz zu tun.

Grosse Überraschung: Keiner hatte erwartet, dass Blatter seinen Stuhl räumen würde. (2. Juni 2015)

Grosse Überraschung: Keiner hatte erwartet, dass Blatter seinen Stuhl räumen würde. (2. Juni 2015)

(Bild: AFP Valeriano Di Domenico)

Peter M. Birrer@tagesanzeiger

Am Freitag die Wiederwahl, am Dienstag die Ankündigung des Rücktritts: Was hat Sepp Blatter in diesen vier Tagen zum Umdenken bewogen?
Normalerweise ist Sepp Blatter ein Mensch, der auf Druck mit Gegendruck reagiert. Ihn hat es nicht gekümmert, wenn Uefa-Präsident Michel Platini etwas gefordert hat. Jetzt aber ist dieser Druck so gross wie noch nie in seiner Zeit als Fifa-Präsident. Er hat ja fast alle gegen sich: die Weltpresse, viele Vertreter am Kongress, wichtige Verbände, Spieler, Clubs – und die amerikanische Justiz hat er auch am Hals, das ist sehr ernst zu nehmen. Ihm muss das alles in den Tagen nach der Wahl bewusst geworden sein. Und er wird zum Schluss gekommen sein: Unter diesen Umständen wäre die nächste Amtsperiode eine einzige Leidenszeit geworden.

Sind Sie überrascht, dass die Kritik und die Angriffe Blatter doch nicht ganz unbeeindruckt lassen?
So etwas kann unmöglich spurlos an einem 79-jährigen Mann vorbeigehen, auch wenn er Sepp Blatter heisst und schon oft gezeigt hat, dass er starrköpfig und von einem wahnsinnigen Ehrgeiz getrieben ist.

Hat er Angst vor der amerikanischen Justiz?
Es wird spekuliert, dass Fifa-Anwälte mit amerikanischen Anwälten in Kontakt getreten sind. Und dass es aus den USA hiess, es wäre empfehlenswert, die Hauptzielscheibe zu entfernen. Das heisst nicht, dass Blatter nun überhaupt nichts mehr zu befürchten hat. Aber er steht nicht mehr ganz so im Zentrum, erst recht dann nicht mehr, wenn er das Amt abgegeben hat. Das ändert die Situation für ihn ziemlich.

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Welchen Einfluss hat Blatter noch bis zur Wahl seines Nachfolgers?
Die kommenden Monate werden wichtig für ihn, viel wichtiger als all die Pseudo-Reformen, die unter ihm in der Vergangenheit eingeleitet worden sind. Die Fifa muss grundlegend reformiert werden. Das bestehende Fussballparlament repräsentiert nicht den modernen Fussball. Nur ein Beispiel dazu: Die Komoren haben das gleiche Stimmrecht wie Brasilien, England oder Deutschland. Das darf nicht so bleiben.

Sie plädieren für Veränderungen in besagtem Parlament.
Absolut. Wenn ich an den Kongress vom vergangenen Freitag denke… Unglaublich, was da abging! Es fällt schwer, sich darüber nicht lustig zu machen. Und Blatter, der die Veranstaltung eigentlich gut durchgezogen hatte, war unmittelbar nach seiner Wahl wieder wie in Trance, als er den Leuten im Saal zurief: «Let’s go Fifa! Let’s go!» Aber jetzt ist er wenigstens daran, doch noch mit Stil zu gehen.

Das heisst?
Jeder weiss, wie gern Blatter diesen Job hat. Er hat ihn nun, mit klaren Worten und guter Miene, zur Verfügung gestellt. Dafür gebührt ihm ein Kompliment. Mit seinem Entscheid hat er aus einer misslichen Lage das Maximum herausgeholt. Ich glaube, ihm ist damit ein Befreiungsschlag gelungen. Und ich habe das erste Mal die Hoffnung, dass er in seiner verbleibenden Zeit an der Spitze nicht mehr sich in den Vordergrund stellt, sondern die dringlichen Anliegen der Fifa. Und dass er etwas Sinnvolles hinterlässt. Das Wichtigste ist jetzt, dass eine neue Fifa aufgebaut wird. Unter diesen Aspekten glaube ich, dass dieser Dienstag ein guter Tag für den Fussball sein kann.

Wer kann, wer soll auf Sepp Blatter folgen?
Es gibt bis jetzt keinen natürlichen Nachfolger, und darum kommt dieser Frage Brisanz zu. Die Uefa hat es verpasst, einen Gegenkandidaten zu positionieren, sie hat keine globalen Ambitionen gezeigt und damit das Bild des Jammers, das sie abgibt, nur noch verstärkt.

baz.ch/Newsnet

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