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Angst vor rasanter AusbreitungSo wollen andere Länder die Virus-Mutationen stoppen

Vielerorts werden Massnahmen gegen die Varianten aus Grossbritannien und Südafrika ergriffen – gleichzeitig ist schon wieder eine neue Mutation aufgetaucht.

Deutschland setzt auf strikte Einreisebestimmungen: Ein Polizist regelt den Verkehr an der Grenze.
Deutschland setzt auf strikte Einreisebestimmungen: Ein Polizist regelt den Verkehr an der Grenze.
Foto: Stefan Sauer (Keystone/DPA)

In Europa geht die Angst um. Denn die Virusmutationen aus Grossbritannien und Südafrika breiten sich immer schneller aus. Allein die britische Variante B.1.1.7 zirkuliert schon in mindestens 15 europäischen Staaten, auch hierzulande. In der Schweiz und in Liechtenstein sind bislang 86 Fälle nachgewiesen worden. Das BAG befürchtet, dass mittlerweile schon 6 Prozent aller positiven Tests einer Mutation zuzuordnen sind – aktuell wären das mindestens 192 neue Fälle pro Tag.

Die Mutation ist deutlich ansteckender als die bisher dominierende Variante. Schon am Mittwoch könnte der Bundesrat deshalb schärfere Einschränkungen beschliessen. Ohne weitere Gegenmassnahmen wird die Mutation gemäss Gesundheitsexperten zu einer neuen, viel stärkeren Welle führen. Eine solche erlebt derzeit Grossbritannien, das selbst hart durchgreift. Aber auch andere Länder treffen Massnahmen. Eine Übersicht.

Grossbritannien

Die britische Regierung hat kürzlich zum dritten Mal einen harten Lockdown beschlossen: Restaurants, Pubs und ein Grossteil der Läden sind zu, dasselbe gilt bis mindestens Mitte Februar auch für alle Schulen und Universitäten. Die Menschen dürfen ihr Haus nur noch in wenigen Ausnahmefällen verlassen. Denn die Corona-Fallzahlen haben sich seit Anfang Dezember mehr als vervierfacht.

Da die Massnahmen bis jetzt nur wenig Wirkung zeigen, treten zusätzlich neue Reisebestimmungen in Kraft. Ab Freitag sind Einreisen nach England nur noch mit einem negativen Corona-Test möglich, der höchstens 72 Stunden alt sein darf und bereits vor Abreise von der Airline, der Bahngesellschaft oder dem Schiffsbetreiber kontrolliert werden muss. Zudem müssen alle Einreisenden in eine zehntägige Quarantäne.

Britische Staatsbürger sind nur von der Testpflicht ausgenommen, wenn sie aus anderen Teilen des Vereinigten Königreichs einreisen. Staatsbürgern, die sich nachweislich mit dem Coronavirus angesteckt haben, ist eine Heimreise sogar ausdrücklich verboten.

Irland

Noch schlimmer ist die Situation in Irland, wo die Zahl der Ansteckungen in den letzten Wochen regelrecht explodiert ist. Aktuell gibt es täglich 130 Neuinfektionen pro 100'000 Einwohner – in der Schweiz sind es 37. Laut dem irischen Premierminister Micheál Martin übertrifft die Entwicklung sogar die pessimistischsten Vorhersagen.

Dabei gelten in Irland seit Weihnachten besonders strenge Massnahmen gegen das Coronavirus: Läden, Restaurants, Friseursalons und ähnliche als nicht systemrelevant eingestufte Geschäfte sind dicht. Den Menschen ist es nicht mehr gestattet, ihren eigenen Landkreis zu verlassen. Es gilt die höchste Gefahrenstufe.

Dennoch konnte sich die hoch ansteckende B.1.1.7-Variante etablieren. Schon jetzt ist sie für mindestens ein Viertel der Ansteckungen im Land verantwortlich. Gemäss der Regierung trugen 41 Prozent der Briten, die Irland während der Feiertage besuchten und positiv getestet wurden, die Mutation in sich. Deshalb müssen Briten bei der Einreise neu einen negativen Test vorweisen, ansonsten droht ihnen eine Busse in Höhe von 2500 Euro oder Gefängnis bis zu sechs Monaten.

Deutschland

Die deutsche Regierung will noch einen Schritt weiter gehen, wie der «Spiegel» berichtet. Gesundheitsminister Jens Spahn fordert demnach nicht nur strikte Einreiseregeln, sondern auch eine Registrierungspflicht und die Einführung einer Warn-SMS.

Eine zehntägige Quarantänepflicht für Einreisende gibt es schon. Jetzt soll eine Testpflicht vor Abflug dazukommen, welche die Airlines schon beim Check-in kontrollieren müssen. Sie würde für alle Reisenden aus Ländern gelten, in denen die beiden Mutationen bereits grassieren oder in denen die sogenannte 7-Tage-Inzidenz über dem Wert von 200 liegt. Die Schweiz liegt mit gut 270 ziemlich weit über dieser roten Linie.

Ausserdem sind alle Einreisenden schon vor Antritt ihres Trips nach Deutschland verpflichtet, sich online zu registrieren. Mit den Daten sollen die Gesundheitsämter besser kontrollieren können, ob sich die Einreisenden an die Quarantänepflicht halten. Für die bessere Durchsetzung der Massnahmen fordert Spahn eine Warn-SMS, die alle Einreisenden bei der Ankunft auf die strengen Regeln aufmerksam macht. In der Schweiz und in anderen Ländern gibt es eine solche SMS schon lange.

Frankreich

Frankreich hat seine Grenze zu Grossbritannien für Reisende bis auf weiteres geschlossen. Personen, die eine Ausnahme erhalten, müssen einen negativen Test vorlegen. Den Gesundheitsbehörden zufolge gibt es in Frankreich schon zwei Cluster der Mutation. Nach einem starken Rückgang steigen die Zahlen seit Anfang Dezember deshalb wieder an.

Am 20. Januar hätten Restaurants und Bars wieder öffnen sollen. Doch jetzt hat die Regierung entschieden, dass sie geschlossen bleiben. Zudem gilt in besonders stark von der Pandemie betroffenen Regionen neu eine Ausgangssperre schon ab 18 Uhr, nicht erst ab 20 Uhr wie bisher. Die Menschen dürfen zu dieser Zeit weiterhin zur Arbeit fahren oder wegen zwingender familiärer Gründe das Haus verlassen. Spaziergänge, Einkäufe oder Sport an der frischen Luft sind aber untersagt.

Zudem will die französische Regierung den Gesundheitsnotstand bis am 1. Juni verlängern und den gesetzlichen Rahmen, der aussergewöhnliche Massnahmen erlaubt, sogar bis Ende 2021. Ein entsprechender Gesetzesvorschlag werde kommende Woche am Mittwoch dem Ministerrat vorgelegt. Das berichten mehrere französische Medien gestützt auf Regierungsquellen.

Australien

Längst ist B.1.1.7 auch ausserhalb Europas aufgetaucht, beispielsweise in Australien. Dort haben die Behörden schnell und hart reagiert, um eine Ausbreitung zu verhindern. Nachdem in Brisbane ein Fall der Mutation nachgewiesen worden war, verhängten sie einen Express-Lockdown über die ganze Stadt – mehr als zwei Millionen Menschen mussten mindestens drei Tage lang in ihren Häusern bleiben.

Ausserdem wurden auf Anordnung der Regierung die internationalen Flugverbindungen im ganzen Land um die Hälfte eingeschränkt. Alle Reisenden müssen vor dem Abflug nach Australien eine Online-Reiseerklärung ausfüllen und einen negativen Corona-Test vorweisen. Nach der Ankunft müssen sie in eine 14-tägige Quarantäne in einem vorgeschriebenen Hotel.

Mit diesem drastischen Vorgehen hatte Australien bisher Erfolg. Das Land verzeichnet praktisch keine neuen Ansteckungen und kann die wenigen Fälle gut überwachen.

Von dieser Situation können die meisten europäischen Staaten nur träumen. Gesundheitsexperten befürchten, dass die Massnahmen zu spät kommen, um eine Ausbreitung der Mutationen zu verhindern. Zudem droht schon das nächste Ungemach: In Japan ist gerade eine neue Form des Coronavirus entdeckt worden, bei vier Reisenden aus Brasilien. Zwar gebe es bisher keine Hinweise darauf, dass die Mutation ansteckender sei, teilte die japanische Gesundheitsbehörde mit. Sie weise aber Ähnlichkeiten mit der britischen und der südafrikanischen Variante auf.

19 Kommentare
    Peter Colberg

    Ich hätte in diesem Artikel gerne erfahren, ob die aktuel verfügbaren Schutzmasken auch gegen die mutierten Varianten des Corona Virus wirksam schützen.