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Unsere Affäre mit den Bundesbahnen

Die Deutschen sind empört, dass ihre Soldaten gratis Zug fahren dürfen. In der Schweiz ist das eine Selbstverständlichkeit.

MeinungSerkan Abrecht
Uniform statt Billett: Die SBB lassen Angehörige des Militärs gratis mitfahren.
Uniform statt Billett: Die SBB lassen Angehörige des Militärs gratis mitfahren.
Keystone

In Deutschland herrscht Empörung. Ab dem 1. Januar 2020 dürfen die Soldaten der Bundeswehr gratis Bahn fahren. Auch der öffentliche Nahverkehr in Berlin und Brandenburg soll für sie umsonst sein. Die dauerempörte deutsche Presse jaulte auf. Es sei eine Frechheit, meinten sie fast unisono. Wieso Soldaten? Was sei mit Pflegern, Krankenschwestern und «Anti-Rechtsaktivisten»? Die dürften ja auch nicht gratis Zug fahren. Die Empörung schlug – einmal mehr – auf taube Ohren. Ab Neujahr gilt die neue Regelung ennet der Grenze.

Der Schweizer Soldat hingegen zuckt verständnislos mit den Schultern. Die Schweizerischen Bundesbahnen und die Armee: eine jahrzehntelange Freundschaft. Ich gehe sogar noch weiter: eine Affäre, deren Liebesfunke noch lange nicht erloschen ist. Seit 19 Jahren dürfen Angehörige der Armee in der ganzen Schweiz zu jeder Zeit gratis Zug fahren. Und Bus und Tram, Seilbahn und Schiff. Vorher galt die Übereinkunft zwischen Landesverteidigung und Bundesbahnen, dass die Soldaten jeweils beim Einrücken, nach der Entlassung und im allgemeinen Urlaub zwischen Wohn- und Dienstort gratis Zug fahren durften. Bis zum 4. Januar 2000. Dann kam die Medienmitteilung der SBB mit dem Titel: «Freie Fahrt fürs Militär!» Weiter schreibt die Pressestelle: «Der Marschbefehl ist gleichzeitig auch ein Generalabonnement, mit dem sich der Dienstpflichtige während der Dauer seines Dienstes frei bewegen darf.» Um den Beziehungsstatus nun doch noch einmal zu konkretisieren, oder noch besser, zu korrigieren: Aus einer Affäre wurde eine feste Beziehung. Aufeinander angewiesen

Die besteht aber nicht nur aus der freien Fahrt durch die gesamte Schweiz. Nein, zur gesunden Liebe gehört noch viel mehr dazu. Am Freitag bin ich mit Rolltasche und Offizierskiste zum Bahnhof gepilgert. Da im Untergeschoss bei der Gepäckaufgabe sass bereits ein Mitarbeiter der SBB und grinste. «Noch einer. Wo gehts denn dieses Jahr hin?», fragte er. «Nach Bière. In die Waadt», sagte ich und gab ihm meinen Marschbefehl. Er schnitt ein Eckchen mit den Piktogrammen der Rolltasche und der Offizierskiste aus dem Marschbefehl, während ich mein Gepäck auf das Laufband hievte. «Guten Dienst», sagte er zum Abschied, während er mir den Abholschein aushändigte.

Trotz allen Mankos, die die Bundesbahn so hat, ist sie ein essenzielles Merkmal der Schweiz. Über sie wurde gesungen, gedichtet, geschrieben. Auch über unsere Armee. Eine Schweiz ohne ihre Milizarmee? Undenkbar. Eine Schweiz ohne die SBB? Undenkbar. Diese zwei charakteristischen Unikate unseres Landes sind wohl deshalb so verflochten, weil sie nebst ihrer unverkennbaren «Swissness» auch aufeinander angewiesen sind. In Friedenszeiten die Armee wohl mehr auf die SBB. In Kriegszeiten umgekehrt, weil die Armee dann die Infrastruktur beschützen muss. Also plant man zusammen, fährt man zusammen. Das war schon immer so.

Der Kriegsexpresszug

Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs reagierten die damals noch jungen SBB mit einem «Kriegsfahrplan», den man schon 1897 ausgearbeitet hatte. Nachdem sich die Lage zuspitzte, folgte der eigentliche Kriegsbetrieb, und das Personal der SBB wurde sogar der Militärgesetzgebung unterstellt, was nicht allen Bähnlern gefiel. Im Zweiten Weltkrieg lief es ziemlich ähnlich ab. Da gab es aber neben den üblichen Militär-Extrazügen noch weitere Sonderzüge. Den für den Bundesrat, zwei Kommandozüge für General Henri Guisan sowie ein Kriegspresszug mit eingebauter Druckerei, der im Notfall in einem Tunnel im Gotthardmassiv abgestellt worden wäre.

Auch heute noch kutschieren die SBB von der kleinen Rolltasche bis zum 50-Tonnen-Panzer alles erdenkliche Material für die Armee durchs Land – wie auch die Soldaten, die mittlerweile so zum schweizerischen Zugverkehrserlebnis gehören wie der Geruch von verbrannten Gummi.

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