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Interview: Tipps gegen Kälte«Sonst verlieren Sie sehr schnell Wärme»

Im Flachland wird es diese Woche bis zu Minus 15 Grad kalt. Wie man sein Kälteempfinden trainieren kann und warum Bewegung nicht immer hilft, erklärt ein Physiologe.

Männer haben durchschnittlich 40 Prozent Muskelmasse, Frauen 25 bis 30 Prozent. Das hat Folgen fürs Kälteempfinden.
Männer haben durchschnittlich 40 Prozent Muskelmasse, Frauen 25 bis 30 Prozent. Das hat Folgen fürs Kälteempfinden.
Foto: Martin Novak (Getty Images)

Es wird noch einmal Winter in der Schweiz. Schnee fällt bis in die Niederungen, und die Meteorologen sagen zweistellige Minusgrade auch im Flachland voraus. Ab wann der Mensch friert und was er dagegen tun kann, erklärt Physiologe Hanns-Christian Gunga.

Herr Gunga, jetzt wirds richtig eisig. Was rät der Physiologe gegen die Kälte?

Das hängt natürlich davon ab, wie Sie gekleidet sind, ob Sie ein Mann oder eine Frau sind und was Sie körperlich tun. In Daunenkleidung können Menschen auch minus 50 Grad auf dem Mount Everest aushalten. Aber jetzt mit normaler Sommerbekleidung rauszugehen, dürfte sehr unangenehm sein, weil der Mensch von Natur aus relativ wenig Möglichkeiten hat, seine Körperkerntemperatur konstant zu halten. Die einzige Schutzmassnahme, die wir haben, ist die Durchblutung.

Inwiefern?

In der Sauna etwa öffnen sich die Hautgefässe, und wenn Sie dann in ein Tauchbecken steigen, verengen sie sich schlagartig. Die neuronale Verarbeitung des Kältereizes ist so trainierbar. Das wird übrigens nicht vererbt. Wenn ich mich jeden Tag in ein Eisbad setze, heisst das nicht automatisch, dass meine Söhne das auch können. Es gibt aber verschiedene Körperbautypen in verschiedenen Regionen der Welt: Menschen, die in den Polargebieten leben, sind tendenziell kleiner und runder und haben dadurch einen besseren Schutz vor der Kälte als Menschen in äquatorialen Gebieten. Da hat die Evolution ein bisschen nachgeholfen.

Warum frieren Frauen oft schneller als Männer?

Weil Frauen durchschnittlich weniger Muskelmasse haben. Beim Mann sind es normalerweise etwa 40 Prozent, bei der Frau zehn bis 15 Prozent weniger – natürlich gibt es Ausnahmen. Bei der Anregung der Muskelzelle fällt Wärme ab. Ausserdem kommt hinzu, dass Männer in der Regel eine deutlich dickere Haut haben, die sich als Schutzschicht bemerkbar macht. Frauen haben zwar in der Regel zehn oder 15 Prozent mehr Fettmasse, was den charmanten Effekt hat, dass sie isoliert. Aber das reicht nicht aus.

«Wir haben die höchste Dichte an Kaltrezeptoren im Bereich des Halses.»

Wer hält es also länger im Eisbad aus: Ein muskulöser oder ein dicker Mann?

Der Dicke, weil nur die Fettmasse verhindert, Körperwärme zu verlieren. Wenn Sie einen Muskulösen ins Eiswasser stecken und der fängt an, da rumzuturnen, dann produziert er durch die stärkere Bewegung zwar mehr Wärme, aber er gibt diese auch extrem schnell ab, weil er kein Fett drumherum hat. Klassisches Beispiel aus der Geschichte der Thermophysiologie zum Überleben: der Bäcker auf der Titanic. Der soll deutlich adipös gewesen sein und war einer der Letzten, die man lebend aus dem Eiswasser gezogen hat.

Ab wann ist unsere Wohlfühltemperatur unterschritten?

Wir finden alles unangenehm, was bei weniger als 15 Grad liegt. Denn wir haben ein ganz enges Fenster: Unser Körperkern, also Lunge, Herz, Niere, Gehirn, muss 36,5 Grad haben. Wenn diese Organe auch nur ein Grad weniger haben, dann nimmt die Leistungsfähigkeit ab. Bei 32 Grad geht es ins Komatöse, und bei 28 Grad ist sowieso Schluss, da kommt es zu Herz-Rhythmus-Störungen. Der Körper ist elementar darauf angewiesen, die Temperatur auf ein Grad genau konstant zu halten.

Wo friert man am schnellsten?

Wir haben die höchste Dichte an Kaltrezeptoren in unserer Haut im Bereich des Halses. Deshalb haben wir den Reflex, die Schultern hochzuziehen und den Hals dadurch kürzer zu machen. Oder eben einen Schal umzulegen. 30 Prozent unserer Wärmeabgabe geschehen zudem über den Kopf. Die Gefässe dort sind kaum zu verengen, um den Wärmeabfluss zu verringern, die Wärme wird also abgestrahlt. Der Kopf sollte immer bedeckt sein. Fahren Sie nach Russland, da sagen die Leute: Jeder ist dumm, der dort ohne Fellmütze draussen rumläuft.

«Bewegung ist nur dann gut, wenn Sie schützende Kleidung anhaben».

Was hilft noch gegen Kälte?

Das, was auch die Pinguine machen: Die rotten sich zusammen. Wenn wir das nicht können, sollten wir uns zusammenrollen. Je kleiner die Oberfläche, desto weniger Wärmeverlust.

Nicht bewegen?

Bewegung ist nur dann gut, wenn Sie etwas haben, das Sie schützt, etwa Kleidung. Andernfalls werden Sie sehr schnell Wärme verlieren, so wie der Muskulöse im Eisbad.

Ab welcher Temperatur tragen Sie denn Mütze?

Sobald es nass ist. Wenn es Schneeregen oder Regen hat bei fünf oder zehn Grad, dann ist bei mir schon der Ofen aus. Da bin ich überhaupt kein Held.

20 Kommentare
    A. Meyer

    Der Hype um Eisbäder kann ich schlecht nachvollziehen, denke ich doch, dass das Herz ziemlich arbeiten muss, wenn man ins Eiswasser eintaucht. Ob das für jeden gesund ist?

    Eine zeitlang duschte ich mich am Ende jeweils eiskalt ab - da ich vernommen hatte, es nütze gegen Gelenkschmerzen - mit der Folge, dass ich später am Tag das Gefühl erlebte, mein Herz setze bald aus. Das tue ich nicht mehr, seither habe ich auch das unangenehme Gefühl nicht mehr.