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Studie des Bundesamts für UmweltSchweizer Banken und Versicherer halten ihr Klima-Versprechen nicht

Banken, Versicherer und Pensionskassen investieren immer noch zu viel in Kohle und Gas. Auch die ESG-Portfolios sind nicht immer so klimafreundlich wie gedacht.

Schweizer Banken stehen wegen ihrer Kredit- und Anlagepolitik im Visier von Klimaschützern: Hier ein Bild von Protesten bei der Generalversammlung der Credit Suisse im vergangenen Jahr vor dem Zürcher Hallenstadion.
Schweizer Banken stehen wegen ihrer Kredit- und Anlagepolitik im Visier von Klimaschützern: Hier ein Bild von Protesten bei der Generalversammlung der Credit Suisse im vergangenen Jahr vor dem Zürcher Hallenstadion.
Foto: Sabina Bobst

Schweizer Banken, Versicherer und Pensionskassen tun mehr, aber bei weitem noch nicht genug, um mit ihrer Anlage- und Kreditpolitik die Klimaerwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Das ist das Kernergebnis des neuen Klimaverträglichkeitstests, den das Bundesamt für Umwelt (Bafu) zum zweiten Mal gemeinsam mit dem Staatssekretariat für internationale Finanzfragen (SIF) durchgeführt hat.

«Der Schweizer Finanzsektor ist insgesamt noch nicht auf die Ziele des Übereinkommens von
Paris ausgerichtet», heisst es in dem Bericht. So würde der Schweizer Finanzsektor immer noch zu viel in Erdöl- und Kohleförderung investieren. 80 Prozent der am Test teilnehmenden Unternehmen halten demnach Firmen im Portfolio, die Kohle abbauen.

Diskrepanz zwischen Klimastrategien und Kommunikation

«Obwohl viel mehr Klimamassnahmen berichtet werden, weichen Klimastrategien und die Kommunikation dazu häufig von der tatsächlich realisierten Portfolioallokation ab», heisst es im Bericht. 179 Finanzunternehmen haben an dem zweiten Klimatest teilgenommen. 70 Prozent davon gaben an, eine Klimastrategie zu verfolgen, zum Beispiel, nicht länger in Unternehmen der Kohleförderung investieren zu wollen.

Tatsächlich haben aber mehr als die Hälfte jener Finanzmarktteilnehmer, die solch eine Ausschlussstrategie verfolgen, laut dem Klimatest noch Aktien oder Anleihen von Unternehmen, die Kohle fördern oder Kohlestrom produzieren. Insgesamt finanziere der Schweizer Finanzplatz sogar den zusätzlichen Ausbau der Ölförderung und des Kohleabbaus, warnt das Bafu.

Bei welchen Banken und Versicherern eine solche Lücke zwischen Worten und Taten vorliegt, das verrät das Bafu nicht, die Testergebnisse sind anonym. Immerhin: Es macht mittlerweile fast der gesamte Sektor mit (lesen Sie dazu den Artikel: Banken sollen ihre Benotung offenlegen).

Mehr Institute machen mit

Beim ersten Test 2017 nahmen 79 Pensionskassen und Versicherer teil. Beim jüngsten Test waren es bereits 179 Finanzunternehmen, darunter 106 Pensionskassen, 24 Versicherer und 31 Banken. Von den Banken sind nach eigenen Angaben der Institute alle führenden Häuser mit von der Partie, also UBS, Credit Suisse, die ZKB, Julius Bär und die Bank Pictet. Beim 2020er-Test wurde zudem nicht nur die Anlagepolitik unter die Lupe genommen, sondern auch, ob die Finanzbranche mit ihren Krediten und Immobilienanlagen den Klimawandel befeuert oder abbremst.

Die Testmethode basiert auf dem sogenannten Paris Agreement Capital Transition Assessment. Dies ist eine standardisierte Analyse für Aktien, Anleihen und Kreditportfolios. Dabei werden Produktionspläne der im Portfolio enthaltenen Firmen mit der Entwicklung verglichen, die laut der Internationalen Energieagentur (IEA) nötig ist, um den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad zu begrenzen.

Die Analyse umfasst vier Sektoren: Förderung fossiler Energien, Stromerzeugung, Transport (inklusive Autoproduktion, Schifffahrt und Flugverkehr) sowie Industrie (Zement und Stahl), für die klimaschädigende wie klimaverträgliche Technologien untersucht werden. Diese Sektoren machen nur 5 bis 15 Prozent der Anlagewerte aus, sind aber für 70 bis 90 Prozent der mit den Portfolios verbundenen CO2-Emissionen verantwortlich.

Enttäuschende ESG-Portfolios

Die Schweizerische Bankiervereinigung (SBVg) sieht in dem Thema «klimafreundliche Anlagen» eine riesige Geschäftschance: «Unser Ziel ist, die Schweiz als führenden Finanzplatz für nachhaltige Finanzen zu positionieren. Diverse Finanzinstitute haben ihre Anlagepolitik bereits komplett umgestellt», sagte SBVg-Geschäftsführer Jörg Gasser Ende vergangenen Jahres dieser Zeitung.

Banken werben unter anderem mit einer Geldanlage, bei der die sogenannten ESG-Kriterien (E=Umwelt, S=Sozial und G=Governance, also saubere Unternehmensführung) neben Rendite- und Risikokennziffern berücksichtigt werden. Laut dem Bafu-Bericht scheint hiervon aber viel Werbelyrik zu sein.

So sei das Gesamtergebnis der ESG-Portfolios in puncto Klimaverträglichkeit nur «durchzogen», heisst es im Bericht. Insgesamt würden die ESG-Portfolios zwar «etwas besser» abschneiden mit Blick auf eine CO2-arme Stromerzeugung. Doch dies würde nicht für alle als ESG-etikettierten Portfolios gelten», heisst es.

Von den teilnehmenden Instituten würden zudem 30 Prozent angeben, die Klima- und Nachhaltigkeitsziele ihrer Kunden zu erfassen. Aber nur 5 Prozent der Unternehmen sprechen ihre Kunden auch aktiv darauf an.

Verbesserungsbedarf gibt es auch bei den Immobilieninvestments: 70 Prozent der Immobilien von institutionellen Anlegern – also Profi-Investoren wie Pensionskassen oder Versicherer – werden noch mit Öl oder Gas beheizt. Bei den Gebäuden, welche Banken oder Versicherer mit Hypotheken finanzierten, seien es gar 80 Prozent.

Debatte um Regulierung

Das Resultat des Klimatests befeuert die Debatte um neue Regulierungen. Die Klima-Allianz, ein Verbund aus über 90 Organisationen, pocht nun auf Gesetze für klimaverträgliche Investitionen, die bundesrätliche Politik, die auf Freiwilligkeit baue, habe versagt. Die EU sei der Schweiz voraus, sagt Geschäftsleiter Christian Lüthi. Bundesrat und Parlament sollen daher deren Bestimmungen zum verbesserten Management von klimabedingten Finanzrisiken sowie zur Umlenkung der Finanzflüsse ins Schweizer Recht übernehmen.

Die Finanzinstitute sollen zudem verpflichtet werden, die von ihnen finanzierten Treibhausgasemissionen offenzulegen. Auch müssten Banken, Versicherungen, Vermögensverwalter und Pensionskassen in Zukunft verbindliche Handlungspläne festlegen, damit sie ihr Geschäft klimaverträglich ausrichten.

Der Ruf der Klimaschützer nach mehr staatlicher Kontrolle bestätigt bürgerliche Kreise in ihren Befürchtungen. Bereits nach dem ersten Klimatest des Bundes 2017 hatten Parlamentarier davor gewarnt, die ganze Übung diene letztlich einzig dem Ziel, schärfere Regeln für die Finanzbranche durchzusetzen. Entsprechend laut ist nun die Kritik an den Forderungen der Klimaschützer. Viele Finanzinstitute hätten schon mit der Covid-Krise zu kämpfen, sagt SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi. Ihnen neue Regulierungen aufzubürden, bringe sie nur weiter in Bedrängnis. Auch eine übergeordnete Überlegung spricht nach Ansicht von Aeschi dagegen: Wegen des Atomausstiegs in der Schweiz brauche es bis auf weiteres fossile Energie, also etwa Kohlekraftwerke, so der SVP-Nationalrat. In solche Anlagen zu investieren, sei legal. «Wir dürfen die Moral aber nicht über das Recht stellen.» Sonst würden mitten in der Covid-Krise noch mehr Arbeitsplätze gefährdet.

Auch wenn die Ergebnisse noch insgesamt zu wünschen übrig lassen; der Test selbst scheint zu wirken. Die Teilnehmer am Test 2017 schneiden 2020 insgesamt besser ab als ihre Konkurrenz, so die Studie.

15 Kommentare
    Adrian Hofstetter

    Die Finanzindustrie sollte aus Eigennutz handeln und vollkommen transparent machen, ob Werbeprospekt und Realität zusammenpassen. Fakt ist, dass sehr viele Leute heute ESG-konform anlegen wollen, aber dann einem Etikettenschwindel aufliegen.

    Die Covid-Krise hat hier überhaupt keinen Effekt. Im Gegenteil: es liegt sehr viel Erspartes rum, das investiert werden will. Es geht also lediglich darum, offenzulegen, in was der Kunde denn wirklich investiert.

    Am Besten ist das mit einer Transparenz-Pflicht zu erreichen, evlt. auch mit einer unabhängigen Zertifizierung. Die Finanzbranche kostet das fast nichts, und langfristig würde sie profitieren, wenn sie früh auf diesen Zug aufspringt.