Zum Hauptinhalt springen

«Nur gut geplanter Stauraum schafft Freiraum»

Wohnzimmer, Kinderzimmer und Esszimmer haben bald ausgedient. Ein Experte erklärt im Interview das Wohnkonzept der Zukunft.

In diesem Stil wohnten unsere Grosseltern. Solche Wohnungen werden seltener. Der gesellschaftliche, wirtschaftliche und technologische Wandel dringt...
In diesem Stil wohnten unsere Grosseltern. Solche Wohnungen werden seltener. Der gesellschaftliche, wirtschaftliche und technologische Wandel dringt...
Martin Ruetschi, Keystone
... bis in unsere Stuben und verändert den Wohnraum. Auch diese Wohnung entspricht nicht mehr den Vorstellungen eines modernen Wohnkonzepts.
... bis in unsere Stuben und verändert den Wohnraum. Auch diese Wohnung entspricht nicht mehr den Vorstellungen eines modernen Wohnkonzepts.
Gaetan Bally, Keystone
Gross-WGs und Clusterwohnungen: Das Hunziker-Areal wird als ökologisches und gesellschaftliches Vorzeigeprojekt gesehen. Weil die Bewohner der multifunktionalen Nachbarschaft sich 20 Gästezimmer, Werkstatt und verschiedene Gemeinschaftsräume teilen, brauchen sie weniger Wohnfläche.
Gross-WGs und Clusterwohnungen: Das Hunziker-Areal wird als ökologisches und gesellschaftliches Vorzeigeprojekt gesehen. Weil die Bewohner der multifunktionalen Nachbarschaft sich 20 Gästezimmer, Werkstatt und verschiedene Gemeinschaftsräume teilen, brauchen sie weniger Wohnfläche.
Flurina Rothenberger
1 / 6

Gesellschaftliche Entwicklungen und technologischer Fortschritt begünstigen ein Umdenken in vielen Bereichen, so auch bei der Gestaltung unserer Wohnräume. Starre Raumstrukturen wie Wohnzimmer, Esszimmer, Kinderzimmer oder Arbeitszimmer dürften in Zukunft durch eigentliche Raumzonen abgelöst werden. Diese können je nach Bedarf und Wunsch variabel genutzt werden. Eine im Juli 2017 von Ikea durchgeführte Umfrage unter 1000 Schweizerinnen und Schweizern bestätigt, dass das Wohnzimmer bereits heute vielen, zum Teil widersprüchlichen Bedürfnissen gerecht werden muss. Jeder Vierte möchte es auch als Fitness Center, Yogastudio oder Tanzsaal nutzen. Und über der Hälfte der befragten Eltern gab an, dass der Raum manchmal auch den Kindern als Spielzimmer dienen soll. Kurz: Das Wohnzimmer ist nicht nur Treffpunkt für die ganze Familie, sondern schon aufgrund seiner Dimensionen der perfekte Bereich für eine vielfältige Nutzung. Ein wichtiger Treiber in dieser Entwicklung ist die Tatsache, dass Erwerbsarbeit je länger je mehr nicht nur im Büro, sondern auch Daheim stattfindet. Laut einer Studie des Beratungsunternehmens Deloitte arbeitet über ein Viertel der Schweizer Bevölkerung regelmässig von zu Hause aus – die Digitalisierung macht es möglich.

Trend zum Authentischen

Doch nicht nur als Arbeitsplatz, auch als Rückzugsort gewinnt in Zukunft das Zuhause an Bedeutung. Wobei «Rückzug» nicht bedeutet, dass man sich von der Umwelt abkapselt. Vielmehr ist die eigene Wohnung der Ort, der einem vertraut ist, wo man sich ausruhen und entspannen kann, wo man aber auch aktiv Zeit mit Familie und Freunden verbringt, gemeinsam spielt, kocht, isst und diskutiert. Diese Entwicklung liegt auf der Hand, denn je digitaler und automatisierter unsere Welt ist, desto stärker keimt die Sehnsucht nach «Echtem» auf. Als Gegentrend zum technologischen Fortschritt, zur Digitalisierung prägt Authentizität die Werte und Wünsche von uns Menschen, hält der Forschungsbericht «Smart Home 2030» des Gottlieb Duttweiler Instituts des GDI fest. Das Herzstück des Zuhauses wird gemäss einer forsa-Studie ein individuell gestaltbarer Raum und Ort der zwischenmenschlichen Begegnung und des Austauschs. Doch wie muss man sich das konkret vorstellen? Prof. Dominic Haag-Walthert, dipl. Innenarchitekt FH und Institutsleiter der Hochschule Luzern für Technik & Architektur, beantwortet die wichtigsten Fragen dazu.

Herr Professor Haag-Walthert, wie bringt man die unterschiedlichen Nutzungen unter einen Hut bzw. in einem Raum unter?

Am zielführendsten ist, in den Räumen die Gehwege von den Aufenthalts- und Nutzungszonen zu trennen. Dabei ist es hilfreich, auf dem Plan erstmal die Türen und Durchgänge auf dem kürzesten Weg miteinander zu verbinden, denn der Mensch läuft selten gerne weiter als nötig. Daraus entstehen Zonen und Bereiche die man mit möglichst sich gegenseitig nicht störenden Nutzungen belegen kann.

Wie wird man den verschiedenen Bedürfnissen der Bewohner gerecht? Konkret: Die Kinder toben herum, Mami macht Home Office und Papi will relaxen. Wie geht das alles zusammen?

Es gilt die Offenheit und die Abgeschlossenheit eines Wohnungsgrundrisses sorgfältig abzuwägen. Heute werden die Zonen Kochen, Essen und Wohnen zunehmend verschmolzen, was hauptsächlich der technologischen aber auch sozialen Entwicklung geschuldet ist. Trotzdem sollte stark auf Rückzugsnischen und Räume mit möglichst unterschiedlichem Angebot an Raumqualitäten bezüglich Grösse, Gemeinschaftlichkeit, Akustik, Aussicht, Nähe und Distanz geachtet werden.

Flexible Möbelsystem sind für das Wohnen der Zukunft wichtig. Heisst das, dass man ständig Möbel herumschiebt oder wie muss man sich das vorstellen?

Beim Begriff Flexibel ist zu unterscheiden zwischen «multifunktional» und «verschiebbar». Ein fix eingebautes Möbel welches multifunktional ist, kann je nach Situation flexibler sein als ein verschiebbares Möbel. Viel wichtiger für einen flexibel nutzbaren Raum ist Stauraum. Denn nur gut geplanter Stauraum schafft den Freiraum, um unterschiedliche Nutzungen im gleichen Raum zu realisieren.

Wie würden Sie das Wohnen in Zukunft in zwei, drei Sätzen umschreiben?

Das Wohnen der Zukunft wird hauptsächlich vom technologischen und soziologischen Wandel bestimmt werden. Die «Hardware» Architektur wird für das Wohnen immer weniger wichtig. Wichtiger wird die «Software» welche mit dem Wohnangebot verbunden ist wie Dienstleistungen, Vernetzung, Öffentlichkeit, Flexibilität und Community.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch