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Vorteile der MaskenpflichtSich verstecken, um sich selber zu sein

Im Alltag wird die Schutzmaske je länger, desto sicherer zur Dauerbegleiterin. Darüber könnte man sich eigentlich freuen.

Für manche hat die Maskenpflicht Nachteile, für andere deutlich mehr Vorteile. (Symbolbild)
Für manche hat die Maskenpflicht Nachteile, für andere deutlich mehr Vorteile. (Symbolbild)
Foto: Ani Kolleshi

Ein Corona-Impfstoff ist in Sicht, triumphieren die Schlagzeilen. Auch nach der weltweiten Einführung eines wirksamen Covid-19-Antidots wird die Schutzmaske uns wohl noch auf Jahre hinaus begleiten. Eine Herdenimmunität wird es ebenso wenig geben wie einen nachhaltigen Schutz vor dem heimtückischen Coronavirus. Ihm traut man noch manch unerwartete Mutation zu.

Um die Wahrscheinlichkeit einer dritten oder vierten Corona-Welle und die damit verbundenen Unannehmlichkeiten zu schmälern, ist man gut beraten, am Maskentragen festzuhalten. Perfekt ist diese Schutzmassnahme beileibe nicht, nur gibt es kaum ein kostengünstigeres oder wirksameres Mittel, um einen weiteren Ausbruch zu verhindern.

Heute sind sich die Experten und Expertinnen über alle Fachgruppen hinweg einig: Die Maske hilft bei der Eindämmung der Corona-Pandemie. Sicher gibt es unter diesen auch Querschläger, die diesen Konsens unterwandern, oft lassen sich ihre Aussagen auf ein mangelndes Verständnis von wissenschaftlichen, klinischen und statistischen Vorgehensweisen zurückführen. Das haben sie mit vielen Verschwörungstheoretikern gemein.

Man ist sorgenfreier

Gründe für die Weiterführung der Maskenpflicht findet man aber auch weitab der Schulmedizin. Schliesslich kann das Tragen einer Schutzmaske für eine allgemeine Stärkung des Selbstbewusstseins sorgen. Mit einer Schutzmaske können sich Mann und Frau bedenkenlos auf die Strasse, in den Supermarkt oder in den Coiffeursalon begeben. Kein Knochen wird die Mitesser, Pickel und Muttermale mehr erspähen, die das Konterfeit eintrüben.

Überhaupt können widrige Gesichtsmerkmale zu persönlichen Standortvorteilen werden. Ich freue mich neuerdings über meine besonders ausgeprägte Nase: Dank ihr sitzt meine Maske immer perfekt, das peinliche Herunterrutschen gibt es bei mir nicht.

Mehr noch: Schönen Menschen mit Maske merkt man ihre Schönheit nicht an. Gut für uns Normalos. Nun müssen wir nicht das Gefühl haben, wie Filmstars oder Models aussehen zu müssen. Endlich können wir andere Menschen durch unsere innere Schönheit für uns begeistern.

Kurz: Mit der Maske kann man sich selber sein. Wie der irische Aphoristiker Oscar Wilde Ende des 19. Jahrhunderts sagte: «Gib einem Menschen eine Maske, und er wird dir sein wahres Gesicht zeigen.»

Besser ohne Mimik

Weil man die Mimik je länger, desto weniger nutze, werde sie der Maskenpflicht geopfert, klagen die Kulturpessimisten ganz zu Recht. Tatsächlich leiden nicht nur Kleinkinder von der Einschränkung der Mimik: Auch gehörlose Menschen sind betroffen, die sich früher aufs Lippenlesen verlassen konnten.

Nur: Die Mimik ist ein treuloser Freund, der mehr über einen verrät, als einem lieb ist. Nicht jedem Menschen ist es vergönnt, bei wichtigen Gesprächen ein Pokerface zu bewahren und so die eigenen Gefühle vor der Gegenseite zu verstecken. Eine Maske kann einem helfen, besser in Verhandlungen zu werden. Wenn alle Masken tragen würden, hätte man nur die Sprache, auf die man sich verlassen kann.

Als sehbehinderter Mensch setze ich mich schon lange mit den Tücken der nonverbalen Kommunikation auseinander. Weil ich die Mimik des Gegenübers nicht lesen kann, war ich öfters gezwungen, nachzufragen, wie ein Satz oder ein Scherz gemeint war. Bei Sitzungen, Interviews und Pressekonferenzen sorgte das schon mal für Verunsicherung oder gar Unverständnis. Seit Einführung der allgemeinen Maskenpflicht merke ich, wie Leute bei Gesprächen öfter nachfragen. Das ist die neue Normalität, worüber ich mich sehr freue.

Der grösste Nachteil der Maskenpflicht besteht für mich darin, dass mein iPhone mich nicht mehr erkennt. In den eigenen vier Wänden funktioniert die sogenannte Face-ID noch einwandfrei. Hat die Erkennungssoftware mein Konterfei mit einem gespeicherten Foto abgeglichen, gibt das Betriebssystem mein Smartphone schnell frei. Mit der Maske funktioniert das natürlich nicht, dann muss ich meine PIN über den Ziffernblock von Hand eingeben.

Fehler sind programmiert, die Frustration über das eigene Versagen auch. Aber wenn die erschwerte Bedienung meines iPhone der grösste Nachteil der Maskenpflicht ist, dann nehme ich diesen gerne in Kauf.

1 Kommentar
    Hirt

    Soweit sind wir nun gekommen in unserer Gesellschaft. Ihr Plädoyer für Identitätsverhüllung ist an Zynismus nicht zu überbieten, Herr Joyce.