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Bahn-Chaos im Raum BernStörung behoben – Verspätungen und Zugausfälle bis Betriebsschluss

Die Fahrwerksstörung zwischn Bahnhof Bern und Wankdorf konnte am Abend behoben werden. Seit 18 Uhr verkehrt die S-Bahn wieder. Der Fernverkehr nimmt ab 20 Uhr den Betrieb wieder auf.

Die Fahrleitung wurde bis in den Bahnhof Bern beschädigt. Hunderte Reisende konnten am Freitag beobachten, wie die defekte Leitung repariert wurde.
Die Fahrleitung wurde bis in den Bahnhof Bern beschädigt. Hunderte Reisende konnten am Freitag beobachten, wie die defekte Leitung repariert wurde.
Foto: SBB/zvg
Die Bahnarbeiter reparieren die beschädigten Fahrleitungen beim Hauptbahnhof Bern.
Die Bahnarbeiter reparieren die beschädigten Fahrleitungen beim Hauptbahnhof Bern.
Foto: Anthony Anex (Keystone)
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Im Bahnhof Bern ging am Freitag seit 8.30 Uhr nicht mehr viel. Grund dafür war eine Fahrleitungsstörung zwischen Bahnhof Bern und Bern Wankdorf – dem Nadelöhr für die meisten Züge in die Hauptstadt.

Die Fahrwerkstörung konnte am Abend behoben werden, wie die SBB mitteilt. Seit 18 Uhr verkehrt die S-Bahn wieder fahrplanmässig. Die Fernverkehrszüge haben um 20 Uhr den Betrieb wieder aufgenommen, wie es weiter heisst. Es seien aber bis Betriebsschluss mit Einschränkungen, Verspätungen und Zugausfällen zu rechnen.

ICE beschädigt Fahrleitung

Der IC61 von Basel nach Interlaken hatte am Morgen die Fahrleitung unmittelbar vor der Osteinfahrt des Hauptbahnhofs heruntergerissen. Diese lag über mehrere Geleise verteilt am Boden, die Strecke zwischen Bern und Bern-Wankdorf war bis Freitagmittag komplett gesperrt.

Die eigentlich kleine Störung hat grosse Auswirkungen: der gesamte Ost-West-Verkehr in der Schweiz war massiv behindert. Etwa die Hälfte der Züge zwischen Bern und Zürich fiel aus.

Rund 400 Passagiere mussten aus zwei steckengebliebenen Zügen evakuiert werden. Es handelte sich dabei um eine S4-Komposition nach Thun sowie einen IC der Deutschen Bahn (DB). Laut Thomas Bettler, Leiter Intervention SBB, hatte dabei die Sicherheit oberste Priorität. Die Strecken seien gesperrt und die Fahrleitungen ausgeschaltet worden. Mit Lösch- und Rettungszügen von Bern und Biel her seien dann die Passagiere evakuiert und schliesslich mit Shuttlefahrzeugen weggebracht worden.

Notfallkonzept erarbeitet

Wieso die Fahrleitung heruntergerissen wurde, ist Teil der Abklärungen. Dafür verantwortlich kann entweder ein technischer Defekt an der Fahrleitung oder am Zug sein. Lange Zeit war nicht klar, wie lang die umfangreichen Reparaturarbeiten andauern. Am späteren Nachmittag gab die SBB den Endzeitpunkt der Störung mit 20 Uhr an.

Die SBB reagierte mit einem Notfallkonzept auf die Störung. Eines von vier Ein- und Ausfahr-Gleisen sowie einige kurze Perrons wurden geöffnet, sagte SBB-Sprecher Raffael Hirt am Freitagnachmittag.

Während dieses Notbetriebs wurde die beschädigte Fahrleitung Bern repariert. Auch eine Totalsperre hatte im Raum gestanden.

Diese Umleitungen empfiehlt die SBB

Der Bahnhof Bern war von östlicher Seite nur über Ostermundigen per Bus erreichbar. Die Fernverkehrszüge wurden deshalb umgeleitet oder in den Vorortbahnhöfen gewendet, teilweise schon in Olten.

An den Bahnhöfen Bern und Burgdorf war zusätzliches Personal für die Information der Reisenden im Einsatz. Die SBB empfahl allen Reisenden, regelmässig den Online-Fahrplan zu konsultieren und gab als Alternative folgende Reiseroute an:

Reisende von Bern …

  • … nach Biel/Bienne, Olten, Zürich HB und Basel SBB oder umgekehrt reisen via Neuchâtel.
  • … nach Luzern oder umgekehrt reisen via dem Bernmobil-Tram Nr. 6 Gümligen-Konolfingen.
  • … nach Thun oder umgekehrt reisen mit den S4-Zügen.
  • … nach Brig und Interlaken Ost oder umgekehrt reisen via die S4 nach Thun.
  • … nach Burgdorf oder umgekehrt reisen mit den BLS-Zügen nach Hindelbank.

Reisende von Genf …

  • … nach Olten oder Zürich HB oder umgekehrt reisen mit den IC5-Zügen.
  • … nach Basel SBB oder umgekehrt reisen via Biel/Bienne (IC5).
  • … nach Zofingen, Sursee und Luzern oder umgekehrt reisen via Olten (IC5).

Video: SBB-Sprecher gibt Auskunft

Die SBB reagiert mit einem Notfallkonzept auf die Störung. SBB-Mediensprecher Raffael Hirt informiert.
Quelle: Keystone-sda

RBS stellt längere Züge auf

Der Regionalverkehr Bern-Solothurn (RBS) hatte auf die Störung reagiert. Er war indirekt von der Fahrleitungsstörung der SBB betroffen, da viele Pendlerinnen und Pendler auf die RBS-Zügen ausgewichen sind. Wie Mediensprecher Stefan Häberli auf Anfrage erklärte, verkehrte die Linie S8 des RBS mit längeren Züge.

Wegen grösserer Passagierzahlen zwischen Bern und Zollikofen kam es zu Verspätungen auf den Linien S8 (Bern-Jegenstorf) und RE (Bern-Solothurn). Ansonsten waren die Züge des RBS jedoch nach Normalfahrplan unterwegs und waren von der Störung nicht direkt betroffen.

Pendler reagieren noch gelassen

Bei einem Augenschein vor Ort um die Mittagszeit war die Menge der Pendlerinnen und Pendler überschaubar. Und sie nahmen die Störung grösstenteils gelassen.

«Pannen passieren nun mal», sagte etwa ein junger Mann aus Brig, der auf der Heimreise in Bern gestrandet ist. Auch das ältere Ehepaar aus Genf, das eigentlich nach Basel wollte, lässt sich von der Situation nicht allzu sehr verunsichern. «Wir gehen jetzt erst mal was essen, dann sehen wir weiter», so der Mann. Der Berner Familienvater, der mit seinen zwei Töchtern nach Solothurn unterwegs gewesen war, bricht den Ausflug kurzerhand ab und findet: «Morgen ist auch noch ein Tag.»

Wenig versöhnliche Worte findet dagegen eine Frau aus Kärnten, die mit dem Nachtzug angereist ist. Anders als geplant musste sie in Zürich nach Olten umsteigen und hätte dort dann via Neuchâtel nach Bern reisen müssen. «Das hat alle Passagiere wütend gemacht», sagt sie. Sie selbst habe schliesslich ein Auto gemietet, um die Reise abzukürzen.

Auch Störung in Schönbühl

Auch in der Berner Vorortsgemeinde Schönbühl wurde eine Fahrleitung beschädigt. Der Bahnverkehr zwischen Burgdorf und Bern war deshalb entsprechend eingeschränkt. In Schönbühl war der Bahnhof jedoch einspurig in Betrieb und konnte umfahren werden.

Eng wurde es offenbar am Bahnhof Burgdorf, von wo Ersatzbusse nach Bern verkehrten. Das zeigt das Bild, das ein Nutzer auf Twitter geteilt hat.

Geprellte dürfen mit Kulanz rechnen

Die durch die Störung um die Transportleistung geprellten Passagiere dürfen laut Hirt auf Entschädigung hoffen, wenn sie sich beim Kundendienst der SBB melden. «Sie dürfen mit Kulanz rechnen.» Vom kleinen Zwischenfall mit grosser Wirkung dürften laut Schätzung von Hirt zehntausende Reisende in der ganzen Schweiz betroffen gewesen sein.

Er verwies in diesem Zusammenhang auf die ab 2021 gültigen Anpassungen bei den Entschädigungen. Demnach haben Reisende künftig darauf Anspruch bei Verspätungen von über einer Stunde am Reiseziel. Beträgt die Verspätung über eine Stunde, erhalten Reisende mit Einzel- und Streckenbilletten 25 Prozent des Fahrpreises zurück. Beträgt sie über zwei Stunden, werden 50 Prozent entschädigt.

Auch Abonnementsinhaberinnen und -inhaber werden ab 2021 bei Verspätungen entschädigt. Der Betrag richtet sich dabei am Tageswert des Abos aus. «Das wäre jetzt ein solcher Fall gewesen, bei dem die neuen Schwellenwerte wohl erreicht worden wären», sagte der SBB-Sprecher.

«Wochenende kommt uns entgegen»

Ob die leidgeplagten Reisenden in den Genuss einer zusätzlichen Entschuldigungs- respektive Goodwill-Aktion wegen der erlittenen Unbill kommen, konnte Hirt nicht sagen. Dafür sei es noch zu früh.

Das Wiederhochfahren des Betriebs werde einige Zeit in Anspruch nehmen. Entsprechend würden die Einschränkungen noch einige Zeit dauern, so Hirt. Zuerst müssten die Züge wieder in die richtigen Positionen gebracht und die Ersatzbusse weggestellt werden. Insofern komme den SBB das Wochenende entgegen, so Hirt. Er rechnete für Samstagmorgen nicht mit grösseren Nachwirkungen der Panne.

ske/sda

11 Kommentare
    Andreas Bollner

    Früher galt die Regel: Der Kluge fährt im Zuge. Meiner Ansicht nach hat diese seit gut 10 Jahren kaum mehr Gültigkeit.