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Interview mit ExperteSoll Tiktok auch in der Schweiz verboten werden?

Daniel Koss betreibt eine der grössten Influencer-Agenturen des Landes. Er begrüsst die chinesische App als Gegenspieler zu Instagram und Facebook. Das Verbot in Indien habe wirtschaftliche Gründe.

Daniel Koss hat bei seiner Marketingagentur Yxterix einige der einflussreichsten Social-Media-Grössen der Schweiz unter Vertrag.
Daniel Koss hat bei seiner Marketingagentur Yxterix einige der einflussreichsten Social-Media-Grössen der Schweiz unter Vertrag.
Foto: Michele Limina

Die indische Regierung hat die boomende App Tiktok gesperrt. Als Grund werden Sicherheitsbedenken gegenüber der Videoplattform angeführt, hinter der die chinesische Firma Bytedance steckt. Im gleichen Zug wurden in Indien ein Dutzend weitere chinesische Apps blockiert. Auch die Regierung Trump diskutiert darüber, Tiktok zu verbieten. Aussenminister Mike Pompeo sagte am Dienstag: «Wir nehmen das sehr ernst. Wir sehen es uns auf jeden Fall an.» Social-Media-Experte Daniel Koss schätzt die Lage ein.

Warum ist Tiktok ein Problem für Indien?

Das Verbot der App wird mit einem Sicherheitsproblem begründet, es geht aber um wirtschaftliche Interessen. Indien will nicht, dass China mit den erhobenen Daten und der ausgespielten Werbung Geld verdient. Indirekt verschiebt das Steuergelder von Indien nach China.

Erhält die Kommunistische Partei die Daten, die Tiktok sammelt?

Ja, auf jeden Fall. Dass in China eine Plattform ohne Involvierung des Staates so gross werden kann, ist für mich unvorstellbar.

Wie realistisch ist ein Tiktok-Verbot in den USA?

Ich halte das für sehr realistisch. Die Regierung um Donald Trump agiert stark protektionistisch und scheut vor schnellen Massnahmen nicht zurück. Einer von Trumps engsten Digitalberatern ist der Silicon-Valley-Investor Peter Thiel, der bei Facebook und Instagram stark involviert ist. Sie werden alles daransetzen, die eigenen Plattformen zu schützen und zu fördern.

Was passiert eigentlich mit den Daten der Tiktok-User?

Ich habe keine Einsicht, was Social-Media-Plattformen mit den Daten ihrer Nutzerinnen und Nutzer alles machen. Fakt ist: Datenschutzgesetze gibts, aber die greifen selten. Spam-Mails oder gewisse Cookies sind illegal, trotzdem sind sie Realität. Bei allen Plattformen muss man davon ausgehen, dass sie alle Daten sammeln, die sie haben können. Es fehlt den Behörden an Kontrollmöglichkeiten und Know-how.

Gemäss Aussenminister Mike Pompeo prüfen die USA derzeit ein Verbot der chinesischen App Tiktok.
Gemäss Aussenminister Mike Pompeo prüfen die USA derzeit ein Verbot der chinesischen App Tiktok.
Foto: Reuters

Ist das anders als bei Instagram oder Youtube?

Es ist bei allen gleich. Es werden so viele Daten abgeschöpft wie möglich. Zum Beispiel über die Frontkamera: Wenn ein Smartphone eine solche hat, wird alles aufgezeichnet und weitergeschickt, was über die Kamera läuft.

Wie schlimm ist das?

Die Plattformen und Tech-Hersteller verfolgen damit meines Erachtens keine bösen Absichten. Die Daten sind einfach unglaublich wertvoll, weil sie in gezielte Werbung umgesetzt werden können. Daten sind wie Gold: Wer sie hat, beschützt sie auch. Problematisch ist, dass Hacker auch daran interessiert sind – und sie sind den Plattformen in der Regel immer einen Schritt voraus.

Wird in der Schweiz ein Verbot der App diskutiert?

Nicht dass ich wüsste. Ich sehe keinen Grund dafür. Andere Plattformen machen seit zehn Jahren genau dasselbe, da war ein Verbot auch nie ein Thema. Es könnte einzig einen Schneeballeffekt geben, wenn jetzt die USA und weitere Länder Tiktok verbieten. Dann müsste die Schweizer Regierung vielleicht wegen der Wirkung in der Öffentlichkeit mitziehen.

Wo steht Tiktok in der Schweiz?

Seit kurzem kann man in der Schweiz Werbung schalten auf Tiktok, also gezielt Kundinnen und Kunden anpeilen. Tiktok wird hierzulande einen relevanten Anteil der Werbeeinnahmen über Social Media übernehmen. Ich schätze, dass die App innert weniger Jahre ähnlich viel Umsatz macht wie Instagram – was enorm viel ist.

Wie wichtig ist Tiktok fürs Influencer-Geschäft?

Es ist gut, dass es einen neuen Player gibt, zudem kommt er aus China, er bricht also die Machtposition der US-Plattformen. Dass zwischen Facebook, Instagram und Youtube, den grössten drei, Preisabsprachen laufen, ob direkt oder indirekt, ist höchst wahrscheinlich. Tiktok greift dieses Oligopol an, das ist gesund für andere Marktteilnehmer wie Werber und Content Creators.

Wird das Verbot der App in Indien anhalten? Oder ist es letztlich eine Drohgebärde, die wieder rückgängig gemacht wird?

Das ist schwer abzuschätzen. Letztlich könnte höchstens der Druck der Konsumentinnen und Konsumenten die Regierung dazu bringen, Tiktok wieder freizuschalten. Ich glaube aber nicht, dass die App in Indien diese Wichtigkeit hat – die Nutzer weichen jetzt auf andere Plattformen aus.