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Vielen Dank, Herr Bundesrat, auf weitere 40 Jahre!

In der Schweizer Armee gibt es ein Kleidungsstück, das verbindet. Der Rollkragenpullover, den die Soldaten gemeinhin als «Gnägi» bezeichnen, feiert sein 40-jähriges Jubiläum.

MeinungSerkan Abrecht
Der «Gnägi»-Pullover wurde 1978 nach dem damaligen Bundesrat Rudolf Gnägi benannt.
Der «Gnägi»-Pullover wurde 1978 nach dem damaligen Bundesrat Rudolf Gnägi benannt.
Keystone

«Komm mit», ruft der Oberleutnant lachend und führt mich zu einer ­Panzerhaubitze. Ich bin schon seit dem frühen Morgen auf dem Feld – und seit dem Sonnenaufgang hat es nicht mehr aufgehört zu regnen. Ich bin einer der Übungsleiter an diesem nassen Tag im Herbst. Ständig mit Leuchtweste und Klemmbrett unterwegs zu den ­Soldaten auf dem Feld, um zu schauen, ob hier alles nach Vorschrift läuft. Das tut es natürlich nicht, aber während Inspektionen bin ich auf einem Auge blind. Vielleicht weiss das der ­Oberleutnant, der ad interim eine Batterie als Kommandant führt.

Er öffnet die Tür zum Kampfraum der Haubitze. Da drin ist es warm, und ich glaube, dass meine blauen Lippen verraten haben, dass ich dringend eine warme Pause brauche. «Übungsleiter im Panzer», kündigt mich der Kadi ad interim an. Sofort erhebt sich die Mannschaft – also sie steht eher krumm, weil man in diesem niedrigen Raum nicht aufrecht stehen kann. Die Soldaten, von denen einige augenscheinlich gerade erst von ihrem kurzen Nickerchen aufgewacht sind, nehmen ihre Rucksäcke und werfen sie in eine Ecke. «Legen Sie sich da drauf», sagt einer. «Das ist bequemer. Die Wand vibriert bei der Fahrt.»

Die Ausrüstung der Armee ist schlicht alt und teils ­ziemlich unpraktisch.

Ich bedanke mich, ziehe die Jacke aus und lege mich hin. Es ist wohlig warm im Panzer. Die Heizung läuft wohl schon seit einigen Stunden. Einer der Soldaten hat mich bei meinem Ein­treten ein wenig abschätzig ­gemustert. Ich weiss, wieso. Ich trage wenig Ordonanzausrüstung. Ich habe eine spezielle, gefütterte Gore-Tex-Jacke. Version: Schweizer Armee. Ich trage keine Kampfstiefel 90, sondern hohe schwarze Stiefel der Marke Haix. Modell Tibet. Von der Logistikbasis als «felddiensttauglich» zugelassen. Ich trage nicht das offizielle, un­praktische Pistolenholster aus Leder, sondern ein Tieftragholster. Marke Safariland. Ich habe mir durch meinen Rang einige Extras gegönnt. Das schätzen nicht alle, ich weiss, aber die Ausrüstung der Armee ist schlicht alt und teils ­ziemlich unpraktisch. Das kann man nicht leugnen.

Als der Soldat aber sieht, was ich ­darunter trage, grinst er. Ich schaue mich im Kampfraum um. Drei Soldaten, ein Wachtmeister. Ausnahmslos alle haben sie ihr «Gnägi» bis zum Kinn hochgezogen. Auch ich. Also sind wir doch irgendwie gleich. Ein Kleidungsstück verbindet. Beim «Gnägi» handelt es sich im Original um einen langärm­ligen, olivgrünen Rollkragenpullover mit Reissverschluss, der nun seit 40 Jahren im Materialbestand unserer Armee ist. 1979 hat ihn der damalige Bundesrat Rudolf Gnägi (SVP) eingeführt. Eigentlich heisst der Pullover ­«Trikothemd 75». Aber niemand nennt ihn so. Alle nennen ihn ­«Gnägi». Auch jene, die nicht wissen, wer Gnägi war.

Gross muss die Dankbarkeit der Soldaten für einen Bundesrat gewesen sein, dass sie ein Kleidungsstück nach ihm tauften.

Gross muss die Dankbarkeit der Soldaten für einen Bundesrat gewesen sein, dass sie ein Kleidungsstück nach ihm tauften. Und nicht in abschätziger Absicht. Nein, man ist Rudolf Gnägi dankbar für dieses praktische ­Leibchen, das sowohl warm gibt, als auch praktisch ist – und je nach ­Tragweise sogar gut aussieht. Im ­November 1978 stellte Gnägi das «Gnägi» vor, und 1979 wurde es ­ein­geführt. Im selben Jahr trat der «Militärgrind» Gnägi aus dem ­Bundesrat zurück. «Das ‹Gnägi› feiert dieses Jahr das 40-Jahr-Jubiläum», sage ich. «Wirklich?», fragt der Soldat. Das Eis im Kampfraum ist gebrochen.

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