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Spekulieren ist im TrendEin Volk wird im Homeoffice zu Tradern

Die starken Marktschwankungen locken viele Schweizerinnen und Schweizer an die Börsen. Wer vom Trend profitiert – und wo für Neu-Anleger die Risiken liegen.

Fast wie die Profi-Trader: Schweizer handeln während des Lockdown mit Aktien und Fremdwährungen.
Fast wie die Profi-Trader: Schweizer handeln während des Lockdown mit Aktien und Fremdwährungen.
Getty Images

Die Internetforen laufen wieder heiss. Die Schweizer Trader geben sich Tipps, auf welche Aktie sie derzeit setzen und welche sie gleich wieder verkaufen. «Meyer Burger ist eine hoch riskante Turnaroundspekulation. Also nur für die Spielgeldkasse!», schreibt ein Trader in einem Forum. Soll heissen: Nur wer auch einen Verlust verkraften kann, soll Aktien des Solartechnikunternehmens aus Thun BE kaufen.

Die Corona-Krise hat an den weltweiten Börsen starke Schwankungen ausgelöst. Der Schweizer Leitindex SMI verlor im Frühling mehr als 20 Prozent, nur um in den letzten Wochen einen Grossteil des Verlustes wieder wettzumachen. Aktien wie der Reisedetailhändler Dufry verlieren seit Jahresbeginn 70 Prozent, die Aktie der Online-Apotheke Zur Rose legt fast 150 Prozent zu. Das sind die besten Zeiten für Trader, die an der Börse spekulieren und so schnelles Geld machen wollen. In den letzten Monaten im Homeoffice haben offenbar viele Schweizer ein Trading-Konto eröffnet und sich auf das Börsenparkett gewagt.

«Die Zahl der Kunden wuchs phasenweise fast schon exponentiell.»

Marc Bürki, Swissquote-Chef

Davon profitieren die Banken. So lief das Geschäft bei der Schweizer Onlinebank Swissquote in den letzten Monaten hervorragend. Wegen der starken Schwankungen an den Finanzmärkten tradeten die Kunden mehr, so Swissquote-Chef Marc Bürki. Vielleicht lag es aber auch daran, dass die Kunden zu Hause waren und ihnen etwas langweilig war, scherzt Bürki. Die Zahl der Konten wuchs um gut 57’000 auf neu fast 400’000 Konten. Die Zahl der Kunden sei phasenweise fast schon exponentiell gewachsen, so Bürki.

Daher legte auch das Kommissionsgeschäft um über 80 Prozent zu, die Einnahmen aus dem Online-Devisenhandel stiegen um mehr als 50 Prozent, die Kundenvermögen stiegen um 3 Milliarden Franken. Das Wachstum liegt auch daran, dass nicht mehr nur Gelegenheitstrader die Bank nutzen, sondern auch vermehrt vermögende Kunden und Profi-Investoren zur Klientel gehören. Auch nach dem Ende des Lockdown laufen die Geschäfte weiter gut, wie es bei der Bank heisst. Der Trend dürfte also noch eine Weile anhalten.

Schweizer setzen auf Metalle

Beim Konkurrenten Saxo Bank spürte man ebenfalls einen starken Anstieg beim Handelsgeschäft. «Die Saxo Bank Schweiz verzeichnete im ersten Halbjahr 2020 mehr als dreimal so viele Kontoeröffnungen wie im ersten Halbjahr 2019», so ein Sprecher. Das Handelsvolumen stieg im ersten Halbjahr um rund 70 Prozent, und dies über alle Vermögenswerte hinweg. Es lasse sich allerdings nicht abschätzen, wie viele der neuen Kunden mit dem Ziel des Intra-Day-Tradings zur Bank kamen – also ob die Kunden nur ein Konto eröffneten, um täglich mit Wertpapieren zu spekulieren.

Denn im Vergleich zum Ausland sind die Schweizer keine Trader. Die meisten hiesigen Investoren halten ihre Aktien nach dem Kauf lange und setzen nicht auf kurzzeitige Kursausschläge. Doch die stark schwankenden Märkte der letzten Wochen haben offenbar einige dazu verleitet, ihr Glück mit dem täglichen Traden zu versuchen.

Charles-Henri Sabet, ein Trading-Veteran und Gründer der Genfer Flow Bank, sagt: «Neue Generationen nutzen gerne die Volatilität der Märkte, anstatt zu kaufen und zu halten.» Dabei nutzen sie neue Hilfsmittel, so würden besonders die jüngeren Kunden quantitative und technische Analysen verwenden. Besonders beliebt sind laut Sabet derzeit Metalle, Indizes und die grossen Tech-Aktien wie Google, Apple oder Facebook.

«Sobald Sie zu viel handeln, können Sie Ihre Kontrolle verlieren, und dann wird es schwierig.»

Charles-Henri Sabet, Gründer der Flow Bank

Sabet kennt die Risiken: «Wenn Sie nicht übermässig traden, können Sie Geld verdienen, aber sobald Sie zu viel handeln, können Sie Ihre Kontrolle verlieren, und dann wird es schwierig.» Auch bei der Zürcher Saxo Bank tönt es nicht so, als ob sich in den letzten Monaten alle Kunden besonders erfolgreich geschlagen hätten: «Die Marktbewegungen haben sich auf die Kundenvermögen ausgewirkt.» Das heisst, die Kundenvermögen sind teils gesunken, weil die Notierungen der Wertpapiere an Wert verloren haben. Laut Saxo hätten sich die Vermögen aber wieder «stabilisiert». Einige Kunden hätten die Marktbewegungen aber auch zu ihren Gunsten nutzen können – und sich so im Homeoffice nebenher einen schönen Batzen dazuverdient.

50 Kommentare
    W.Grab

    Ausser für die Banken und dem Lawinen-Effekt (mehr Teilnehmer bringen das Brennholz) ist dieser Handel ein Nullsummenspiel: einer gewinnt, der andere verliert.

    Solange ich „einer“ bin, geht für mich alles gut, wenn ich „der andere“ bin habe ich Pech gehabt.