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Mehr Tiere und PflanzenSo steigern Sie die Artenvielfalt im Garten

Überall wird der Rückgang der Biodiversität beklagt. Was kann man im eigenen Garten konkret dagegen tun? Tipps im Interview mit Naturgartengestalter Peter Richard.

Akkurat gemähter, unkrautloser Rasen, perfekt geschnittene Rasenkante: In einem derart gepützelten Garten dürfte es mit der Artenvielfalt nicht zum Besten stehen.
Akkurat gemähter, unkrautloser Rasen, perfekt geschnittene Rasenkante: In einem derart gepützelten Garten dürfte es mit der Artenvielfalt nicht zum Besten stehen.
Foto: Getty

Wie kann ich in meinem Garten am einfachsten die Biodiversität fördern?

Es fängt eigentlich damit an, wie man den Garten pflegt. Oft wird in den Gärten viel zu viel gepützelt, im Herbst alles zurückgeschnitten, jede Fuge geputzt und jede Rasenkante geschnitten. Dabei gehen wichtige Unterschlüpfe für allerlei Insekten verloren. Wer also den Pfad der Ordnung und Reinlichkeit verlässt, macht schon viel. Dazu braucht es jedoch oft zuerst eine persönliche Entwicklung, ein Umdenken, ein Loslassen.

Und wie gelingt einem dies?

Ich rate, in einer Nische anzufangen. Jeder hat in seinem Garten eine Ecke, die lästig ist, weil es ständig wuchert. Eine Ecke, in der man einfach nicht gern jätet oder in der man sich sowieso nie aufhält. Diese Ecke überlässt man nun einfach sich selbst und schaut, was passiert – ein bisschen Wilder Westen im Garten. Wer immer wieder hingeht und beobachtet, stellt bald fest, wie es dort zu leben beginnt. Wie Insekten oder andere Tiere einziehen.

Oft befürchten Gartenbesitzer aber, dass sie so irgendwann den Überblick verlieren.

Darauf antworte ich: Wer eine solche Wild-West-Ecke für ein bis zwei Jahre zulässt, muss nichts befürchten. Es kann nichts passieren, was man nicht wieder rückgängig machen könnte. Sollte sich zum Beispiel eine Birke in dieser Ecke versamen, dann ist sie nach zwei Jahren immer noch klein genug, dass man sie leicht entfernen kann. Man muss der Natur mehr vertrauen und aufhören, dauernd zu pützeln.

Und sonst? Das Laub liegen lassen, den Rasen nicht mehr mähen?

In den Pflanzflächen das Laub liegen lassen, das ist einfach, und im Frühling ist es sowieso verschwunden. Auch die Stauden lässt man über den Winter am besten stehen, damit Insekten darin überwintern oder sich Vögel an den Samenständen bedienen können. All dies kostet nichts, braucht manchmal aber etwas Überwindung, weil wir uns das Bild nicht gewöhnt sind.

Wann darf man denn zurückschneiden?

Wenn die Pflanzen und Bäume wieder anfangen auszutreiben, also meistens im März. Wichtig ist auch, dass man das abgeschnittene Material nicht sofort der Grünabfuhr mitgibt, sondern noch ein paar Wochen irgendwo im Garten liegen lässt, damit Insekten Zeit haben, herauszukommen.

Was für Alternativen gibt es zum klassischen Rasen, wenn man trotzdem eine kurz geschnittene Fläche zum Spielen für die Kinder haben möchte?

Einfach den Rasen nicht mehr düngen, vertikutieren, belüften und auch kein Pestizid mehr ausbringen. Mit der Zeit wird der Rasen durchsetzt mit vielen anderen Pflanzen, die den Schnitt vertragen, wie zum Beispiel Gänseblümchen, Kriechender Günsel und viele andere, je nach Standort. Die Umstellung dauert vielleicht drei bis vier Jahre. Der Vorteil ist, dass solche Wiesen auch viel weniger oft geschnitten werden müssen.

Wenn man einen Schritt weitergeht und auch den Garten umgestalten möchte: Welche Lebensräume haben den grössten Effekt auf die Artenvielfalt?

Das hängt stark von der Umgebung des Gartens ab. Entscheidend ist, ob sich die Tiere und Pflanzen über den Garten hinaus mit anderen vernetzen können. Feuchtbiotope sind genau aus diesem Grund je nach Lage nicht in allen Gärten empfehlenswert. Auch sehr seltene Lebensräume wie Magerrasen oder extreme Trockenstandorte bringen nicht viel, wenn es in der Umgebung nicht ähnliche Lebensräume hat. Was aber immer Sinn macht, sind Strauchgruppen, Hecken, artenreiche Blumenwiesen und Wildstaudenpflanzungen in Kies- oder Humusböden. Diese Lebensräume werden von Vögeln und Insekten aufgesucht, die mobil sind und grössere Strecken zurücklegen können. Auch Trockenmauern funktionieren gut, sie werden meist gut angenommen von den vorhandenen Pflanzen und Tieren.

«Dreissig Kleingärten bilden zusammen auch eine grosse Fläche.»

Wenn man schon eine Hecke hat, diese aber nicht komplett neu pflanzen möchte – bringt es auch etwas, bloss einzelne Sträucher zu ersetzen?

Ja, viele Gartenbesitzer fangen so an. Wichtig ist, dass man jeweils auf einheimische Sträucher setzt – diese haben den grössten Nutzen für die Tierwelt.

Lassen sich auch bestehende Abgrenzungen zu Lebensräumen umgestalten? Zum Beispiel Sichtschutzelemente oder Zäune?

Hier kann man mit Kletterpflanzen einiges bewirken. Einen Zaun kann man zum Beispiel mit Wildrosen, Waldreben, Geissblatt und anderen beranken lassen. Wichtig ist stets, dass die Pflanzen so gewählt werden, dass sie punkto Licht und Boden zum Standort passen.

Was gibt es für Lösungen für Schottergärten, die man lieber wieder rückbauen würde?

Man kann die Schottersteine zu Steinhaufen zusammentragen und so Unterschlupf für Tiere schaffen. Auf der frei gewordenen Fläche kann man Kies ausbringen und anschliessend mit selbst versamenden Blütenpflanzen bepflanzen. Wo früher keine Pflanzen und Tiere lebten, nimmt die Artenvielfalt im Nu um ein x-Faches zu.

Kann man auch mit kleinen Gärten einen Beitrag zur Biodiversität leisten?

Auf jeden Fall. Jeder Beitrag ist wichtig. Hat man in einer Siedlung zum Beispiel dreissig Kleingärten, wovon zehn naturnah gestaltet sind, dann bilden diese zehn zusammen auch eine grosse Fläche.

32 Kommentare
    Robert Reutter

    In meinem Garten versuche ich die "Natur" und das "Gepflegte" in Einklang zu bringen, unter Berücksichtigung der Bedürfnisse aller Nutzer , d. h. es finden sich Räume bzw. Strukturen für Insekten, Vögel, Nager, Amphibien, Reptilien und nicht zuletzt unsere Familie mit 3 (grossen) Kindern, 2 Hunden und eine (glücklicherweise) nicht jagende Katze (Main-Coon). Es benötigt schon ein paar Quadratmeter dies alles zu vereinen. Es gibt aber nichts Schöneres, zu sehen wie der Garten lebt. Dies verlangt natürlich Aufmerksamkeit und Zeit, ist jedoch auch sehr befriedigend.