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Debüt aus FrankreichSo sieht Asperger als Comic aus

Temporeich, tragisch und ausgesprochen humorvoll: «Trubel mit Ted» von Emilie Gleason ist eine bildstarke Wundertüte. Jetzt gibts den Achtungserfolg aus Frankreich auch auf Deutsch.

Verzerrte Wahrnehmung: Die an Asperger leidende Comicfigur Ted.
Verzerrte Wahrnehmung: Die an Asperger leidende Comicfigur Ted.
Illustration: Edition Moderne

Seine Welt ist quietschbunt, die Panels sind vollgestopft mit Details, und wenn dieser Ted tagtäglich lossprintet mit seinen überlangen Beinen und flatternden Armen, dann jagt man selber fliegenden Auges über die Seiten. Fast wie in alten Trickfilmen, einfach mit Umblättern.

Aber bald zeigt sich: Das Tempo im Comicdebüt von Emilie Gleason ist im Grunde ein Ablenkungsmanöver. Denn diese Hauptfigur ist nicht zufällig so ein unförmiges, um nicht zu sagen verzerrtes Wesen mit zwei Punkten als Augen und kaum weiteren Gesichtszügen. Ted leidet an Asperger und ist in seinen Möglichkeiten entsprechend eingeschränkt.

Eine persönliche Erfahrung

In «Trubel mit Ted» verarbeitet Gleason – 1992 in Mexiko geboren, heute in Paris wohnhaft – eine persönliche Erfahrung. Ihr Bruder wurde erst spät von den Ärzten als Asperger-Patient diagnostiziert. Sie selbst konstruiert in ihrem Comic jedoch keinen klassischen Problemfall, sondern arbeitet die unterschiedlichen Gefühlstemperaturen von Ted und seiner Umgebung mittels Situationskomik heraus – und das will etwas heissen.

Der unförmige Schlaks reklamiert zum Beispiel jeden Tag seinen üblichen Sitzplatz in der Metro (womit er sich Ärger einhandelt), die Arbeit als Bibliothekar kann er knapp bewältigen (wobei sein Wissen jenes der Besucher überfordert), sein Mittagessen besteht aus einem Trippel-Tschiis-Bacon-Burger (immer). Die Hemden sind nach Tagen sortiert (immer).

Aber dann fällt eines Tages die ÖV-Verbindung wegen Bauarbeiten aus, und der autistische Ted bleibt stehen wie ein kaputtes Spielzeug. Dabei wachsen ihm unzählige Köpfe aus der Brust, seine Silhouette dreht in rot, und das würde vermutlich bis zum Kollaps so weitergehen, wenn sich nicht eine ältere Chorsängerin seiner annehmen würde. Aber dann wird diese Mariam, mit der Ted eine kuriose Affäre beginnt, von einem Auto angefahren. Ted kann sich die Nummer des Fahrerflüchtigen merken, er ist sogar fähig, bei der Polizei Anzeige zu erstatten. Allerdings ahnt man da schon, dass es bald abwärtsgehen wird mit diesem handicapierten Helden.

Mit Höchsttempo auf den Abgrund zu

Kritisch wird es, als Ted von seiner Bibliothek zu Ferien «verdonnert» wird, die er bei seiner in der Gegend von Nantes wohnhaften Familie verbringt. Wo soll er auch sonst hin? Doch die Eltern und die Schwester haben keinen Plan, wie man mit einem wie ihm umgehen soll. Man weiss zwar um seine Veranlagung und geht mit ihm zum Arzt, wo er Unmengen an Pillen verschrieben bekommt. Aber Ted reagiert mit Panikattacken oder verkleidet sich mit WC-Papier als ägyptische Mumie und geht allen auf die Nerven. Je mehr sich sein Zustand verschlechtert, desto verwinkeltere Formen nimmt er im Comic an.

Das Tröstliche daran: Emilie Gleason schafft es, diesen dramatischen Abstieg mit slapstickartigen Szenen so zu übersetzen, dass die Gefühlslagen beider Seiten verständlich werden. Die Ratlosigkeit, die Verständnislosigkeit von Ted und seiner Umwelt – es ist das eigentlich Ergreifende an dieser Geschichte, die mit Höchsttempo auf ihren vorbestimmten Abgrund zusteuert. Und nein, eine schwungvollere Katharsis kann man sich nicht denken.

Emilie Gleason: «Trubel mit Ted». Edition Moderne, Zürich 2020. 128 S., ca. 30 Fr.