Zum Hauptinhalt springen

Jubiläum Theatre de la FabrikSchweizer machen Kleinsttheater in Frankreich

Vor zehn Jahren wurde in Hegenheim das Theatre de la Fabrik gegründet. Es ist das einzige Schweizer Kleintheater auf französischem Boden.

Viel Herzblut für eine Idee: Freddy Allemann, Leiter des Theatre de la Fabrik in Hegenheim, bloss ein paar Minuten von Basel entfernt.
Viel Herzblut für eine Idee: Freddy Allemann, Leiter des Theatre de la Fabrik in Hegenheim, bloss ein paar Minuten von Basel entfernt.

Eigentlich hätte am letzten Samstag auch drüben im elsässischen Hegenheim, im Theatre de la Fabrik, die Saison in Zeiten von Corona wieder starten müssen. Der Theatersaal wurde den strengen französischen Vorschriften entsprechend eingerichtet, die Platzzahl konnte stabil bei 49 Sitzplätzen gehalten werden; die Zuschauer sitzen weiter auseinander, es herrscht Maskenpflicht, die Bar darf geöffnet bleiben.

Die bekannte Schweizer Künstlerin Dodo Hug stand auf dem Programm, doch dann kam nicht Corona, sondern ein hundskommunes Grippevirus dazwischender Auftritt von Dodo Hug musste auf den 3. Oktober verschoben werden (Vorverkauf ab sofort unter: info@theatredelafabrik.com).

Ein Schlag für Freddy Allemann, der die Idee für das Theater geboren hat und es seit nunmehr zehn Jahren leitet. Zehn Jahre, in denen viel gearbeitet werden musste, viel Herzblut geflossen ist; zehn Jahre, in denen es Freddy Allemann und seiner Crew gelungen ist, die Bühne in Hegenheim fest in der Schweizer Kleintheaterszene zu verankern; in denen das Theater immer erfolgreicher wurde. Zehn Jahre, in denen viele Grössen, vor allem aus der Schweizer Kulturszene, dort aufgetreten sind: Rolli Frei, Pink Pedrazzi, Rosetta Lopardo, Gina Günthard, Sam Burckhardt, Little Chevy, Vera Kaa, Patrick Frey, Colette Greder, Touche ma Bouche, Pelati Delicati, Katharinas Schaubude, Basel Sinfonietta (einmal pro Saison wird klassisch gespielt) oder sogar der deutsche Enthüllungsjournalist Günter Wallraff.

Ärmel hochkrempeln

Wie konnte es dazu kommen, zu einem Schweizer Theater auf französischem Boden? Eine spannende Geschichte. Alles beginnt mit einem Kellerabstieg vor gut zwölf Jahren. Der Basler Christoph Stähli, kulturverrückter Lehrer am Wirtschaftsgymnasium, hatte 2001 im elsässischen Hegenheim ein altes Fabrikareal gekauft, die Hallen des ehemaligen Walliseller Garnherstellers Zwicky-Guggenbühl. Kunstschaffende hatten sich eingemietet, nutzten die vielen Räume als Ateliers und Büros.

Einer von ihnen war der Basler Schauspieler und Theatermacher Freddy Allemann, zusammen mit einem befreundeten Musiker hatte er sich eine Schreibwerkstatt eingerichtet. Eben dieser Freddy Allemann steigt also vor zwölf Jahren beim Parkplatz eine Treppe runter, stösst die Tür zu einem Keller auf und erschrickt erst mal. «Gruselig wars», erinnert er sich, «alles völlig versifft».

Doch in jenem Moment reift eine Idee: Ein Kulturareal wie dieses hier in Hegenheim sollte doch auch ein Theater beherbergen. Die Idee gärt weiter, Mäzen Stähli gibt grünes Licht, sagt bloss: «Macht einfach.» Und es wird gemacht. Allemann trommelt Freunde zusammen, begeistert sie für seine Idee. Der Rest ist Ärmel hochkrempeln, ausmisten, hämmern, sägen, streichen und die Finanzierung sicherstellen.

Basler Musikgrössen

Zwei Jahre später, am 4. April 2010, wird das Basler Kleinsttheater auf französischem Boden eröffnet; Kleinsttheater: Das Theater fände locker zehnmal Platz in der Schalterhalle der UBS. Zur Eröffnung ein grosses Fest mit einigen Basler Musikgrössen, unter ihnen Pink Pedrazzi.

Dass die Künstlerinnen und Künstler heute nicht mehr in den dunklen Kellerräumen, sondern im hellen Erdgeschoss auftreten können, ist letztlich der französischen Feuerpolizei zu verdanken. Sie schliesst das Theater 2013 Knall auf Fall, mitten in der Saison. «Diesen Tiefschlag mussten wir zuerst überwinden», sagt Freddy Allemann. Die Saison kann im Basler Exil beendet werden, neben anderen bietet das Unternehmen Mitte der Fabrik ihre Räume an.

«Wir haben viel Unterstützung erfahren in der Basler Kleinkunstszene, das hat uns Mut gemacht.» Einem ersten Frust folgt die Trotzreaktion. «Jetzt erst recht.» In die grosse Ausstellungshalle wird eine Trennwand eingezogen. Rund ein Drittel der Halle soll zum neuen Theater werden. Es klappt, Stähli hilft einmal mehr mit; er, Sponsoren und viele freiwillige Helfer machen es möglich, dass 2014 in der Fabrik wieder Theater gespielt wird, Bands auftreten, Lesungen stattfinden.

Viel Enthusiasmus

49 Plätze hat das neue Theater, mehr sind feuerpolizeilich nicht erlaubt; eine Bar, ein Backstagebereich mit gemütlichen Rattansesseln, alten Plakaten als Dekoration und einer Nische für den Tontechniker die Eingangstür ziert ein roter Samtvorhang, ein Hauch Theaterglamour, neben der Bühne trägt eine lebensgrosse Puppe eine Schutzmaske, mahnt die Besucher, die Schutzmassnahmen zu beachten, die in Frankreich noch strikter sind als in der Schweiz.

Viele Grössen aus der Schweizer Kulturszene sind im Theatre de la Fabrik schon aufgetreten, unter anderen Touche ma Bouche (Bild: Auftritt im Dezember 2018).
Viele Grössen aus der Schweizer Kulturszene sind im Theatre de la Fabrik schon aufgetreten, unter anderen Touche ma Bouche (Bild: Auftritt im Dezember 2018).

Auf den Erfolg des Theaters angesprochen, überlegt Freddy Allemann lange, sagt dann: «Ich glaube, dass die Künstler merken, dass hier Macher am Werk sind, die mit viel Enthusiasmus ein Theater führen und die sich nicht so schnell einschüchtern lassen.» Anders kann es sich Freddy Allemann nicht erklären, dass sogar ein etablierter Künstler wie Patrick Frey extra von Winterthur nach Hegenheim reist und gern wiederkommt. Oder dass die Fabrik 2014 den badisch-elsässischen Kulturpreis gewonnen hat. Darauf scheint er ganz besonders stolz zu sein. An den Gagen könne es ja nicht liegen, fügt er lachend an. Der gesamte Betrieb finanziert sich mit den Eintrittsgeldern, Sponsoren, Mitgliedsbeiträgen und dem Gewinn aus der Bar.

Zu den Geldgebern gehört auch die Gemeinde Hegenheim. «Wir sind von den französischen Behörden und auch von der Bevölkerung akzeptiert und geniessen viel Wohlwollen», sagt Allemann. Trotzdem, die Fabrik ist eine fast reine Schweizer Angelegenheit. Elsässer kämen nicht in ihr Theater, von französischen Künstlern würden sie nur höchst selten für einen Auftritt angefragt. Der Gemeinderat nehme zwar gern die Einladung zu einem gelegentlichen Apéro wahr, die Gratiseintritte aber würden nie eingelöst.

«Vorwärts schauen»

Woran das liegt, darauf kann sich Allemann keinen Reim machen. Er und der Vorstand hätten sich schon oft Gedanken darüber gemacht, seien aber zu keiner Lösung gekommen. Ressentiments können es keine sein, denn Steine lege ihnen niemand in den Weg. Covid-19 aber hat der Fabrik, wie allen anderen Kulturbetrieben, Steine in den Weg gelegt. Dodo Hug wäre ausverkauft gewesen, sagt Allemann; für letzten Samstag aber seien gerade mal ein Drittel der Tickets verkauft worden. Er stellt das ganz nüchtern fest, ohne in Klagen auszubrechen: «Wir müssen vorwärtsschauen und weitermachen.»

Was sich Allemann allerdings wünscht für die Zukunft: «Die Grenze im Kopf der Schweizer sollte langsam zu bröckeln beginnen.» Ein Allschwiler nehme eher eine Stunde Tramfahrt in Kauf und besuche ein Theater in Riehen, als dass er zu ihnen komme, gerade mal einen Steinwurf von seinem Zuhause entfernt. Es ist wirklich nicht weit vom verlassenen Zollhäuschen hinter dem Bachgraben zum Theatre de la Fabrik mit dem Velo keine drei Minuten; oder mit dem hauseigenen Gratisfahrdienst ab Kannenfeldplatz in knapp fünf Minuten ein Katzensprung.

www.theatredelafabrik.com

1 Kommentar
    Markus Schöpfer

    Es ist wohl der kulturelle Unterschied, der es den Elsässern schwierig macht, in ein kleines Schweizer Theater zugehen. Ich will gerne einmal die Gelegenheit wahrnehmen. Die Anziehungskraft ist spürbar.