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Waffen zu MusikautomatenSpiel mir das Lied vom Tod

Der Mexikaner Pedro Reyes zeigt im Museum Tinguely seine jüngste Arbeit «Disarm Music Box». Sie ist Teil der aktuellen Ausstellung «Return to Sender».

«Disarm Music Box (Karabiner/Matter)» von Pedro Reyes im Museum Tinguely.
«Disarm Music Box (Karabiner/Matter)» von Pedro Reyes im Museum Tinguely.
Foto: Daniel Spehr © Courtesy of the artist

Wummernder, kraftvoller Bass, jaulende Gitarrenklänge und dann wieder Glockenhelles vom Xylofon. Aber keiner zupft an den Saiten, niemand hockt hinter dem Schlagzeug. Es ist alles automatisiert. Und ganz schön, ganz wohlklingend.

Ins Furchterregende kippt die Rauminstallation des mexikanischen Künstlers Pedro Reyes erst, wenn man näher an die Klanginstrumente herantritt. Sie sind allesamt aus Waffen entstanden. Eine ganze Reihe baugleicher Pistolen bildet den Fuss des Basses. Revolvertrommeln sorgen für die weitere, breite Abstützung. Es ist der Sound des Todes. Und erinnert ein bisschen an die Bilder von H.R. Giger, weil das Grausige hinter dem Ästhetischen sich erst auf den zweiten Blick erschliesst.

Die Werkgruppe «Disarm (Mechanized) II» aus dem Jahr 2014 nimmt den grössten Teil des Raums im zweiten Stock des Museums Tinguely ein. Sie dominiert, klanglich und optisch, während die neuen Werke «Disarm Music Box» zuerst den Blick nicht auf sich ziehen, obwohl sie messingglänzend und deshalb leuchtender sind als die waffenmetallschwarzen «Musiker» von «Disarm (Mechanized) II». All das fügt sich zur aktuellen Ausstellung namens «Return to Sender» was sich mit «Zurück an den Absender» am treffendsten übersetzen lässt.

Vivaldi, Mozart, Matter

Es braucht auch einen ruhigeren Moment im Endloskonzert des eben genannten Werkes, um die viel sanfteren Klänge der Musikboxen überhaupt zu hören. Die eine spielt bei sachgerechter Bedienung die Walze muss im richtigen Tempo gedreht werden Klänge von Vivaldi auf Gewehrläufen des Herstellers Beretta. Die zweite Mozart auf Läufen des österreichischen Herstellers Glock. Und die dritte «I han es Züdhölzli azündt» des Berner Chansonniers Mani Matter (19361972) auf Schweizer Karabinern.

Pedro Reyes nennt das «Upcycling», wenn er aus Instrumenten des Todes eine Musikbox macht. Und während er für «Disarm (Mechanized) II» gebrauchte und beschlagnahmte Waffen aus dem mexikanischen Drogenkrieg verwendete, also Abzüge, Magazine, Schäfte und Läufe von Pistolen, Gewehren und Revolvern, die abgefeuert wurden, die vermutlich Tod und Verderben gebracht haben, so ging er für die Musikboxen einen anderen Weg. Das Material wurde bei den Herstellern fabrikneu bestellt.

Das seelenlose Orchester des Todes von Pedro Reyes: «Disarm (Mechanized) II».
Das seelenlose Orchester des Todes von Pedro Reyes: «Disarm (Mechanized) II».
Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

Roland Wetzel, Direktor des Museums Tinguely, Auftraggeber von «Disarm Music Box», wurde gar selber aktiv, um Reyes zum gewünschten Material zu verhelfen. In der kleinen Begleitbroschüre zu «Return to Sender», die in der Form eines Manuals der Schweizer Armee gehalten ist und ein Gespräch zwischen Pedro Reyes und Roland Wetzel enthält, verrät der Direktor unter anderem, er sei sich bisweilen vorgekommen wie ein Waffenhändler…

Für den Pazifisten und Künstler Pedro Reyes, 1972 geboren, der an der Presseführung vom Montagabend per Skype zugegen war, beginnt das Problem mit dem weltweiten Überfluss an Waffen bei deren Produzenten. Er finde, diese müssten direkt für die Gewalt und die Toten verantwortlich gemacht werden. Während bei anderen Produkten nie daran gezweifelt werde, dass die Hersteller in die Pflicht genommen würden Asbest zum Beispiel oder abgasstarke Dieselmotoren –, gelinge es den Waffenherstellern immer wieder, mit dem Slogan «Nicht die Waffen töten, sondern Menschen» ihre Schuld abzuwälzen.

Stigmatisierung und Verurteilung

Die «soziale Plastik mit gesellschaftlicher Relevanz» – so Wetzel –, die das Gesamtwerk «Disarm» darstellt, will genau solche Fragen und Denkprozesse bei den Besucherinnen und Besuchern des Museums auslösen. Pedro Reyes geht es um die «Stigmatisierung und Verurteilung» der Waffenproduzenten. Er hofft auf einen «breiteren Aktivismus gegen Firmen, die in diesem Bereich tätig sind».

Der Mexikaner Reyes, der schon erlebt hat, dass man die Waffenthematik auf sein Herkunftsland zurückführt, als würde nur in Mexiko geschossen und gemordet, hat für die Musikboxen ganz bewusst Länder gewählt, die einem nicht unbedingt zuerst einfallen, wenn es um die Waffenproduktion geht. Aber Glock, Beretta und Karabiner aus Schweizer Produktion sind bester Beweis dafür, wie international diese Industrie ist. Gemäss dem Begleitbüchlein verlassen zum Beispiel Jahr für Jahr acht Millionen Schusswaffen die Fabriken. (Und die grosse Mehrheit wird von amerikanischen Zivilisten erworben…)

So beeindruckend diese Sound- und Maschineninstallation im zweiten Stock ist, richtig Wirkung entfaltet sie im Grunde erst, wenn man durch den etwas verborgenen Durchgang am Ende des Raums den «Mengele-Totentanz» von Jean Tinguely anschaut und dazu die Klänge aus dem Nebenraum hört.

Die kleine Ausstellung «Pedro Reyes. Return to Sender» ist die fünfte Ausstellung, die in den Dialog zur Installation «Mengele-Totentanz» tritt; diese hat 2017 im Museum eine eigene Kunstkapelle erhalten. Die Ausstellung wird am Mittwoch (heute) mit einem Tag der offenen Türe eröffnet. Sie dauert bis zum 15. November.

Die Installation «Disarm (Mechanized) II», 2014, des mexikanischen Künstlers Pedro Reyes in der Sonderausstellung Pedro Reyes.
Die Installation «Disarm (Mechanized) II», 2014, des mexikanischen Künstlers Pedro Reyes in der Sonderausstellung Pedro Reyes.
Foto: Georgios Kefalas (Keystone)