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Die OL-WunderläuferinSimone Niggli führt mit 42 die Elite vor

Sieben Jahre nach ihrem Rücktritt ist die Bernerin am Mehrtage-OL La Chasse Neutrass nicht zu schlagen. Sie ist eine Siegerin, die es eigentlich nicht geben dürfte.

Simone Niggli kanns noch immer: Siegen und jubeln (wie hier 2018 in Schweden). Zwar ist die 42-Jährige vom Aktivsport zurückgetreten, nun gewann sie aber den Mehrtage-OL La Chasse Neutrass.
Simone Niggli kanns noch immer: Siegen und jubeln (wie hier 2018 in Schweden). Zwar ist die 42-Jährige vom Aktivsport zurückgetreten, nun gewann sie aber den Mehrtage-OL La Chasse Neutrass.
Keystone

Fünf Etappen, drei im Engadin am vorletzten Wochenende, zwei nun in den Berner Voralpen. Und eine Gesamtsiegerin, die es so nicht geben dürfte: Simone Niggli, die 23-fache Weltmeisterin, die vor sieben Jahren ihren Rücktritt aus der Nationalmannschaft gab. Jetzt, bei der ersten Möglichkeit nach dem Lockdown, gelang der 42-Jährigen gegenüber der aktuellen Elite eine Machtdemonstration. Sie gewann alle drei Waldetappen, die mittlere vom vergangenen Samstag in einer schon schier an vergangene Zeiten erinnernden Überlegenheit. In der Gesamtwertung distanzierte sie die aktuellen Läuferinnen des Nationalteams bei einer Totalzeit von 2:50 Stunden um siebeneinhalb Minuten und mehr.

So überraschend das Resultat scheint, so wenig erstaunt zeigten sich die Gegnerinnen von Niggli. Die 20 Jahre jüngere Simona Aebersold, neunfache Junioren-Weltmeisterin und letztes Jahr an der WM mit Einzel-Silber und -Bronze der Shootingstar, sagt als Gesamtdritte: «Die Verfassung von Simone ist eindrücklich, ich wusste aber um ihre Topform.» Und: «Wie sie OL macht, ist nach wie vor ein Massstab: keine Fehler und mit enormem Zug durch die Wälder, wie steil und dicht diese auch sind.» Eine Erklärung, warum das auch Jahre nach Nigglis Rücktritt noch so ist, hat Sabine Hauswirth, die letztjährige WM-Langdistanz-Dritte und frühere Staffel-Weltmeisterin: «Das technische Können hat Simone konserviert. Hinzu kommt die einzigartige und unglaubliche Freude am OL-Sport.» Simone Niggli selber sagt: «Die drei Waldrennen sind mir vorzüglich geglückt. Gerade das ruppige mit den Bächen, den Tälern, dem steilen Gelände im Gurnigelwald machte mir enorm Spass.» In jenem Rennen erarbeitete sie sich drei Viertel ihres Vorsprungs.

Schweden lockt

Beim Blick auf die verschiedenen Klassements staunt dann aber auch sie. «Schwierig, diese Rangliste zu interpretieren», sagt Niggli. Wichtige Faktoren seien ihre technische Versiertheit und die Routine gewesen. Im «einwandfreien Langdistanzrennen» widerspiegelt sich das in der Konstanz. Die Konkurrentinnen aus dem Nationalkader konnten auch diesbezüglich nicht mithalten, auch wenn sie punkto Abschnittsbestzeiten dabei waren: Niggli (5), Aebersold (5) und Hauswirth (4) lagen da praktisch gleichauf.

Das Verdikt von La Chasse Neutrass dürfte sich kaum wiederholen. Comebackgelüste hegt Simone Niggli nicht. «Nach zwei Jahren mit einigen Überlastungen konnte ich jetzt länger gesund trainieren. Das geniesse ich für mich.» Vorerst wird es auch keine weiteren Aufeinandertreffen mit der aktuellen Schweizer Elite geben. Das hat vor allem mit den beruflich-familiären Plänen der Nigglis zu tun. In zweieinhalb Wochen zieht die ganze Familie für ein Jahr nach Schweden. Es ist die Verwirklichung eines Traums. Simone Niggli übernimmt eine Trainerfunktion am OL-Gymnasium von Hallsberg. Ehemann Matthias Niggli kann seine Arbeit für den internationalen OL-Verband und für die EM vom nächsten Jahr in Neuenburg von dort aus erledigen. Und die drei Kinder werden die Schule in Schweden besuchen.

Schweden geht in der Corona-Zeit einen Sonderweg und verzichtete auf eine Lockdown. Niggli macht die Situation im hohen Norden aber kaum Sorgen. «Wir folgen hier in der Schweiz den empfohlenen Verhaltensregeln und werden dies auch in Schweden tun», sagt sie. Und die allermeisten Fälle konzentrieren sich auf die schwedischen Grossstädte. Flexibilität verlangt sie von sich bezüglich der Rahmenbedingungen. Zwei zentrale Fragen, die sich stellen: Sind die Schulen offen? Können die OL-Trainings stattfinden? Simone Niggli bleibt positiv und lässt sich überraschen.