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Attentäter von NizzaSeine Reise führte über Lampedusa nach Frankreich

Der 21-jährige Tunesier, der in Nizza drei Menschen mit einem Messer getötet hat, kam mit einem Flüchtlingsschiff nach Europa. Als «einsamer Wolf».

Trauer in Nizza: Eine Frau legt zum Gedenken an die Opfer Blumen vor die Kathedrale Notre-Dame.
Trauer in Nizza: Eine Frau legt zum Gedenken an die Opfer Blumen vor die Kathedrale Notre-Dame.
Foto: Sebastien Nogier (EPA)

Die Überwachungskameras am Bahnhof von Nizza haben aufgezeichnet, dass Brahim A. um 6.47 Uhr morgens in der Stadt angekommen ist. Um 8.29 Uhr steht er vor der Kathedrale Notre-Dame. Der Kirchenmitarbeiter Vincent Loquès hat schon die Tür geöffnet und die ersten Gläubigen eingelassen. Am Freitag wäre Loquès 55 Jahre alt geworden. Doch am Donnerstag ist er von Brahim A. getötet worden. In der Kirche trennt Brahim A. zwei Frauen die Kehle durch, 44 und 54 Jahre alt. Kurz vor 9 Uhr treffen vier Polizisten ein. Die Beamten sagen später aus, Brahim A. habe sie mit einem Messer bedroht und «Allahu Akbar» gerufen. Sie schiessen.

Am Freitag kann Brahim A. zu seinen Motiven nicht befragt werden, er liegt schwer verletzt und nicht ansprechbar im Spital. Doch die Identität des 21-jährigen Tunesiers konnte ermittelt werden. In seiner Heimatstadt haben die Fernsehteams seine Familie gefunden. Die letzte Fotonachricht, die er von seinem Bruder bekommen hat, zeigte Brahim A. vor der Kathedrale Notre-Dame in Nizza. «Am Tag vor dem Angriff schickte er mir ein Bild von sich auf den Stufen der Kirche», erzählt A.s Bruder dem tunesischen Fernsehen, «und er teilte mir mit, dass er dort übernachten werde.»

Auf dem Quarantäne-Schiff

Brahim A., der aus der Kleinstadt Thyna stammt, kam am 20. September in Lampedusa an. Mit einem der 26 kleinen Schiffe, die an jenem Wochenende aus Tunesien die Insel erreichten, je 10 bis 20 Passagiere an Bord. Der Hotspot von Lampedusa war voll: Platz gäbe es eigentlich nur für 190 Migranten, nun sind es 1300. Totò Martello, der Bürgermeister von Lampedusa, rief Rom zu Hilfe. Das Innenministerium schickt die Rhapsody, ein vom Staat angemietetes Fährschiff. Darauf sollten Hunderte Migranten ihre Corona-Quarantäne absitzen.

Am 25. September wird Brahim A. auf die Rhapsody gebracht, seine Daten werden ein erstes Mal registriert. Zwei Wochen verbringt er auf dem Schiff und telefoniert ständig mit seinem Handy, wie die italienische Zeitung «Corriere della Sera» berichtet. Mit wem er wohl spricht? Brahim A. wiederholt immer wieder, er habe Verwandte in Frankreich, da wolle er hin. Seine Mutter erzählt dem tunesischen Fernsehsender etwas anderes: Als sich Brahim bei ihr gemeldet und gesagt habe, er sei in Frankreich, habe sie ihn ausgeschimpft. «Er kennt dort niemanden, er spricht die Sprache nicht», sagt Kmar A.

Die Bilder aus Tunesien lassen vermuten, dass Brahim A. aus einfachen Verhältnissen stammt. Wegen der Dauerwirtschaftskrise sind viele junge Menschen durchgängig arbeitslos. Brahim aber nicht, sagt sein Bruder. Er habe erst als Mechaniker und dann an einer Tankstelle gearbeitet.

Der Täter schickte am Tag vor dem Attentat Bilder der Notre-Dame nach Hause: Polizisten sichern die Kathedrale nach den Morden.
Der Täter schickte am Tag vor dem Attentat Bilder der Notre-Dame nach Hause: Polizisten sichern die Kathedrale nach den Morden.
Foto: Sebastien Nogier (EPA)

Am 8. Oktober läuft die Rhapsody mit 405 Passagieren im Hafen von Bari ein. Nun werden zum zweiten Mal seine Personaldaten aufgenommen: Name, Vorname, Geburtsdatum, Herkunft, zwei Fotos, Fingerabdrücke. Sein Name löst beim Scan wieder keinen Alarm aus: Er steht also in keinem der einschlägigen Verzeichnisse der italienischen Polizei und der tunesischen Behörden. Auch die italienischen Geheimdienste haben offenbar nie von Brahim A. gehört.

Tunesien hat islamistische Vereine verboten, die Überwachung von Moscheen verstärkt.

In den chaotischen Jahren nach der Revolution 2011 entwickelte sich Tunesien zunächst zu einer Exportnation für Extremisten: Das kleine Land mit seinen gerade mal elf Millionen Einwohnern stellte mit mehr als 5500 Jihadisten die grösste Gruppe an Ausländern in der Terrormiliz Islamischer Staat in Syrien und im Irak. Seither haben die Behörden viel getan, um das Problem in den Griff zu bekommen. Islamistische Vereine wurden verboten, die Überwachung von Moscheen verstärkt, die Ausgaben für innere Sicherheit massiv erhöht – bereits 2016 lagen sie doppelt so hoch wie in den Zeiten von Diktator Ben Ali.

Und dennoch waren es immer wieder Tunesier, die in Europa oder im Inland Attentate verübten. Der Wissenschaftler Aaron Zelin, der sich mit der islamistischen Szene Tunesiens befasst, zählt für die Zeit von Mitte 2014 bis Ende 2019 zwölf terroristische Vorkommnisse in Europa mit insgesamt 18 Tätern, die aus Tunesien stammten. Verhinderte Anschläge nicht mitgezählt.

In der Praxis tauchen die Migranten ab

Als die Rhapsody in Bari ankommt, werden 104 Migranten in Lager für eine möglichst schnelle Repatriierung in ihre Heimat gebracht, weil sie es entweder schon einmal versucht haben, illegal nach Italien einzureisen, oder weil sie als gefährlich gelten. Die Pandemie verzögert die Rückführungen, es ist ein guter Moment, um die Flucht nach Europa zu versuchen.

Weitere 177 Passagiere der Rhapsody kommen in Aufnahmelager, wo sie auf den Bescheid ihres Asylgesuchs warten müssen – unter ihnen sind viele Minderjährige. Übrig bleiben 122 Migranten, sie haben weder Aussicht auf Aufnahme noch einen Strafregistereintrag. Ihnen drückt man einen «foglio di via» in die Hand, ein Ausweisungsblatt, unterzeichnet vom Polizeichef von Bari. Theoretisch müssen sie das Land binnen sieben Tagen verlassen, ebenfalls theoretisch droht ihnen ein Verfahren wegen illegaler Einwanderung.

In der Praxis aber tauchen die Migranten einfach unter. Manche bleiben in Italien und arbeiten schwarz. Zahlreicher sind jene, die weiterreisen: nach Frankreich etwa. So wie Brahim A.

Terrororganisationen setzen auf junge Menschen, die sich quasi im Alleingang und durch das Internet radikalisiert haben.

In Tunesien rätselt die Familie, wann sich Brahim A. radikalisiert haben könnte: «Wir stehen hier alle unter Schock.» In terroristischen Kreisen habe Brahim nie verkehrt. Vielleicht zeigt sich an seinem Beispiel, wie lange die Saat nachwirkt, die Terrororganisationen wie al-Qaida und der IS in den vergangenen Jahren legten. Schon lange setzen die Jihadisten weniger auf logistisch aufwendige Operationen, sondern eher darauf, dass sich «einsame Wölfe» zu Taten mit einfachsten Mitteln entschliessen, junge Menschen, die sich quasi im Alleingang und durch das Internet radikalisiert haben.

In den vergangenen Wochen haben IS-nahe Medienkanäle Hass gegen Frankreich geschürt. Nach Brahims Mord veröffentlichte eine IS-nahe Seite einen Artikel, dessen Tenor war, dass Attacken effektiver seien als jeder Boykottaufruf. Einen direkten Verweis auf die Tat in Nizza enthielt der Text nicht, wohl aber ein Foto der Kathedrale Notre-Dame.

Gedenken für die Toten: Ein Rosenkranz hängt am Gitter vor der attackierten Kathedrale in Nizza.
Gedenken für die Toten: Ein Rosenkranz hängt am Gitter vor der attackierten Kathedrale in Nizza.
Foto: Sebastian Nogier (EPA)

Dort entzündeten am Donnerstagabend Menschen Kerzen und trauerten. Doch gegen 20 Uhr mischte sich Hass in die Trauer: Anhänger der rechtsextremen Génération Identitaire sammelten sich vor der Kathedrale. Journalisten von «Libération» und «Nice Matin» berichten, dass die Gruppe «Muslime raus aus Europa» skandiert habe.

Die Génération Identitaire tauchte am Donnerstag auch anderswo auf. Bei Avignon wurde ein 33-jähriger Franzose von der Polizei erschossen, nachdem er eine Schusswaffe auf einen Autofahrer, dann auf die herbeigerufenen Beamten gerichtet hatte. Laut Staatsanwaltschaft trug der Mann eine Jacke mit dem Logo Defend Europe, ein Slogan der Génération Identitaire. Ein Sprecher der Gruppe sagte, man kenne den Mann nicht. Laut Ermittlern war er in psychiatrischer Behandlung.

Fremdenfeindliche Proteste

Die Génération Identitaire machte in den vergangenen Jahren durch fremdenfeindliche Proteste auf sich aufmerksam. Im Frühling 2018 versperrten Mitglieder der Gruppe eine Schlucht in den Alpen, auf der Geflüchtete die Grenze zwischen Italien und Frankreich passieren. Im Oktober 2018 stürmten die Rechtsextremen das Büro der Flüchtlingshilfsorganisation SOS Méditérranée in Marseille.

Zu direkter Gewalt gegen Menschen hatte sich die Génération Identitaire bislang nicht bekannt. Am 28. Oktober jährte sich jedoch der islamfeindliche Anschlag auf die Moschee von Bayonne. Ein Mann, der zur rechtsextremen Szene zählt und lange Mitglied des Rassemblement National war, versuchte, das Gebäude in Brand zu setzen und verletzte zwei Gläubige.

37 Kommentare
    Iain Campbell

    Gegen die hier stehenden Hasskommentare ist es nicht leicht mir Vernunft zu reagieren.

    Alles wird pauschalisiert: Ein Täter ist ein radikalisierter Islamist und deswegen stellen sämtliche Muslimen eine Gefahr dar.

    Die erwähnte Pauschalisierung ist nichts anders als das Vorgehen in Islamistischen – wohl bemerkt, Islamist und nicht Islam – Kreisen. Eine Verletzung, reell oder nur empfunden, durch einen oder mehrere Westler wird als solche wahrgenommen. Dadurch entsteht das vermeintliche Recht sich an beliebige Westler zu rächen, weil alle schlecht seien.

    Dies ist keine Rechtfertigung für die vorliegenden Taten, sondern ein Versuch einen Mechanismus darzustellen, die auch bei den Kommentatoren zu beobachten ist.

    Andersrum, wenn z.B. ein Schweizer Gewalt ausübt, kommt keiner – jedenfalls kein Schweizer – deswegen auf die Idee, dass sämtliche Schweizer böse sind und eingesperrt werden sollen.

    Es würde mich interessieren zu wissen, wie viele der Kommentatoren ihres Wissens auch nur einen Moslem persönlich kennen und wie sie ihn einschätzen.