Die Schweiz entging knapp einem Stammzellen-Skandal

Der Schwyzer Bluthändler Cryo-Save bezahlte weder Personal noch Kühlmittel. Die Branche befürchtete einen Totalverlust der eingelagerten Proben.

Cryo-Save hat in den vergangen Jahren mit 250'000 Familien in ganz Europa Verträge über die Lagerung von Stammzellen aus Nabelschnurblut abgeschlossen. Symbolbild: Keystone

Cryo-Save hat in den vergangen Jahren mit 250'000 Familien in ganz Europa Verträge über die Lagerung von Stammzellen aus Nabelschnurblut abgeschlossen. Symbolbild: Keystone

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Nach dem Konkurs des Schwyzer Stammzellen-Brokers Cryo-Save AG wird klar, dass die Schweiz nur knapp an einem ­Desaster vorbeischrammte. Das Unternehmen des in Genf wohnhaften Franzosen Frédéric Amar hatte offenbar nicht einmal mehr Geld, um den Flüssigstickstoff zu bezahlen, der für die Lagerung der gesammelten Nabelschnurblutproben nötig war.

Cryo-Save hat in den vergangen Jahren mit 250'000 Familien in ganz Europa Verträge über die Lagerung von Stammzellen aus Nabelschnurblut abgeschlossen. Pro Lagervertrag bezahlten die Kunden bis zu 4000 Franken im Voraus. Im Sommer schloss das Unternehmen über Nacht die meisten seiner Europafilialen und auch die Zentrale in Pfäffikon SZ.

In einem Konferenzzentrum in Arese bei Mailand trafen sich im November Kunden und Vertreter der Firmen, welche die Aktivi­täten der konkursiten Cryo-Save weiterführen. Die Vertreter der polnischen Stammzellenbank PBKM sagten, mit der Übernahme hätten sie einen Schaden für die ganze Stammzellen-Branche abwenden wollen. Man habe sich um die 330'000 Nabelblutproben gesorgt. Wegen Geldproblemen hat das Schweizer Unternehmen Mitar­beitende, Mietausstände und ­offenbar auch Rechnungen für Stickstofflieferungen nicht mehr bezahlt. Man habe einen Verlust der Nabelschnurblutproben nicht ­riskieren wollen.

Stammzellen von Tausenden Kindern sind verschwunden

Das polnische Unternehmen befürchtete, dass bei einem europäischen Stammzellenskandal die ­Gesetze verschärft worden wären und so das Geschäft mit Nabelschnurblut in Europa nicht mehr möglich gewesen wäre. Damit es nicht zum Eklat kam, half die polnische Nabelschnurbank dem Schweizer Unternehmen auch mit einem Darlehen von 800'000 Euro über die Runden.

Inzwischen sind 55 Tanks mit je Zehntausenden Nabelschnur­proben nach Polen zur Stammzellenbank PBKM verfrachtet worden. Bei der Inventur stellte diese aber nicht nur Lücken in der ­Registrierung fest, sie stiess auch auf biologisches Material, das ­hätte vernichtet werden müssen. Zudem sind vier Tanks mit Tausenden ­Nabelschnurproben verschwunden. Der damalige Cryo-Save-Chef Frédéric Amar soll den Transport der Tanks Ende Juni gestoppt ­haben. Eltern glauben, dass die Proben entweder zerstört wurden oder sich in einem Labor in Portugal befinden.

Täglich melden sich im Konkursamt des Bezirks Höfe in Wollerau SZ, wo das Konkursverfahren gegen Cryso-Save läuft, ehemalige Kunden aus ganz Europa, um ihre Forderungen anzumelden. 500 betroffene Schweizer Eltern haben sich inzwischen in einer ­geschlossenen Facebook-Gruppe organisiert. «Ich bin ziemlich sauer und habe seit zwei Tagen keinen Schlaf», schreibt dort eine Frau.

Für Unruhe bei den Betroffenen hat in diesen Tagen auch eine ­Mail-Nachricht aus den Vereinigten Arabischen Emiraten gesorgt. Das Risikokapital-Unternehmen Myrisoph Capital verspricht den Eltern darin, die Stammzellen über die in Genf domizilierte Firma CSG-Bio SA kostenlos zurück in die Schweiz zu bringen und hier einzulagern.

Die Firma hat sich vertraglich bereits den Zugang zu den Kundendaten gesichert. Man werde kostenfreie DNA-Tests durchführen, um eine richtige Zuordnung der Stammzellenproben zu garantieren, verspricht die Firma – und warnt Eltern davor, einen Vertrag mit der polnischen Konkurrenz­firma PBKM abzuschliessen.

«Es macht mir Angst und ­Sorge, dass so viele mitmischen», beklagt sich eine Mutter. Maya Pecelj, eine Administratorin der Facebook-Austauschgruppe, befürchtet, dass die Falschen an die Daten herankommen – «und ich keine Kontrolle mehr über die DNA meiner Kinder habe».



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Erstellt: 08.12.2019, 18:52 Uhr

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