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Katalonien-KonfliktSie reden nicht einmal mehr miteinander

Trotz Quarantänepflicht hofft Katalonien auf ausländische Touristen. Eine effektive Corona-Bekämpfung wird auch durch das schlechte Verhältnis zwischen Barcelona und Madrid erschwert.

Menschen in Barcelona demonstrieren gegen die zeitweilige Schliessung der Fitnesszentren. «Sport ist Gesundheit und Leben», steht auf dem Schild.
Menschen in Barcelona demonstrieren gegen die zeitweilige Schliessung der Fitnesszentren. «Sport ist Gesundheit und Leben», steht auf dem Schild.
Foto: Nacho Doce (Reuters) 

Schlimmer geht es eigentlich fast nicht. Spanien droht die schwerste Wirtschaftskrise seit dem Bürgerkrieg in den 30er-Jahren. Das Land ist besonders stark vom Tourismus abhängig. Gut zwölf Prozent der Wirtschaftsleistung und Hunderttausende Arbeitsplätze sind gefährdet.

Doch die hohen Infektionszahlen schrecken die Reisenden ab. Die Sommersaison ist beendet, bevor sie überhaupt begonnen hat. Auch das BAG hat reagiert und Spanien mit Ausnahme der Kanaren auf die Liste der Länder mit erhöhtem Ansteckungsrisiko gesetzt. Reisende aus Barcelona, Ibiza oder Mallorca müssen nach ihrer Rückkehr in die Schweiz zehn Tage in Quarantäne.

Ein Besuch in Katalonien sei «absolut sicher»

Die Zahlen deuten darauf hin, dass Spanien durchmacht, was die Schweiz fürchtet: eine zweite Corona-Welle. Infektionsherde gibt es in mehreren Regionen, besonders betroffen ist auch Katalonien. Dort hat man die Hoffnung auf ausländische Touristen aber noch nicht aufgegeben. «Ich respektiere die Entscheidungen der Schweiz und anderer Regierungen, aber ich bin damit nicht einverstanden», sagt der katalanische Aussenminister Bernat Solé über die Quarantänepflicht zur Redaktion Tamedia.

Man habe strikte Massnahmen wie obligatorisches Maskentragen in der Öffentlichkeit eingeführt und die Testkapazitäten massiv ausgebaut. «Solange Touristen den Anweisungen der lokalen Gesundheitsbehörden folgen, ist es absolut sicher, Katalonien zu besuchen», sagt Solé.

Hofft auf ausländische Touristen in Katalonien: Aussenminister Bernat Solé.
Hofft auf ausländische Touristen in Katalonien: Aussenminister Bernat Solé.
Foto: Parlament de Catalunya

Negativrekord in Europa

Die Zahlen stützen den Optimismus von Solé eher nicht. Spanien ist das europäische Land mit den meisten Neuinfektionen relativ zur Bevölkerung, wie Zahlen der John-Hopkins-Universität zeigen. Wissenschaftler haben in der Publikation «The Lancet» gefordert, untersuchen zu lassen, was bislang schiefgelaufen ist. Mögliche Erklärungen seien unter anderem ein Mangel an Tests, fehlende Schutzausrüstung und schlechte Koordination der nationalen und regionalen Behörden.

Die mangelhafte Zusammenarbeit zeigt sich exemplarisch an den schlechten Beziehungen zwischen Madrid und Barcelona. Eigentlich wäre die aktuelle Krise ein guter Moment, um die Zusammenarbeit zu verbessern: Die Minderheitsregierung von Pedro Sanchez ist auf die Unterstützung der Katalanen angewiesen, um den Staatshaushalt verabschieden zu können. Auch die katalanische Regierung kann die Probleme nicht allein lösen.

Noch im Januar waren politische Beobachter verhalten optimistisch. Ministerpräsident Sánchez wollte Verhandlungen aufnehmen, um eine politische Lösung für den Katalonienkonflikt zu suchen. Doch der Beginn der Gespräche wurde wegen der Corona-Pandemie immer wieder vertagt.

Barcelona will selbst entscheiden

Statt Dialog gab es Streit: Die Verhängung des bis Mitte Juni geltenden Notzustands durch die Zentralregierung in Madrid habe gezeigt, wie sehr die Katalanen einen eigenen Staat benötigen, sagte der katalanische Ministerpräsident Quim Torra. Der Notstand habe dazu geführt, dass Pedro Sánchez Katalonien unter Zwangsverwaltung gestellt und der Region weite Teile der Autonomie entzogen habe. Torra kündigte Anfang der Woche gar an, Gespräche über die Unabhängigkeit direkt mit der EU in Brüssel führen zu wollen.

«Die Regierung hat einen Dialog versprochen. Doch Gespräche ohne Bereitschaft für Veränderungen sind wertlos», sagt Aussenminister Solé. Katalonien habe die Kompetenzen und das Wissen im Gesundheitsbereich, entsprechend sei ein dezentralisiertes Modell geeigneter, um die Covid-Krise zu bewältigen. «Es wäre viel besser, wenn die katalanische Regierung die Entscheidungen selbst treffen kann», sagt er.

«Haben keinen König und wollen auch keinen»

Auch die Flucht von Ex-König Juan Carlos in die Vereinigten Arabischen Emirate führte zu Spannungen. Quim Torra forderte die Linkspartei Podemos auf, die spanische Regierung zu verlassen, weil diese toleriert habe, dass der 82-Jährige das Land verlassen habe. «Wir Katalanen haben keinen König und wollen auch keinen», sagte er.

Auch in Madrid dominieren Schuldzuweisungen. Schon länger stört sich die Regierung am Zickzackkurs in Katalonien. Torra verlangte im März rasch drastische Massnahmen, liess die Corona-Einschränkungen dann aber auch schnell lockern. Das Nachtleben in Barcelona vibrierte wieder, zu früh, wie sich zeigte.

«Drastischere Massnahmen»

Nachdem die Zahlen in die Höhe geschossen waren, verfügte die Regierung wieder Beschränkungen – teilweise gesetzwidrig. So erzwangen die Betreiber von Kinos und Fitnessstudios erfolgreich deren Öffnung. Es handle sich um eine unerlaubte Einschränkung der Grundrechte.

Allerdings könnten weitere Corona-Einschränkungen folgen. Sollten die Zahlen weiter steigen, seien «drastischere Massnahmen» notwendig, schreibt Quim Torra auf Twitter.