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Die Schweizer Pferdesport-Dominatoren Sie sind viel mehr Freunde als Konkurrenten

Steve Guerdat und Martin Fuchs sind die Weltnummer 1 und 2 im Springsport und haben trotzdem eine aussergewöhnliche Beziehung. Wie sie voneinander profitieren und die wettkampflose Zeit meistern.

Trotz Rivalität im Parcours eng befreundet: Martin Fuchs (links) und Steve Guerdat belegen die beiden Spitzenplätze in der Weltrangliste.
Trotz Rivalität im Parcours eng befreundet: Martin Fuchs (links) und Steve Guerdat belegen die beiden Spitzenplätze in der Weltrangliste.
Foto: Urs Jaudas/Tamedia AG

Von Steve Guerdats Reitsportzentrum Elgg bis zum Domizil von Martin Fuchs in Wängi sind es nur knapp zehn Autominuten. Ist das in Zeiten des Lockdown dennoch eine riesige Distanz?

Martin Fuchs: Nein, wir haben oft Kontakt. Die Pferde meiner Freundin Paris Sellon stehen im Stall von Steve in Elgg, und wenn ich ihr beim Reiten helfe, sehe ich ihn meistens. Steve war in dieser Zeit auch schon bei uns im Wängi zum Trainieren. Und vor diesem Gespräch waren wir gemeinsam Mittagessen.
Steve Guerdat: Für uns hat sich das Leben hier nicht gross verändert, ausser, dass keine Concours mehr stattfinden. Wir sind jetzt nicht nur von Montag bis Mittwoch zu Hause, sondern die ganze Woche.

Normalerweise wären Sie jetzt zwischen den Wettkämpfen von St. Gallen und Rom, die Olympischen Spiele von Tokio fest im Visier. Jetzt heisst es warten, warten, warten. Wie gehen Sie damit um?

Guerdat: Mittlerweile ist Ruhe eingekehrt, aber am Anfang war die Situation schon stressig, weil wir nicht wussten, wie sich alles entwickelt. Meine Pferde waren auf dem Weg ans Dutch Masters, dem ersten Grand Slam der Saison, als das Turnier abgesagt wurde und der Transporter 100 Kilometer vor s’Hertogenbosch wieder umkehren musste. Auch ich war bereits auf dem Weg zum Flughafen. Bald darauf wurde bekannt, dass der Weltcupfinal abgesagt wird und danach die Olympischen Spiele. Da war mir klar, dass bis zum Sommer international keine Turniere mehr stattfinden, und die Absagen wurden fast zur Normalität. Jetzt müssen wir einfach abwarten. Ich habe im Moment überhaupt keine Pläne, was den Sport angeht.

Wie schwierig ist das in mentaler Hinsicht? Als Sportler hat man ja Ziele, will und muss planen.

Guerdat: Es ist schon sehr speziell. Aber das Schöne am Reiten ist, dass wir trotzdem jeden Tag Freude in der
Zusammenarbeit mit unseren Pferden erleben, es geht nicht immer nur um den Sport. Das Pferd vermittelt eine ganz andere Freude als zum Beispiel ein Tennisschläger oder ein Velo, wo einzig die sportliche Leistung die Motivation ist. Reiten ist deshalb nicht nur ein Sport, sondern eine Lebensart. Klar fehlen uns die Wettkämpfe, aber ich bin in der wunderschönen Lage, dass ich das Reiten trotzdem jeden Tag geniessen kann.
Fuchs: Unser Beruf ist ja sehr abwechslungsreich. Jedes Pferd ist anders, und wir haben nun mehr Zeit, uns mit ihnen zu beschäftigen. Ich reite meine Pferde viel häufiger als während der Turniersaison. Da bin ich fünf Tage pro Woche unterwegs und habe nur zwei oder drei Pferde dabei; an den beiden Tagen zu Hause kann ich nur ein paar wenige Pferde reiten und bin dann wieder weg. Jetzt kann ich mich jeden Tag mit den einzelnen Pferden beschäftigen. Auch im Pferdehandel lief bei uns einiges in dieser Zeit, vor allem im Inland, sonst war es mit den geschlossenen Grenzen ja nicht ganz einfach. Es ist momentan auch eine spannende Zeit.

Ihren Angestellten gegenüber haben Sie beide auch eine finanzielle Verpflichtung, gleichzeitig sind die Einkommen mit den Turnierabsagen grösstenteils weggefallen. Machen Sie sich Sorgen?

Guerdat: Ich persönlich habe eine spezielle Beziehung zum Geld, es ist mir nicht so wichtig. Ich hatte das Glück, dass es mir Anfang Jahr sehr gut lief mit den drei Siegen in Basel und Bordeaux, ausserdem habe ich in Spanien zwei Pferde verkauft, obwohl ich sonst eher wenig handle. Das hat mir ein bisschen Sicherheit gegeben, zumindest bis zum Sommer. Wenn diese Situation noch länger andauert, mache ich mir schon ein wenig Sorgen, rund 80 Prozent meines Einkommens sind Preisgelder. Noch habe ich aber keine schlaflosen Nächte und muss mir auch keine Gedanken machen, ob ich meine Pferde noch füttern kann, wie das andere Reiter tun müssen.
Fuchs: Wir haben auch noch keine schlaflosen Nächte, da ich mir in den vergangenen Jahren zusammen mit meinen Eltern ein kleines Polster erarbeiten konnte. Wir sind in unserem Betrieb mit dem Pferdehandel und den Trainings, die mein Vater anbietet, auch breiter abgestützt als Steve. Für mich ist es angenehm, dass von dieser Seite weiterhin Geld hereinkommt und ich nicht nur auf die Preisgelder angewiesen bin.

Was vermissen Sie am meisten in dieser wettkampflosen Zeit?

Guerdat: Es gibt einige Turniere, die ich gar nicht vermisse, andere dagegen sehr. Mit La Baule, St. Gallen, Rom, Aachen oder Spruce Meadows wären nun einige der schönsten Concours angestanden. Ich habe mir viele Videos angeschaut, und dann reizte es mich schon sehr, wieder auf diesen Plätzen reiten zu können. Wenn man immer im Trott drin ist, denkt man, dass nur der Erfolg Freude bringt. Aber jetzt merke ich, dass auch das Reisen an die Turniere Spass macht, die Atmosphäre, die Zuschauer, die schönen Plätze – das alles fehlt mir sehr.
Fuchs: Ich glaube auch, dass wir das künftig wieder mehr schätzen werden. In den vergangenen Jahren sind wir Woche für Woche von Turnier zu Turnier auf der ganzen Welt gereist. Nun ist die Situation schon sehr eigenartig. Aber dafür wird es umso interessanter sein, wenn es wieder losgeht. Ich freue mich auf den Vergleich mit den anderen, zu sehen, wo sie stehen. Klar werden die besten Reiter auch weiterhin die besten sein, aber es wird spannend sein, zu sehen, wie sie durch die Krise gekommen sind, wer seine Pferde rechtzeitig wieder in Form gebracht hat und wer noch Anlaufzeit braucht.

Wird die Corona-Krise mittelfristig eine Auswirkung auf den Springsport haben?

Fuchs: Es wird sich sicher einiges verändern. Es wird weniger Veranstaltungen geben, vor allem weniger Fünfsternturniere. Davon gibt es in Europa vermutlich nicht viele, die sich mit Besucherbeschränkungen durchführen lassen. Auf lange Sicht werden wir aber wieder dort ankommen, wo wir waren.
Guerdat: Das denke ich auch. Die Krise wird finanzielle Auswirkungen haben, und die Preisgelder werden sinken. Auf Zwei- und Dreisternniveau wird es weiterhin viele Turniere geben, aber ich glaube, bei den Vier- und Fünfsternturnieren wird es bis zur Erholung einige Jahre dauern.

Im Fussball finden Geisterspiele statt. Wie wäre das für Sie, vor leeren Kulissen zu reiten?

Guerdat: Für mich ist das absolut unvorstellbar. Wenn man in ein Stadion einreitet und mehrere Tausend Zuschauer klatschen und jubeln, gibt einem das sehr viel. Ich glaube nicht, dass man als Sportler in der Lage ist, vor leeren Tribünen ohne Stimmung die gleiche Leistung zu bringen.
Fuchs: Wir werden wohl auf nationaler Ebene auch ein paar Springen ohne oder mit wenigen Zuschauern haben, aber an den grossen Turnieren ist das für mich auch unvorstellbar. Das wirkt sich ja auch auf die Pferde aus. Ich merke das zum Beispiel sehr stark bei Clooney, der vor grossem Publikum immer motivierter und energischer ist.

Wie nehmen die Pferde in dieser sportfreien Zeit die veränderte Routine wahr?

Fuchs: Die Pferde geniessen diese Zeit, vor allem auch dank des schönen Wetters. Sie sind viel draussen auf der Weide, werden ausgeritten oder auf Gras trainiert. Sie fühlen sich gut und sind gern zu Hause, aber bei manchen Pferden wie bei Clooney bin ich mir sicher, dass er auch gern wieder an einem Turnier springen würde. Zu Hause ist er fauler, weniger motiviert, als wenn er regelmässig auf Turnieren ist.
Guerdat: Das ist das Unglaubliche an diesen Tieren: Wenn wir uns gut um sie kümmern, machen sie das, was wir von ihnen verlangen, gern. Natürlich haben sie jetzt Freude, dass die Sonne scheint und sie auf der Weide sein können, aber sie freuen sich auch, wenn sie springen dürfen. Ich bin zu 100 Prozent überzeugt, dass die Pferde das gern tun, sie steigen freiwillig in den Transporter ein und freuen sich, wenn es ans Turnier geht. Längerfristig kann man nur erfolgreich sein, wenn das Pferd Spass und Lust am Springen hat. Das ist bei Pferden so wie bei den Menschen: Wenn sie etwas gern machen, machen sie es auch gut.

Sie sind die Nummern 1 und 2 der Welt – und doch keine erbitterten Konkurrenten. Mit Martins Vater Thomas Fuchs haben Sie den gleichen Trainer, der Steve Guerdat auch schon als seinen «dritten Sohn» bezeichnet hat. Wie kam es zu dieser speziellen Situation?

Guerdat: Als ich 2007 auf den Rütihof in Herrliberg zog, spürte ich, dass mir zum nächsten Karriereschritt etwas fehlt. Ich setzte mich mit Thomas Fuchs in Verbindung. Wir kannten uns natürlich, auch wenn Thomas der Generation meines Vaters angehört. Wir sind nie zusammen geritten, und Martin war noch ein Kind. Aus ersten Treffen wurde schnell eine sehr starke Verbindung. In den letzten 14 Jahren war ich der Familie Fuchs näher als meiner eigenen.

Wie meinen Sie das?

Guerdat: Ich bin nicht der, der häufig bei den Eltern anruft oder bei ihnen vorbeigeht, aber sie wissen, dass ich immer für sie da bin. Meine Eltern habe ich vielleicht einmal in der Woche am Telefon, bei Thomas waren es am Anfang fünf-, sechsmal am Tag. Renata, Thomas und Martin sind für mich mit der Zeit zu einer zweiten Familie geworden. Im Sport freuen sie sich genau gleich, egal, ob Martin gewinnt oder ich, und Thomas steckt in das Training mit mir die gleiche Energie wie bei Martin. Das schätze ich sehr, und ich werde mein Leben lang dafür dankbar sein. Sicher haben wir alle voneinander profitiert, aber ich weiss, dass ich ohne die Familie Fuchs heute nicht da wäre, wo ich bin.

Martin Fuchs auf seinem Spitzenpferd Clooney.
Martin Fuchs auf seinem Spitzenpferd Clooney.
freshfocus

Martin Fuchs, was konnten Sie in dieser Zeit vom «grossen Bruder» lernen?

Fuchs: Vieles! Schon bevor Steve mit uns trainiert hat, war ich ein grosser Fan von ihm. Ich weiss noch, wie ich ihm bei kleineren Turnieren manchmal helfen durfte, und während seiner Zeit im Ausland verfolgte ich seine Karriere am Fernseher mit. Als mein Vater begann, mit Steve zu trainieren, war das für mich super. Ich ging oft mit ihm auf den Rütihof mit, schaute zu und half, oder ich nahm eigene Pferde mit zum Trainieren.

Wie würden Sie sich gegenseitig beschreiben?

Guerdat: Martin ist sehr professionell, ehrgeizig, seriös, aber auch lustig und cool. Wenn ich mich mit ihm unterhalte, merke ich nicht, dass er zehn Jahre jünger ist. Im Gegenteil, er ist seinem Alter voraus. Manchmal habe ich das Gefühl, er sei im Kopf ein paar Jahre älter als ich. Seit einer Weile kann ich auch von ihm lernen und fühle mich nicht als sein Vorbild, sondern sehe unseren Weg als einen gemeinsamen.
Fuchs: Steve ist sehr ambitioniert, manchmal etwas verschlossen und sehr in seine eigene Welt und seine Pferde vertieft. Ich staune manchmal, wie sich bei ihm noch mehr als bei mir alles um die Pferde dreht und er wirklich jeden Moment für diesen Sport lebt. Ich bewundere diese Leidenschaft. Der Pferdesport ist auch mein Leben, und ich bin auch leidenschaftlich, aber bei Steve sind diese Emotionen noch stärker. Das ist sehr eindrücklich und macht ihn zu einem Vorbild für viele Reiter, zu einem Leader, der sich auch viele Gedanken um die Entwicklung in unserem Sport macht.

Machen Sie sich gegenseitig auch besser?

Guerdat: Ich glaube schon. Man kann ja nur besser werden, wenn man sich mit den Besten vergleicht. Wenn dein Freund, mit dem du zusammen trainierst, immer gleich gut ist, dann willst du immer auch noch etwas besser werden und von ihm lernen, im Training, im Alltag. Das Ziel ist nicht, besser zu sein als Martin, aber ich stelle mir die Frage: Was macht er besser als ich? Was kann ich von ihm lernen?
Fuchs: Es ist wirklich ein Vorteil für uns, dass wir so nahe beieinander sind. Wir sehen natürlich auch andere gute
Reiter, aber nur, was sie im Parcours oder auf dem Abreitplatz anders machen – aber ein grosser Teil unserer
Arbeit findet zu Hause statt. Nicht nur beim Reiten, sondern wie die Pferde gehalten werden, wie es ihnen geht, et cetera. Heute beim Mittagessen habe ich Steve gefragt, wie oft er sein Toppferd Bianca springe, was er mit ihr mache, und ich habe dann überlegt, ob ich etwas davon auf Clooney anwenden solle. Diese Nähe kann uns schon die eine oder andere Nuance Vorsprung gegenüber anderen Reitern geben.

Was bedeuten Ihnen die Positionen 1 und 2 in der Weltrangliste?

Fuchs: Mein grosses Ziel war es immer, mich in den Top Ten zu etablieren. So wie es Steve gelungen ist. Das ist ein Zeichen für Konstanz, man muss auf verschiedenen Pferden Erfolg haben, und das macht erst einen guten Reiter aus. Die Nummer 1 zu werden, ist so schwierig, natürlich wollte ich das auch einmal, und es war ganz speziell, als ich das im Januar schaffte. Man hat dann nicht nur vieles während eines Jahres richtig gemacht, sondern in den letzten 10, 15, 20 Jahren, und kann nun die Lorbeeren ernten. Als mich Steve im Monat danach schon wieder überholte, störte mich das gar nicht. Die Freude war so gross, dass ich es einmal geschafft hatte und vor allem schon in so jungen Jahren, und ich hoffe, es wird mir in Zukunft wieder einmal gelingen. Jetzt ist es im Gegensatz zu vorher keine Priorität mehr, in erster Linie geht es mir darum, in den Top Ten zu bleiben und gute Resultate bei den wichtigen Turnieren zu machen.
Guerdat: Bei mir hat sich das verändert. Ich hatte mehr Freude, als ich das erste Mal die Nummer 1 war. Als ich jünger war, war dies ein Ziel, aber seither nie mehr. Ich könnte ohne die Nummer 1 sehr gut leben. Wenn ich einen Weltcupfinal oder einen wichtigen Grand Prix gewinne, gibt mir das mehr. Natürlich freue ich mich, wenn ich zuoberst bin, das ist auch für mein Team besonders schön. Und es hat mir wehgetan, dass es so vielen Leuten wehgetan hat, als ich nicht mehr die Nummer 1 war. Für mich kann dieser Weltranglistenplatz die Emotionen bei einem grossen Titel aber nicht ersetzen.

Steve Guerdat mit seiner Spitzenstute Bianca.
Steve Guerdat mit seiner Spitzenstute Bianca.
Rolf Vennenbernd/Keystone

Wenn Sie je eine Eigenschaft vom anderen übernehmen könnten, welche wäre das?

Guerdat: Die Coolness von Martin. Manchmal rege ich mich über mich selbst auf: Ich habe so viel Freude an dem, was ich mache, ich liebe mein Leben extrem. Ich würde mit niemandem auf der Welt tauschen, nicht einmal für eine Minute. Trotzdem finde ich mich manchmal so blöd, dass ich es nicht mehr geniesse, sei das daheim oder am Concours. Da kocht es in mir, ich wünschte, es wäre nicht so. Manchmal habe ich das Gefühl, dass Martin mit dem Stress etwas besser umgeht. Ich habe so viel Glück im Leben, ich müsste noch mehr zurückgeben, danken und mehr geniessen, was ich alles erleben darf.
Fuchs: Steves Leidenschaft. Es ist wirklich beeindruckend, wie er alles rund um die Pferde ausrichtet. Er ist ein Pferdemensch und lebt für den Sport. Ich bin da manchmal etwas egoistischer und schaue mehr für mich oder auch einmal auf den geschäftlichen Bereich als nur auf den Sport.

Wenn Sie sich ein Pferd aus dem Stall des anderen aussuchen dürften, welches würden Sie nehmen?

Fuchs: Bianca. Sie ist ein eher schwieriges Pferd und würde mit mir sicher etwas weniger gut springen als mit Steve, aber etwas weniger gut wäre immer noch gut genug, um Erfolge zu haben. Von seinen früheren Pferden wäre es eindeutig Nino. Ich durfte damals in Rütihof einmal ein paar Sprünge mit ihm machen. Das war ganz speziell.
Guerdat: Vermutlich Chaplin. Obwohl Clooney ein absolutes Ausnahmepferd ist und mit vielen anderen Reitern gut wäre, wäre er mit keinem anderen besser als mit Martin. Er hat wirklich den Reiter gefunden, mit dem er sich am besten entfalten kann. Ich bin sicher, ich könnte mit Clooney nie so gut sein wie Martin. Chaplin passt wohl eher zu meiner Reitweise.

Wird es das Spitzenduo Guerdat/Fuchs noch viele Jahre geben?

Guerdat: Ich denke schon. Wahrscheinlich wird es noch lange dauern, bis ich sage: Ich steige ab, es ist fertig. Manchmal ist es krass, vor allem, wenn meine Freundin mich daran erinnert, wie alt ich bin. Ich habe immer noch das Gefühl, ich hätte erst gestern angefangen, ich habe immer noch gleich viel Freude, an einen Concours zu fahren, am Reiten. Manchmal denke ich mir: Das kann fast nicht sein, ich bin ja schon so weit in meinem Leben. Ich habe auch nicht das Gefühl, ich sei schon sehr lange dabei, sondern eher, dass viele Dinge noch neu sind für mich. Irgendwann werde ich mir auch überlegen müssen, was ich danach mache, aber bisher ist es mir nie auch nur eine Sekunde durch den Kopf gegangen.
Fuchs: In unserem Sport gibt es wenig Routine. Wir bestreiten nicht jedes Jahr die gleichen Turniere, und wenn, sind diese immer anders. Man hat neue Pferde dabei, das gleiche Pferd fühlt sich ein Jahr später ganz anders an,
es wird wirklich nie langweilig. Das einzig Störende ist manchmal die Reiserei. Man packt die Koffer gar nicht mehr aus. Sonntagnacht komme ich nach Hause, am Dienstag packe ich die frischen Sachen, die meine Mutter gewaschen hat, wieder ein. Da denke ich gelegentlich, es wäre schön, eine Woche daheim zu sein, einfach, um einmal durchzuatmen. Ich habe mir in dieser Zeit ein paar Mal überlegt, dass ich auch gut mit einigen Turnieren weniger pro Jahr auskommen könnte. Aber sobald es wieder losgeht, sieht das sicher wieder anders aus.

Bis Tokio dauert es nun mehr als ein Jahr länger. Könnte sich der Fokus derweil noch auf ein anderes Pferd legen?

Guerdat: In diesem Jahr wäre Bianca ganz klar das Pferd Nummer 1 gewesen, jetzt ist Venard de Cérisy nicht mehr so weit weg. Er wäre in diesem Jahr nur nach Tokio gegangen, wenn sich Bianca verletzt hätte; ich kann mir aber vorstellen, dass er nächstes Jahr mehr Chancen hat. Im Moment wäre es wohl etwa 60:40.
Fuchs: Bei mir ist es sicher Clooney und Chaplin als Reservepferd. Clooneys Programm war angepasst auf Tokio, das von Chaplin aber noch mehr, weil er etwas verletzungsanfälliger ist. Das dürfte nächstes Jahr wohl gleich sein.

Was wäre für Sie das schönste Szenario für Tokio?

Fuchs: Dass wir ex aequo Einzelgold holen und danach gemeinsam Teamgold.
Guerdat: Damit könnte ich auch gut leben.