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Der Ruf nach einem ImpfpassSollen geimpfte Menschen Vorteile erhalten?

In manchen europäischen Ländern sind entsprechende Regelungen schon weit fortgeschritten. Doch für die EU-Kommissionschefin ist die Zeit dafür noch nicht reif.

Vorteile für Geimpfte? Der Schauspieler Walter Andreas Müller erhält in Zürich eine Spritze gegen das Virus.
Vorteile für Geimpfte? Der Schauspieler Walter Andreas Müller erhält in Zürich eine Spritze gegen das Virus.
Foto: Ennio Leanza (Keystone/4. Januar 2021)

Restaurantbesuche, Kinoabende, Reisen: Sollen Geimpfte dürfen, was anderen in der Corona-Pandemie noch versagt ist? In Deutschland werden alle Vorstösse für entsprechende Regelungen von Kanzlerin Angela Merkel und der Bundesregierung noch abgeblockt. Auch der Ethikrat hat sich dagegen ausgesprochen. In der Schweiz sind solche Diskussionen noch gar nicht entbrannt. (Lesen Sie dazu: Tourismus-Chefs von Genf und Zürich befürworten einen Impfpass). Aber in einigen europäischen Ländern ist man schon ein ganzes Stück weiter.

Zum Beispiel in Dänemark. Das Land legte vergangene Woche Pläne für einen digitalen Ausweis mit Impfdaten vor, um Dienstreisen in Corona-Zeiten zu erleichtern – und letztlich vielleicht auch die sorgenfreie Teilnahme an Konzerten oder Sportveranstaltungen zu ermöglichen. Der dänischen Regierung schwebt ein digitaler Ausweis vor, den man auf Reisen bei Bedarf auf seinem Smartphone vorweisen kann. «Das hier soll als ein Instrument betrachtet werden, wie ein zweiter Pass, wenn man so will», sagte der geschäftsführende Finanzminister Morten Bødskov vergangene Woche. Bis der Corona-Pass inklusive App praxistauglich ist, dürfte es allerdings noch drei bis vier Monate dauern.

Auch Dänemarks Nachbar Schweden will bis zum 1. Juni die digitale Infrastruktur für einen Impfpass schaffen – allerdings in enger Abstimmung mit der Weltgesundheitsorganisation WHO und der EU. Die Dänen blicken bei ihrem Projekt dagegen vor allem auf die heimische Wirtschaft und Kultur. «Es gibt Teile der dänischen Gesellschaft, die vorankommen müssen», sagt Bødskov. In der Wirtschaft gebe es Menschen, die reisen müssten, auch ins Ausland.

Die Hoffnungen und Erwartungen sind gross

Zugutekommen soll der Corona-Pass zunächst Dienstreisenden, aber die dänische Wirtschaft will mehr. «Der Pass soll dazu beitragen, dass wir Dänemark so schnell wie möglich geöffnet bekommen», erklärte der Direktor der dänischen Handelskammer Dansk Erhverv, Brian Mikkelsen. Die Hoffnungen und Erwartungen der Reise- und anderer Branchen sind entsprechend gross in Dänemark. Wie konkret der Pass eines Tages angewendet werden kann – etwa in den Ferien, beim Restaurant-Besuch, im Kino oder Fussballstadion – ist aber noch unklar.

Andere EU-Länder haben da schon mehr Schritte unternommen. In Polen gibt es seit Ende Dezember ganz konkrete Vorteile für Geimpfte. Sie sind von der zehntägigen Quarantänepflicht nach Einreise befreit. Ausserdem zählen Geimpfte bei Beschränkungen für private Treffen nicht als Kontaktpersonen.

Auch die rumänische Regierung hat Mitte Januar geimpfte Einreisende von der Quarantäne befreit – und das, obwohl Staatspräsident Klaus Iohannis zuvor in der Diskussion um einen europäischen Impfpass noch vor «Diskriminierung» der nicht Geimpften gewarnt hatte. Estland ist das dritte EU-Land, das die Einreisefreiheit für Geimpfte zum 1. Februar vollständig – ohne Testpflicht und Quarantäne – wiederhergestellt hat.

Besonders wichtig ist das Thema Einreisebeschränkungen für die Länder der EU, die wirtschaftlich stark auf Tourismus angewiesen sind – wie etwa Griechenland. «Die Personen, die geimpft sind, müssen frei reisen dürfen», forderte der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis schon vor Wochen. Auf eine EU-weite Regelung scheint auch er jetzt nicht mehr warten zu wollen. Am Montag vereinbarte Griechenland mit Israel, dass Geimpfte zwischen beiden Ländern ohne Auflagen reisen dürfen. Mit Grossbritannien soll eine ähnliche Regelung bereits auf dem Weg sein. (Lesen Sie dazu unseren Kommentar: Ein Impfpass würde nur Streit bringen).

Von der Leyen: Zu viele Fragezeichen

Die EU hinkt solchen Alleingängen hinterher. Man ist sich zwar grundsätzlich einig, dass es ein gemeinsames Impfzertifikat brauche – und das sowohl in Papier- als auch in elektronischer Form. Dies soll aber zunächst nur für medizinische Zwecke genutzt werden. Mittlerweile haben sich die EU-Staaten auf Eckpunkte geeinigt. Ein medizinischer Zweck könnte demnach sein, dass zwei notwendige Impfdosen in verschiedenen Ländern gespritzt werden oder wenn ein Betroffener sein Impf-Zertifikat im Krankenhaus vorlegt, weil er Nebenwirkungen hat.

Punkto Impfstrategie stark in der Kritik: EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen.
Punkto Impfstrategie stark in der Kritik: EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen.
Foto: Olivier Hoslet (Keystone)

Für die Diskussion über mögliche Vorteile für Geimpfte sei die Zeit noch nicht reif, sagte EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen kürzlich. Es gebe noch zu viele Fragezeichen. So sei offen, ob Geimpfte das Virus weiter übertragen und wie lange der Impfschutz anhält. Eine politische Frage sei, wie sichergestellt werde, dass jene Menschen, die noch keine Chance auf eine Impfung hatten, nicht benachteiligt würden. Soll der Impfpass tatsächlich freies Reisen in der gesamten EU ermöglichen, müssten die EU-Staaten bei all diesen Punkten eine gemeinsame Linie finden. (Lesen Sie dazu: Ursula von der Leyen stolpert vom Eigentor zum Flop).

SDA/fal

236 Kommentare
    Thomas Good

    Erleichterungen wenn Personen geimpft sind, super, aktuell sind nicht einmal 4% der Bevölkerung geimpft. Somit Personen über 75 genau die Zielgruppe der Kino Besucher, Airlines etc. Wenn das Impftempo so weiter geht, bin ich ende 2022 soweit. Bis dahin sind sowieso 20 Mutationen bekannt und kein Impfstoff der dagegen hilft. Hinweis an das BAG und die Politik, warum nicht einfach ehrlich informieren, dass wir mit der aktuellen Situation komplett überfordert sind.