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Wissenschaft trifft KulturSo klingt Corona

US-Forscher haben eine Proteinstruktur des Virus in Musik übersetzt. Das Resultat klingt gar nicht schlecht.

Die Struktur des Proteins, mit dem sich das Coronavirus an die Wirtszellen andockt, wurde vor kurzem entschlüsselt.
Die Struktur des Proteins, mit dem sich das Coronavirus an die Wirtszellen andockt, wurde vor kurzem entschlüsselt.
Foto: PD

Tiefe Töne, hohe Töne zu Beginn wirken sie wie zufällig aus dem Raum gezupft. Aber bald ergibt sich ein Puls, eine gewisse Regelmässigkeit in den Klangmustern. Je länger man zuhört, desto repetitiver klingt es, desto meditativer auch. Man denkt an Björk, an den Minimal-Music-Komponisten Steve Reich. Oder an Hintergrundmusik fürs Heim-Yoga; nur hin und wieder stört eine schrille Dissonanz die Entspannung.

Aber das passt schon, denn diese Musik meint es nicht gut mit uns. Eine künstliche Intelligenz hat sie geschaffen, nach einem Verfahren, das am Massachusetts Institute of Technology (MIT) entwickelt wurde. Ein Forscherteam um den Materialwissenschaftler Markus J. Buehler übersetzt damit Proteinstrukturen in Klänge – und dieses neueste «Werk» entspricht nun den Strukturen des Coronavirus, respektive den Vibrationen seines wichtigsten Hüllproteins.

Eine Stunde und knapp fünfzig Minuten dauert es, und man kann es durchaus als Musik hören. Spätestens nach einer halben Stunde kommen einem allerdings die «himmlischen Längen» in den Sinn, Schumanns ziemlich vergiftetes Kompliment an Schubert. Offenbar lullt das Virus die Zellen, die es angreift, erst einmal gründlich ein.

Aber dann, nach rund 39 Minuten, verändert sich der Stil. Der Puls verstärkt sich zum Hämmern, die zuvor fast schon melodisch verknäuelten Linien lösen sich auf, nur noch einzelne Attacken bleiben zurück. Würde man sie auf einer E-Gitarre spielen, hätte man soliden Heavy Metal. Manchmal würden auch Blechbläser passen, fast jazzig würden sie wirken. Wenn dann für die letzten 40 Minuten wieder die Strukturen des Anfangs aufgenommen werden, klingt das tatsächlich wie ein kompositorischer Entscheid. Auch den Schluss hat man so ähnlich schon in Konzertsälen gehört: Das Klangbild franst aus, eine gezackte Linie führt ins Nichts und vorbei ist der Spuk.

Oder vielleicht beginnt er erst, denn diese Musik soll mehr sein als eine Spielerei. Die MIT-Forscher sind überzeugt, dass man dank dieser klanglichen Übersetzung die Strukturen des Virus intuitiv wahrnimmt; und eventuell auch intuitiv verstehen könnte, wie es auszutricksen wäre.

Händel, Kurtág oder Wagner?

Es gälte also, eine Gegenmusik zu finden. Möglichkeiten dafür gäbe es viele: Da wären Händels Da-Capo-Arien, die in ihrer ABA-Form der Virusmusik entsprechen und sie damit sozusagen versiegeln würden. Oder wären Kontraste gefragt? Dann käme man auf etwas Knappes, Kantiges, etwa von György Kurtág oder Anton Webern. Oder bräuchte es noch mehr Klang und Länge? Eine Wagner-Oper vielleicht?

Wie man diese Musik dann in ein Protein verwandelt: Das lässt sich unter anderem in Harold Powers’ Roman «Orfeo» nachlesen. Dort will ein Forscher eine musikalische Sequenz in die DNA eines Bakteriums implantieren und wird deshalb als Bioterrorist verfolgt. Denn so harmlos die Übersetzung einer biologischen Struktur in Musik ist: Das Resultat des umgekehrten Vorgangs könnte durchaus auch gefährlicher sein als das Coronavirus.