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Basler Musiker George Hennig«Ich habe mich weiterentwickelt»

Seit 50 Jahren macht der Basler Gitarrist, Sänger und Liederschreiber George Hennig Musik. Davon leben konnte er nie.

George Hennig (links) mit Toningenieur Daniel Dettwiler im «Idee und Klang Studio Basel» beim Abmischen seiner neuen CD «Hillside».
George Hennig (links) mit Toningenieur Daniel Dettwiler im «Idee und Klang Studio Basel» beim Abmischen seiner neuen CD «Hillside».

In Binningen ist er aufgewachsen, Kind der 1950er-Jahre, jüngstes Mitglied einer vierköpfigen Familie. Seine Mutter hat gerne Radio gehört, deutsche Schlager: «Auf meinem täglichen Weg in die Primarschule habe ich diese Lieder im Kopf auseinandergenommen, die Melodien neu zusammengesetzt und arrangiert, für mich allein. So hat alles angefangen.» George Hennig hat die Musik nicht gesucht. Vielmehr hat sie ihn überfallen und nie mehr losgelassen. Seine ersten Musikerfahrungen kamen also im Orchestergewand daher – genauso wie sein neues Album. Dazwischen liegt ein langer Weg. Mit «Hillside» ist er wieder zu Hause angekommen. Hennig: «Es ist eine Hommage an meine verstorbenen Eltern und an meinen Bruder.»

Simon and Garfunkel als Initialzündung

Mit seinem Bruder zusammen entdeckte er in den frühen 1960er-Jahren dann jene neue Musik. Sie stammte aus England und aus den USA. Den meisten Erwachsenen war sie verdächtig, ganz sicher würde sie einen ungünstigen Einfluss auf die Jugend nehmen. Natürlich seien die Beatles wichtig gewesen, die Rolling Stones und all jene anderen grundlegenden, stilprägenden Rockbands, deren Musik plötzlich ihren Weg in den Kosmos der Radiowellen fand, scheinbar aus dem Nichts, auch in der Schweiz. «Doch die wirkliche Initialzündung war für mich der Song The Sound of Silence von Simon and Garfunkel. Der hat mich umgeworfen. Eine normale berufliche Karriere war danach unmöglich», sagt der 67-Jährige, der sich seit seiner Pensionierung vollumfänglich seinen musikalischen Arbeiten widmet, fruchtbar wie noch nie. Weil er Zeit hat.

Steter Wandel

«Wenn ich zurückblicke, stelle ich fest, dass ich der Berufswelt rechtzeitig den Rücken gekehrt habe. Das war für mich die Gelegenheit, meine musikalische Produktivität zu intensivieren, neue Dinge zu lernen. Zum Beispiel den Umgang mit Sound-Software, die ich inzwischen so gut beherrsche, dass ich zu Hause eine ganze Produktion umsetzen kann. Wenn ich technisch an meine Grenzen stosse, suche ich einfach ein Studio auf», sagt Hennig, der mit der Studiowelt schon in jungen Jahren Erfahrung gesammelt hat, als es noch keine Computer gab. Viele, die jene Periode erlebten, betrachten die Welt der Bits und Bytes heute kritisch, es gibt ja auch eine junge Szene, die den Weg zurück sucht, in die Dimension der analogen Aufnahmetechnik. Vermisst Hennig jene Zeit? «Nein, ich denke gerne an sie zurück. Aber ich habe mich weiterentwickelt. Die musikalische Landschaft verändert sich immer, genauso hat sich mein musikalisches Wirken gewandelt.»

George Hennig ca. 1969, mit Gibson-SG-Gitarre, im Probelokal der Villa Cerletti.
George Hennig ca. 1969, mit Gibson-SG-Gitarre, im Probelokal der Villa Cerletti.

Rock- und Studiomusiker – diesen Traum hat der junge Hennig gelebt. Doch ist es ihm nie gelungen, davon zu leben. Dies ist keine Schande, vielmehr ist es ein Schicksal, das er mit vielen Schweizer Musikern teilt. Vor allem in jenen frühen Tagen der Rockgeschichte bot das Land nicht gerade den besten Boden für dieses Geschäftsmodell. Also hat er immer gearbeitet, Gelegenheitsjobs in den Anfängen, danach fand er sein berufliches Feld in der Jugendarbeit, bei der Basler Freizeitaktion (BFA), die heute JuAr Basel heisst, ein Namenswechsel, an dem er massgebend beteiligt war. Als Leiter des Sommercasinos hat er das Angebot des Hauses in den 1990er-Jahren massgebend neu strukturiert und daraus eine Wirkungsstätte für junge Musikerinnen und Musiker gemacht, die zunächst aus der Rock-Ecke kamen, später hat er Hip-Hop integriert. Für diese Entwicklung haben Hennig und sein engagiertes Team viele Kämpfe ausgefochten. Eine mehr als nur beachtliche Leistung.

Mit Titanic auf Italien-Tournee

Doch heute redet er lieber über seinen Weg durch die Welt der Musik. Natürlich hat alles mit einer akustischen Gitarre angefangen, die Sehnsucht des jungen George galt aber der elektrischen. Mit 18 Jahren war er Mitglied der Band Wishing Well, mit der er als Vorgruppe der englisch-norwegischen Band Titanic durch Italien tourte. Während der Tour haben die Mitglieder des Headliners Streit bekommen, der zu einem – vorläufigen – Untergang dieser Titanic führte. Hennig: «Die Veranstalter schlugen uns vor, die Tournee einfach weiterzuführen, doch wir haben abgelehnt. Denn die italienischen Fans des Headliners hätten uns in Stücke gerissen.» So kehrten sie nach Basel zurück, wo Hennig zuerst allein weitermachte. Später war er Mitglied von The JB Band, The Excelsiors und The Pills. Dann stiess er zur Coverband Zodiacs, die nach Hennigs Eintritt nur noch seine Songs spielte.

Begehrtes Vibrato

Doch das ist längst nicht alles. Harald Blobel war in der Region Basel ein Aufnahmestudio-Pionier, Produzent, Pianist und Arrangeur, der namhafte Musiker als Kunden hatte. In seinem Studio lernte Hennig das Handwerk des Studiomusikers. Sein Gitarrenton war inzwischen so gepflegt, dass die Hamburger Musiklegende Herbert Rehbein, der in den USA Erfolge feierte, auf ihn aufmerksam wurde, er nahm gerade mit seinem Orchester bei Blobel auf. Hennig: «Es war wegen meines Vibratos. Am Vibrato erkenne man den Meister, hat Rehbein immer gesagt.» Und schon sass Hennig im Studio und nahm das Gitarrensolo für den Hit «Beautiful Morning» auf. Statt einer Gage, sie wäre minimal gewesen, schenkte Rehbein dem Gitarristen zwei Orchesterarrangements für Songs, die Hennig geschrieben hatte. Er hat bei Blobel viele Gitarrenparts für deutsche Schlager eingespielt: «Wir haben diese Lieder eigentlich verachtet. Doch von Harald habe ich gelernt, dass man bei jedem Einsatz sein Bestes geben muss. Eine Lektion fürs Leben.»

Für das neue Album nach Mazedonien

Und seine musikalische Lebenserfahrung hat Hennig nun für seine neue CD «Hillside» gebündelt. Hier hat er alle Grenzen gesprengt. Seine Songs wurden vom bekannten Basler Pianisten Olivier Truan arrangiert, für das «Macedonian Symphonic Orchestra» unter der Leitung des Dirigenten Oleg Kontratenko. Plötzlich war Hennig in Skopje, erlebte seine Lieder in einer ganz neuen Dimension, Lieder, die von den grossen Themen handeln, von Liebe und Vergänglichkeit. Ein Kreis hat sich geschlossen.