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Ein Insider packt ausSo funktionierte das Betrugssystem bei Wirecard

Aussagen des Kronzeugen im Fall Wirecard offenbaren, welch Betrugsgebilde Ex-Vorstand Marsalek gemeinsam mit Helfern geschaffen haben könnte, um die Prüfer zu täuschen und ein Auffliegen zu verhindern.

Fahndungsbilder in der Berliner U-Bahn: Ex-Wirecard Finanzvorstand Jan Marsalek, der als Mastermind hinter dem gigantischen Bilanzbetrug gilt, wird weltweit gesucht.
Fahndungsbilder in der Berliner U-Bahn: Ex-Wirecard Finanzvorstand Jan Marsalek, der als Mastermind hinter dem gigantischen Bilanzbetrug gilt, wird weltweit gesucht.
Foto: Clemens Bilan (Keystone) 

Er ist der erste und bislang wohl auch einzige Kronzeuge im Fall Wirecard, und er redet und redet. Allein seine zweite Vernehmung soll über hundert Seiten gefüllt haben.

Der Kronzeuge war Statthalter des Konzerns in Dubai und schont weder sich noch andere; er hat den früheren Vorstandschef Markus Braun und zwei weitere ehemalige Topmanager ins Gefängnis gebracht. Gemeinsam mit dem flüchtigen Vorstand Jan Marsalek will der Mann sogar 200 Millionen Daten frisiert haben, um zu verhindern, dass die Betrügereien auffliegen.

Er wurde mittlerweile festgenommen: Markus Braun, das ehemalige Vorstandsmitglied von Wirecard.
Er wurde mittlerweile festgenommen: Markus Braun, das ehemalige Vorstandsmitglied von Wirecard.
Foto: Matthias Doering (Getty Images)

Der Kronzeuge, der selbst in Untersuchungshaft sitzt, hat die Wirecard-Tochter Cardsystems Middle East in Dubai geleitet, die wiederum Türöffner für die Unternehmungen in Asien gewesen sein soll. Dort hatten Marsalek und seine Getreuen nach Erkenntnissen der Ermittler viele Geschäfte schlichtweg erfunden mit dem Ziel, immer höhere Umsätze und Gewinne auszuweisen, um die Bilanz zu schönen. Vor einem Jahr jedoch wurde es für die mutmasslich kriminelle Bande rund um Marsalek dann plötzlich eng.

Einer der Helfer war offiziell gar nicht mehr da

Immer mehr Zweifel am Zahlenwerk des in Aschheim bei München ansässigen Finanzdienstleisters kamen auf. Der von Markus Braun geleitete Vorstand geriet unter Druck; Wirecard musste die Wirtschaftsprüfgesellschaft KPMG mit einer Sonderuntersuchung beauftragen. Und KPMG schaute genau hin.

In dieser Lage sei Folgendes passiert, erzählte der Kronzeuge den Ermittlern der Staatsanwaltschaft München I: Er und Marsalek hätten gemeinsam mit zwei Helfern viele Millionen alte Transaktionsdaten aus Wirecard-Beständen genommen, sie neu zusammengebaut und abgewandelt. Auf diese Weise sollten Geschäfte vorgetäuscht werden, die es in Wirklichkeit gar nicht gegeben habe. Mal sprach der Kronzeuge in den Vernehmungen mit der Staatsanwaltschaft von 200 Millionen Daten, mal von 156 Millionen. Immer noch eine gewaltige Zahl.

Der Mann aus Dubai berichtete, diese Daten seien angereichert und «gecleant», also gesäubert worden. Die Daten seien über «Jan» gekommen, über Marsalek, und sie seien nach ihrer Bearbeitung natürlich nicht in Ordnung gewesen. Offenbar ging es um Kreditkartenumsätze. Einer der zwei Helfer bei dieser Aktion soll Wirecards Ex-Finanzchef in Asien gewesen sein, der das Unternehmen wenige Monate vorher wegen Unregelmässigkeiten offiziell hatte verlassen müssen. Offenbar war der Mann aber nie weg.

Sondern half mit, die Prüfer zu täuschen: Als KPMG bei Marsalek und seinen unmittelbaren Mitarbeitern nachfragte, was es mit den Geschäften auf sich habe, bekamen die Wirtschaftsprüfer eine merkwürdige Geschichte zu hören. Bei der Abwicklung von Zahlungen wolle Wirecard mit bestimmten Geschäftsleuten, die man als «Hochrisikokunden» betrachte, nicht selbst zusammenarbeiten. Hier schalte man die Drittpartner ein, die im Auftrag des Konzerns in Regionen tätig seien, wo Wirecard keine eigenen Lizenzen habe. Die Kunden kämen aus der «Erwachsenenunterhaltung» (euphemistisch für Pornos), aus der Glücksspielindustrie, aber auch aus der Sparte Gesundheit und Schönheit mit Produkten wie Haarwuchsmitteln und Diätpillen.

Die Daten wurden den Prüfern angepasst

Auf recht einfache Fragen gaben Marsalek und andere involvierte Manager meist nebulöse Antworten. Ein Drittpartner etwa schob Geschäftsgeheimnisse vor. Mit einer anderen Firma wiederum arbeite man gar nicht mehr zusammen, behauptete Wirecard, und dergleichen mehr. KPMG bekam ausserdem gleich für mehrere Geschäftsjahre keine Transaktionsdaten übermittelt, also keine Unterlagen, mit denen sie angeblich abgewickelte Zahlungen hätten nachvollziehen können. Das machte die Wirtschaftsprüfer stutzig.

Erst kurz vor Ende der Untersuchung, die im Frühjahr 2020 abgeschlossen werden sollte, konnte Wirecard plötzlich liefern. Am 15. April gingen bei den Wirtschaftsprüfern 200’628’859 Datensätze ein. Man habe die Abwicklung der Transaktionen – gemeint sind damit vor allem Kreditkartenumsätze – auf eine eigene Plattform umgestellt, erklärte das Unternehmen damals. «Elastic Engine» nannten sie das neue System in Aschheim. Eine biegsame, dehnbare Maschine. Welch passende Bezeichnung aus heutiger Sicht.

Der Bericht der Wirtschaftsprüfer von KPMG stellte den Anfang von Wirecards Ende dar. Filiale des Konzerns in der Schweiz.
Der Bericht der Wirtschaftsprüfer von KPMG stellte den Anfang von Wirecards Ende dar. Filiale des Konzerns in der Schweiz.
Foto: PD

Denn genau so will der Dubai-Statthalter gemeinsam mit Marsalek und weiteren Helfern vorgegangen sein: Seinen Aussagen zufolge wurden die vorhandenen Wirecard-Daten so weit gedehnt und gebogen, bis sie passten, um KPMG zu täuschen. Und gab es Nachfragen der Prüfer, so stand er bereit, um das Drittpartnergeschäft zu erklären. In ihrem Untersuchungsbericht sind vier Gespräche mit dem Manager verzeichnet. Dazu ein Termin mit einem weiteren Wirecard-Mann, der dem Kronzeugen zufolge bei der Frisieraktion geholfen haben soll. Auch mit Marsalek sind mehrere Gespräche notiert sowie mit Geschäftsführern von Drittpartnern in Asien.

Es sei alles in Ordnung, versuchten Marsalek und die anderen befragten Manager den Wirtschaftsprüfern einzureden. KPMG untersuchte die 200 Millionen Datensätze und fand auf Anhieb nichts, was «Anlass zu wesentlichen Zweifeln an der Authentizität» der Zahlen gegeben hätte, so steht es im Abschlussbericht. Dort heisst es aber auch, das sei nur ein Zwischenstand, und der könne sich ändern. Die Datenanalyse sei nicht abgeschlossen.

Doch auch so blieben viele Zweifel, als die Prüfer den Bericht Ende April vorlegten. Das war der Anfang vom Ende von Wirecard.