Wo die Linke recht hat

Seit mehr als hundert Jahren gibt es die SP. Wozu? Eine Hommage.

Der Wille zur Veränderung geht immer vom Volk aus. Robert Grimm, treibende Kraft des Landesstreiks von 1918, spricht vor dem Bundeshaus in Bern.

Der Wille zur Veränderung geht immer vom Volk aus. Robert Grimm, treibende Kraft des Landesstreiks von 1918, spricht vor dem Bundeshaus in Bern.

(Bild: Keystone)

Markus Somm@sonntagszeitung

Ich habe mich diese Woche mit Ueli Mäder zum Lunch getroffen, jenem unbequemen und linken Soziologen, der zu den wenigen Basler Professoren zählt, die man noch kennt. Leider ist er inzwischen emeritiert. Anlass war ein Dokumentarfilm, den das Schweizer Fernsehen über ihn dreht – zu Recht dreht, denn er ist relevant –, und zu welchem Zweck die Autorin des Films, Helen Arnet, Mäder auch im Gespräch mit einem Rechten, also mir, einem Klassenfeind sozusagen, zeigen wollte.

Für beide ist das schmeichelhaft: weil es Mäder als jenen aufgeschlossenen Zeitgenossen darstellt, der sich auch gerne mit einem Liberalen auseinandersetzt, und umgekehrt gilt dann das Gleiche für mich. So viel zu meiner eigenen Eitelkeit – doch es geht mir um Ernsthaftes.

Während der recht langen Debatte bei Züri-Geschnetzeltem, etwas Bier und etwas Wein, wo wir uns naturgemäss in Wenigem einig wurden, was nicht weiter schlimm ist, sagte mir Mäder etwas Bedenkenswertes – neben vielem andern Klugen: dass man dem politischen Gegner, also der Linken, vielleicht auch einmal zugestehen sollte, etwas Gutes erreicht zu haben.

Helmut Hubacher ermahnte mich vor Jahren in ähnlicher Art und Weise, und es ist ja wahr: Im politischen Kampf geht manchmal vergessen, dass es hilft, dem Gegner gute Absichten zu unterstellen, noch besser ist es natürlich, wenn man ihn ehrlich dafür lobt, im Recht gewesen zu sein in einer Frage, wo man eine andere Meinung vertreten hatte.

Die Stärke der Linken in diesem Land beruhte früher auf der Einsicht: Ohne die einfachen Leute geht es nicht.

Wo hat die Linke recht bekommen? Wofür bewundere ich die Linke? Zunächst bin ich zu sehr Historiker, als dass ich das nicht historisch betrachten möchte, was mir auch leichterfällt, denn die Errungenschaften der Arbeiterbewegung in den vergangenen hundert Jahren halte ich für gross, selbst wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich das gut finde, worauf die Linke am meisten stolz ist.

Nehmen wir die AHV: Diese betrachte ich in erster Linie als eine politische Leistung, für die man die Linke preisen muss, weniger für eine inhaltliche. Es gäbe viel bessere Methoden, fürs Alter vorzusorgen, zum Beispiel, indem jeder eine eigene zweite Säule, vor allem basierend auf Aktien, aufbauen würde. Hätten wir 1948 jedem Bürger 2000 Franken geschenkt (und dann immer wieder), mit der Auflage, sie am Aktienmarkt anzulegen, wir hätten vermutlich weniger Finanzierungsprobleme in der Rentenversicherung.

Die mageren Renditen auf dem Aktienmarkt, die derzeit zu erzielen sind, täuschen darüber hinweg, dass man mit Aktien am nachhaltigsten am zunehmenden Wohlstand – und zwar weltweit – teilhat, während das alte Umlageverfahren von Anfang an eine Art Schneeballsystem bedeutete, das langfristig an der demografischen Entwicklung scheitern muss.

Je reicher wir sind, desto länger leben wir, desto weniger Kinder haben wir, desto ungünstiger wird das Verhältnis zwischen Zahlern und Empfängern. Ursprünglich, das sei nachgeschoben, war das Prinzip der AHV ja auch keine echte linke Idee, sondern Bismarck, der eiserne, reaktionäre deutsche Kanzler, erfand diese Sozialversicherung, um den Sozialdemokraten den Wind aus den Segeln zu nehmen, vor allem aber, um die Demokratie in Deutschland zu verhindern. Eine Rente als Ersatz für fehlende politische Rechte, das war ein typischer monarchischer Trick, der in der republikanischen Schweiz lange nicht verfing.

Dass die Linke die AHV, ein mangelhaftes System, durchgesetzt hat, halte ich dennoch für eine grosse politische Leistung. Sie steht symbolisch für die Tatsache, dass die SP den einfachen Leuten, den Metallbauschlossern, den Drehern und Gleisarbeitern, den Mechanikern und Sekretärinnen, den Näherinnen und Telefonistinnen Stolz verliehen hat, eine politische Ehre gewissermassen.

Den Stolz, mit eigener Kraft ein zum Teil borniertes Bürgertum dazu gebracht zu haben, eine wichtige Konzession an die einfachen Leute zu gewähren. Am meisten borniert, das möchte ich als Freisinniger im Übrigen betonen, verhielten sich die Katholisch-Konservativen und die welschen Föderalisten, also ausgerechnet jene Kräfte, die heute zu den besinnungslosesten Enthusiasten des sozialstaatlichen Ausbaus zählen.

Wer regiert dieses Land?

Die Stärke der Linken in diesem Land beruhte früher auf der Einsicht, die jeder haben muss, der sich auf Dauer politischen Erfolg wünscht in der Schweiz: Ohne die einfachen Leute geht es nicht. An ihnen kommt keiner vorbei, und nirgendwo ist das so ausgeprägt der Fall wie in unserem alten, zutiefst radikaldemokratischen Land.

Gewiss, Eliten gibt es auch hier – und wir brauchen sie, welches Land möchte auf intelligente, fähige Köpfe verzichten? –, aber ebenso gilt: Am Ende können die Eliten hier nur verwirklichen, wovon sie eine Mehrheit der Bürger zu überzeugen imstande sind, und die Mehrheit ist überall, nicht bloss in der Schweiz, eine Mehrheit der Metallbauschlosser, der Coiffeusen, Lastwagenfahrer, Magaziner und Verkäuferinnen.

Die Kraft, der Wille zur Veränderung, das Recht geht in der direkten Demokratie immer von diesen Leuten aus, vom Volk, nicht von den Professoren, nicht von den Journalisten, nicht von den vermeintlich Klugen, Intelligenten, Reichen. Jede Abstimmung zeigt das auf, und schon immer taten sich die Eliten in diesem Land damit etwas schwer.

Weswegen es stets von Neuem zum gleichen Drama kommt. Eine Elite entfernt sich vom Volk – und es breitet sich hier zunächst ein Unbehagen aus, dann eine Unruhe, schliesslich steigt eine politische Bewegung auf, oft durchaus geführt von Leuten aus der Elite, von Reichen oder Intelligenten und Querulanten, die man in der Elite nicht mag, aber das ist nicht der Punkt: Entscheidend ist, wofür sie stehen, und wenn sie Erfolg haben, dann liegt es daran, dass sie wiedergeben, was unter den einfachen Leuten rumort.

Die SP ist so entstanden – als sich die Liberalen und Freisinnigen 1894 mit den Demokraten zur FDP, der freisinnig-demokratischen Partei, zusammenschlossen, und diese neue FDP nach und nach das Gespür für die einfachen Leute verlor.

Die Arbeiter retteten sich zur SP, die Bauern zur BGB, die heute SVP heisst. Bald war die FDP eine Partei, die der heutigen FDP gleicht: eine Partei ohne Herz und Bauch, die nicht weiss, wie man dem Volk aufs Maul schaut, sondern voll ist von Akademikern, die klug schwatzen, aber selten klug handeln.

Die SP stieg schon vor dem Ersten Weltkrieg auf zur Partei der einfachen Leute, selbst wenn viele Akademiker sich für sie in den Kampf stürzten. Die SP gab jenen eine Stimme, die man zum Schweigen bringen wollte. Das halte ich für die grösste Errungenschaft der Linken in diesem Land von etwa 1900 an bis in die jüngere Gegenwart.

Die Linke der Goldküste

Ob die Linke das heute noch tut, steht auf einem anderen Blatt, das ich jetzt aus Freundlichkeit nicht allzu lange vorzeige. Immerhin müsste es ihre Vordenker beunruhigen, dass sie oft eine Sprache wählen, die ein Coiffeur oder ein Dreher nicht versteht. Wenn es nur die Sprache allein wäre: Es liegt am Inhaltlichen.

Als die SP für die AHV warb und sie diese den Bürgerlichen abrang, konnte sie davon ausgehen, dass eine bessere Absicherung im Alter tatsächlich ein dringendes Anliegen ihrer Wähler war. Einfache Leute wurden alt – und verarmten.

Es war ein Problem, das diese aus eigener Erfahrung erkannt hatten und selber ausdrückten, sie brauchten keine Akademiker dazu, die ihnen in zehn Thesen die Zukunft der Linken erklärten, was sie dann nicht begriffen, weil so viele Fremdwörter jede Aussage verstellten; sie brauchten keine Juso, die selber als Söhne und Töchter an der Goldküste oder in Arlesheim aufgewachsen waren, die ihnen einredeten, ein falsches Bewusstsein zu besitzen, wenn sie sich ab und zu daran störten, dass ihre Kinder in einer Schulklasse sassen, wo fast keiner mehr Schweizerdeutsch sprach.

Wenn die Linke überall, nicht bloss in der Schweiz, in Schwierigkeiten geraten ist, dann aus diesem Grund: dass sie das, was sie früher so gut konnte, nämlich den einfachen Leuten zuhören und ihre Sorgen ernst nehmen, dass sie das nicht mehr beherrscht oder nicht mehr für nötig hält. Manchmal hat man den Eindruck, die Linke bestehe heute aus akademischen Nostalgikern, die die Sorgen der einfachen Leute vor allem aus den Büchern kennen – und bei diesen Büchern handelt es sich um historische Werke, die die Zustände vor dem Ersten Weltkrieg beschreiben.

Habe ich jetzt getan, was Ueli Mäder meinte? Vermutlich nicht ganz. Am Ende musste ich doch noch recht behalten – gegen die bösen Linken.

Basler Zeitung

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