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Enge Schuhe, starke Arme, freier Geist.

2020 wird bei den Olympischen Spielen in Tokio nicht nur gerannt, geschwommen und geworfen, sondern auch geklettert. Der Baselbieter Philipp Geisenhoff bringt der BaZ die Faszination seiner Sportart näher.

BaZ-Journalist Tobias Müller tut sich an der grünen Route ein bisschen schwer.
BaZ-Journalist Tobias Müller tut sich an der grünen Route ein bisschen schwer.
Nicole Pont

Am Tag danach geht gar nichts mehr. Ich liege im Bett, kann mich nicht bewegen, aufstehen unmöglich. Ich bin in meinem Leben Marathons gerannt und mit dem Rennrad über Alpenpässe gefahren, ich war beim Engadin Skimarathon am Start und bin im Berner Oberland die längste Treppe Europas hochgehechelt. Aber solche Schmerzen wie nach meinem Klettererlebnis hatte ich noch nie. Alles tut weh, der Rücken, die Beine, der Bauch, die Arme sowieso. Kletterer, so die Erkenntnis an diesem Morgen danach, sind keine normalen Athleten. Nur, was sind sie eigentlich? Am Tag davor treffe ich den besten Kletterer der Region Basel, der 19-jährige Philipp Geisenhoff aus Dornach, elffacher Schweizer Meister, mehrfach in den Top 10 im Europacup, seit Jahren in der Nationalmannschaft. Auch wenn er selber nicht bei den Olympischen Spielen dabei sein wird, ist er im Raum Basel der, der uns die Faszination dieser Sportart am ehesten vermitteln kann. Er nimmt uns mit zu einer zweistündigen Tour durch die Kletterhalle «B2» in Pratteln.

Oskar und Olympia

Klettern erlebt zurzeit einen Boom. Immer mehr Freizeitsportler versuchen sich an der Wand. Der Kletterfilm «Free Solo» erhielt vergangenes Jahr den Oskar für die beste Dokumentation. Und 2020, bei den Olympischen Spielen in Tokio, wird Klettern erstmals Teil des Programms sein. Die Besten 20 Athleten der Welt werden sich in einem Dreikampf im Speedklettern, Bouldern und Lead messen und um Gold, Silber und Bronze kämpfen (siehe Box).

Die Kletter-Lektion beginnt für mich unbequem und schmerzhaft. Als erstes muss ich mich in passende Schuhe zwängen, und diese sollten so eng wie möglich sein. Philipp Geisenhoff erklärt mir, dass bei den Füssen jeder Millimeter zählt. Sitzt der Schuh nicht perfekt, hat man an den Absätzen an der Wand keinen halt. Ist er zu eng, verliert man nach wenigen Minuten das Gefühl. Normalerweise trage ich Schuhgrösse 45, in der Kletterhalle in Pratteln zwänge ich mich in die 43 rein und hoffe, dass alles bald wieder vorbei ist.

Nach einem kurzen Aufwärmen (Arme kreisen, Schultern dehnen) geht es bereits mit dem ersten Kletterversuch los. An den vielen Wänden im «B2» in Pratteln hat es viele verschiedenen Routen, sogenannte Boulder, die mit verschiedenfarbigen Tritten und Halterungen gekennzeichnet sind. Es gibt gelbe Routen, blaue, rote, grüne und so weiter. Dabei darf der Kletterer, wenn er eine Route beginnt, jeweils nur diese Farben benutzen, mit der er begonnen hat.

Pizza und Bier

Ich starte mit einem grün gekennzeichneten Boulder, der einfachsten Stufe, und habe gleich ein Erfolgserlebnis. Ohne grosse Mühe komme ich nach wenigen Handgriffen oben an – und lasse mich auf die weichen Matten unter mir fallen.

Als Philipp Geisenhoff acht Jahre alt war, gab es in der Umgebung seines Wohnorts wohl keinen Baum und keine Wand, die er und sein Bruder nicht schon hochgeklettert waren. An einer Geburtstagsfeier in einer Kletterhalle in Weil am Rhein zeigte sich dann sein Talent. Der kleine Philipp begann zu klettern, und hat bis heute damit nicht aufgehört. Als 19-Jähriger gehört er seit kurzem zum Nationalkader der Erwachsenen, vorher war er jahrelang bei den Junioren. Heute ist er einer der besten acht Kletterer des Landes.

Und das zeigt er an diesem Abend in Pratteln auch. Nach meinem Erfolgslerlebnis an der grünen Route wechseln wir schnell zu einer orangen, der zweitschwierigsten Stufe. Anders als beim ersten Boulder klettere ich nicht ohne zu überlegen bis nach ganz oben, sondern lande kurz nach dem Start bereits auf der Matte. Die Griffe sind weiter auseinander, sind flacher, um einiges kleiner und weniger griffig. Philipp Geisenhoff zeigt mir, wie es wirklich geht. Ein paar schnelle Griffe, ein Karatekick mit dem Bein nach aussen, ein kleiner Hüpfer zum nächsten Vorsprung, ein Klimmzug – und schon ist er oben. Nichts einfacher als das. Er sagt: «Klettern ist Technik, Kraft und Geschicklichkeit. Wenn du richtig gut sein willst, musst du alles davon besitzen.»

Erfolg und Schmerz

Um uns herum füllt sich die Halle langsam. Alte Menschen, junge Sportler, Frauen, Männer und Kinder versuchen sich an den Wänden. Klettern hat auch mit Gemeinschaft zu tun, erzählt mir Philipp Geisenhoff. Nicht alle seien so verbissen wie er, trainieren fünf, sechs Mal pro Woche auf ein Ziel hin. Klettern kann auch Entspannung sein.

Doch davon spür ich je länger je weniger. Nach meiner ersten Route zu Beginn werden die positiven Erlebnisse rarer. Die Kraft in den Armen fehlt, der Rumpf ist nach ein paar Versuchen nicht mehr angespannt, die Gedanken im Kopf sind nicht frei. Man solle beim Klettern nicht zu viel nachdenken, sagt mir Philipp Geisenhoff. Doch das gelingt mir nicht. «Erreiche ich diesen Griff? Hält mich dieser kleine Vorsprung, auf dem ich mit meinem linken Fuss stehe? Und was passiert eigentlich, wenn ich runterfalle?» Ich klettere weiter, probiere es immerhin. Eine gekletterte rote Route ist das höchste aller Gefühle. Unteres Mittelmass, für mehr reicht es an diesem Abend nicht. Nach zwei Stunden schmerzen die Hände, die Unterarme platzen fast, so das Gefühl. Und der Muskelkater im Bauch und am Rücken kündigt sich bereits an.

Philipp Geisenhoff erzählt zum Schluss, dass man mehr machen muss als nur klettern, wenn man beim Klettern besser werden will. Rumpfstabilitätsübungen, Übungen für die Fingerkraft, dehnen, manchmal auch joggen für die Ausdauer. «Wenn man richtig gut werden will, muss man auch Dinge tun, die keinen Spass machen.»

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